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Interview

Hannover: Stefan Schostok über Kultur, Musik und Härke

Hannover nimmt Kurs auf den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“. Oberbürgermeister Stefan Schostok will dafür 50 Millionen Euro in die Hand nehmen – die Hannover zugute kommen. Für den Bewerbungsprozess wird ein Kulturmanager gesucht. Auf dem Parkplatz am Hohen Ufer in der Nähe der Nanas soll ein Kreativraum für Musik entstehen. Und im Fall Härke strebt der OB eine Lösung „so schnell wie möglich“ an.

Hannover. Wenn Sie im Moment in ein Konzert oder eine Ausstellung gehen, Kunst sehen, können Sie da überhaupt noch abschalten?

Kunst bleibt für mich ein Kraftquell, ist es schon immer gewesen. Hannover hat mir seit meiner Schülerzeit immer reichlich geboten – eine Stadt, in der man künstlerisch tätig ist, aber einfach auch Kunst nur genießen kann. Kunst ist Entspannung und Inspiration. Ich setze mich gerne mit den Werken und Ideen von Künstlern auseinander. Das ist sehr anregend, auch aktuell.

Das ist auch in diesen Packen Papier eingeflossen, mit dem sich Hannover um den Titel einer „Europäischen Kulturhauptstadt“ bewerben will. Wie verbindlich sind diese 24 Seiten?

Sie sind der Anfang. Sozusagen der Stein, den wir in die Leine werfen, um die Diskussion um die Inhalte der Kulturhauptstadt-Bewerbung zu eröffnen. Denn zunächst war Aufgabe, eine dezernatsübergreifende Drucksache zu erstellen. Mit ihr erbitten wir vom Rat den Auftrag an die Verwaltung, das „Buch“ für die Bewerbung zu erarbeiten.

Wann soll dieses Buch fertig sein?

Ab dem Startschuss haben wir uns zwölf Monate gegeben. Zwölf Monate voller Diskussionen in der Kulturszene und der Stadtgesellschaft. Eine besondere Rolle bekommt dabei auch die Politik im Rat der Stadt Hannover. Wir wollen dafür ein gesondertes Gremium, eine Ratskommission „Bewerbung europäische Kulturhauptstadt“ einrichten.

Das hört sich erst einmal noch nicht sehr stringent an. Ist daran gedacht, eine Art Regisseur oder Dramaturgen zu gewinnen, der so etwas bündeln und vorantreiben und mit Ideen versehen kann?

Für die Stringenz haben wir mit dem gemeinsamen Papier der Verwaltung die Grundlage gelegt. Dazu gehört, dass es eine externe Beratung geben wird, jemanden, der sich dem gesamten Bewerbungsprozess komplett verschreibt. Wir brauchen hier einen Menschen, der international und kulturpolitisch hoch erfahren ist. Wir führen bereits Gespräche.

Es ist kritisiert worden, dass Hannover als Kulturstandort nicht ausreichend abgebildet ist. Mir zum Beispiel ist zu wenig Bildende Kunst enthalten.

Das Europäische Kulturhauptstadtprojekt bedeutet, ein kulturpolitisches Konzept anzustoßen, das alle Stadtentwicklungsthemen berührt. Deshalb darf man sich hier nicht einengen. Zunächst ist ein weiter thematischer Blick nötig – dann geht es um die Frage, wie und in welchen künstlerischen Formaten können die am Ende ausgewählten Themen dargestellt werden. „Fortbeweglichkeit“, „Grüner Daumen“ oder „Lasten des Zeitgeistes“ sind Themen, die in Hannover relevant sind und die dem Ganzen Struktur geben können. Ihnen Gesicht und Leben zu geben – da kommen dann die Kunst, die Orte und Räume und das Design zum Zuge.

Wie wurden diese Themen bestimmt?

Es geht darum, welche kulturpolitischen Themen wir mit europäischer Perspektive bearbeiten können. Und mit welchen wir ganz „bei uns“ sind, welche uns unterscheidbar machen von anderen Städten. Die Entwicklung der eigenen Stadt im europäischen Rahmen – das ist der Ausgangspunkt. Wir haben beispielsweise eine „grünkulturelle“ Entwicklung, die uns maßgeblich unterscheidet von fast allen Städten in Europa. Auch in der Musik haben wir in unserer kulturellen Identität ein Alleinstellungsmerkmal.

Das Sie verstärken wollen durch einen neuen Konzertsaal?

Das ist eine Idee, die man diskutieren kann. Gemeint ist ein Gebäude, ein Raum, in dem das Thema Musik im Vordergrund steht – für Aufführungen, Proben, kreativen Austausch. Ein Ort, der die Bedeutung der Musik für die Stadt veranschaulicht.

Und der sollte wo sein?

Ich habe schon ganz konkret einen Platz im Blick, das Grundstück dafür schon reserviert: der Platz am Hohen Ufer bei den Nanas gegenüber vom Parkplatz des Landtags – ein Raum, der eine große Aufmerksamkeit und viel Visionspotenzial hat.

Der neue Musiksaal müsste auch eine Leuchtturmfunktion haben …

Den Ort zu bespielen geht nicht ohne Architektenwettbewerb. Und es gab schon Wettbewerbe, die den Ort als Referenzpunkt genommen haben. Die kann man gut wieder zeigen, wenn es darum geht, den Platz neu in den Blick zunehmen, sodass er 2025 bereit steht.

Solche Neubauten würden die EU überzeugen?

Es geht der EU nicht in erster Linie um Neubauten – oder um eine „Leistungsschau“ dessen, was eine Stadt schon hat. Es geht um einen kulturpolitischen Prozess, bei dem wichtig ist, dass er nachhaltig ist.

Und der Geld kostet. Wie viel würde Hannover für diesen Prozess in die Hand nehmen?

Wir haben ein Budget aus verschiedenen Quellen – privatwirtschaftlich, öffentlich – um die 50 Millionen Euro anvisiert.

Die auch fließen würden, wenn es den Titel am Ende nicht gibt?

Wir wollen uns mit dem Beschluss über die Bewerbung entscheiden, uns kulturpolitisch zu engagieren, auch finanziell. Wir machen unsere Stadt für das Leben der Menschen in ihr attraktiver. Unabhängig vom Wettbewerb ist der Blick auf 2025 lohnend.

Hannover bewirbt sich nun „in aller Bescheidenheit“. Das neue Motto?

Ich nenne es lieber unser „Credo“ für unsere Herangehensweise bei der Bewerbung. Es spiegelt Selbstbewusstsein und Stolz in typisch hannöversch-britischem Understatement wider. Ein Credo, das zu einem Motto werden könnte.

Wäre das Disziplinarverfahren gegen Harald Härke nicht entstanden, wenn Sie gleich den gesamten Kulturbereich an sich gezogen hätten? Dann hätten wir keinen Kulturdezernenten Härke gehabt.

Es war nie Ziel, den gesamten Kulturbereich zur „Chefsache“ zu machen. Es gibt Themen wie die Kunstfestspiele, die aufgrund bestimmter Gegebenheiten beim Oberbürgermeister angedockt sind. Wir gehen also im Kulturbereich arbeitsteilig voran.

Und wie geht es weiter?

Es gab im Rat die Perspektive, bei einer erfolgreichen Annahme der Kulturhauptstadt-Bewerbung wieder ein eigenständiges Kulturdezernat einzurichten. Das ist ganz meine Meinung.

Aber mit einer anderen Person als Harald Härke?

Jetzt haben wir die Situation, dass durch diese wirklich leidige Affäre die Frage nochmal näher gerückt ist. Und nun besteht aus meiner Sicht für die Parteien im Rat die Möglichkeit, ein klares Signal zu setzen und eine mögliche Stellenausschreibung ins Auge zu fassen.

Aber wir haben ja noch einen Kulturdezernenten …

Ja. Weil Harald Härke das Angebot, in den vorzeitigen Ruhestand zu treten, wieder zurückgezogen hat. Dieses Hin und Her beschädigt das Projekt Kulturhauptstadt und das Ansehen der Stadtverwaltung nachhaltig.

Haben Sie bei diesem Hin und Her alles richtig gemacht?

Ich stehe dazu, dass ich über die Verfehlung, die Harald Härke begangen hat, nicht hinweggesehen habe. Dafür ist der Vorfall zu schwerwiegend. Mein Fehler bestand darin, dass ich Harald Härke vertraut habe. Inzwischen muss ich mir eingestehen, dass dieses Vertrauen jeder Grundlage entbehrte.

Sie wären also wieder für ein eigenständiges Kulturdezernat?

Ja, im Sinne einer Bekräftigung, dass wir unter kulturpolitischem Gesichtspunkt die Stadt entwickeln wollen.

Und der Kulturdezernent hätte sich dann nur um die Kultur zu kümmern?

Das würde ich dann mit den Fraktionen besprechen. Aber im Moment haben wir Stillstand an dieser Stelle.

Aber die Kunstfestspiele werden Sie in ihrem Bereich behalten?

Wir haben dafür ein eigenständiges Institut geschaffen, das in Kooperation mit den Herrenhäuser Gärten arbeitet, das aber fachlich und dienstlich beim Oberbürgermeister angesiedelt ist. So ist es auch mit dem Intendanten Ingo Metzmacher geregelt.

Wie geht das mit Harald Härke jetzt weiter?

Ich werde ihm weiterhin nahelegen, verantwortungsvoll im Sinne der Stadt zu handeln, und die einzig richtige Konsequenz zu ziehen.

Sie stecken ja im Moment in einer ziemlichen Zwickmühle. Welchen Zeitrahmen haben Sie sich gegeben, da wieder rauszukommen?

So schnell wie möglich – nicht zuletzt im Sinne des Projektes Kulturhauptstadt.

Dazu brauchen Sie eine arbeitsfähige Kulturverwaltung.

Für die Kolleginnen und Kollegen ist das im Moment schon sehr belastend. Als Harald Härke seinen Rücktritt eingereicht hatte, habe ich an vielen Reaktionen gemerkt, welche Erleichterung das brachte. Ich erlebe gerade, welches Entsetzen dieser Rücktritt vom Rücktritt ausgelöst hat, welche Sorgen in der Verwaltung, welche Irritation in der Politik. Ein Dezernent hat eine Vorbildfunktion, und die hat Harald Härke nicht mehr.

Und nun?

Ich bin nicht mehr bereit, mit Harald Härke zusammenzuarbeiten. Ich habe erlebt, nachdem er angekündigt hatte, im kulturellen Bereich wieder Vertrauen aufzubauen, dass dieses Vertrauen umgehend wieder gebrochen wurde.

Arbeitet der Kulturdezernent im Moment?

Er hat ja sein Büro. Und die Mitarbeiter. Und ich bekomme die Rückmeldung, dass es so wie es ist, schwer erträglich ist. Wir sind in dieser kleinen Katastrophe mittendrin – und ich denke nicht, dass das schöpferische Kräfte weckt.

von Henning Queren


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Hannover in Zahlen

  • Bundesland: Niedersachsen
  • Landkreis: Region Hannover
  • Fläche: 204,14 km²
  • Einwohner: ca. 550.000
  • Bevölkerungsdichte: 2552 Einwohner je km²
  • Postleitzahlen: 30159 - 30669
  • Ortsvorwahl: 0511
  • Kfz-Kennzeichen: H
  • Lage: 52° 22´ N / 9° 43´ O
  • Wirtschaft: Firmendatenbanken
  • int. Flughafenkürzel: HAJ
  • Stadtverwaltung: Trammplatz 2
     30159 Hannover
     Telefon: 0511 168-0
  • Oberbürgermeister: Stefan Schostok