Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Hannover: Staatsanwalt ermittelt im Seniorenheim
Hannover Meine Stadt Hannover: Staatsanwalt ermittelt im Seniorenheim
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:55 21.02.2018
Letzter HALT: Im Seniorenheim hoffen die Menschen auf gute Versorgung und medizinische Hilfe. Doch der Betrieb von Pflegeheimen ist längst zum Geschäftsmodell geworden. Gerade private Unternehmen sparen an der Bezahlung des Personals. Die Folge: Mitarbeiter-Mangel, schlecht qualifizierte Angestellte und demotiviertes Personal.   Quelle: Foto: dpa
hannover

Der Tod des Senioren Werner Brandauer (83, Name geändert) im St. Martinshof (Misburg) hat ein vorläufiges juristisches Ende gefunden. „Wir haben dem Pfleger einen Strafbefehl wegen fahrlässiger Tötung zugestellt“, erklärte Thomas Klinge, Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover. Die Strafe beläuft sich auf 90 Tagessätze.

Am 18. Oktober 2016 war Werner Brandauer in der Mittagszeit ums Leben gekommen (NP berichtete exklusiv). Er litt unter Demenz und Parkinson. „Der Senior brauchte Unterstützung beim Essen“, sagt Klinge. Dabei habe er Nahrung eingeatmet. Nach NP-Informationen hat der Pfleger seinem Schützling den Mund zugehalten, weil der 83-Jährige nicht mehr essen wollte. Oberstaatsanwalt Klinge begründete das Strafmaß: „Der Mann hat keine Vorstrafen und hat bislang ein unbescholtenes Leben geführt.“

Einzelfall oder Hinweis auf systhematische Pflegemängel? In einem weiteren Ermittlungsverfahren geht die Staatsanwaltschaft dem Tod einer Seniorin (71) nach. Sie lag elf Tage im Alloheim (Vahrenwald). Dann wurde sie mit Verdurstungserscheinungen und faustgroßen Druckgeschwüren (Dekubitus) ins Krankenhaus eingeliert worden. Am 5. Oktober 2017 verstarb die Frau im Nordstadtkrankenhaus. „Ein Gutachter prüft nun, ob die Pflegefehler zum Tod geführt haben“, so Klinge. Angehörige erstatteten Anzeige. Sie meinen, dass sich der Zustand der Frau im Alloheim verschlechtert habe. Bei „Frontal 21“ sagten sie, dass es vor dem Aufenthalt im Alloheim keine Hinweise auf Dekubiti gegeben habe.

Beide Heime waren in der Vergangenheit in die Kritik geraten. So hatte im Juni 2017 ein Pfleger des Alloheims per Notruf bei Polizei und Feuerwehr angerufen. Er sei wegen fehlenden Personal so überfordert gewesen, dass er sich mehr anders zu helfen gewusst habe. Verdi-Sekretär Thilo Jahn veranstaltete daraufhin eine Mitabeiterversammlung im Alloheim ein. „Mir berichteten die Kollegen von schweren Pflegemängeln“, sagte er. Viele Überstunden, fehlendes Personal oder teilweise unterlassene Wundversorgung. Im vergangenen Jahr habe die Heimaufsicht für drei Monate einen Aufnahmestopp gegen das Alloheim verhängt, erklärte Stadtsprecherin Konstanze Kalmus. Grund: zu wenig Personal. Der Aufnahmestopp ist wieder aufgehoben.

Das Unternehmen Alloheim ließ eine NP-Anfrage unbeantwortet. Gegenüber „Frontal 21“ räumte der Pflegekonzern ein, dass es bei einem Dekubitus-Patienten in Hannover zu Madenbefall gekommen sei. Aber das sei ein bedauerlicher Einzelfall. Weiter heißt es: „Für Wund- und Flüssigkeitsversorgung gibt es klare Regeln. Wir pflegen eine kooperative Arbeitskultur.“

Auch im St. Martinshof berichten ehemalige Mitarbeiter über Schikane gegenüber erfahrenen Mitarbeitern, hohe Fluktuation und schlechte Bezahlung. Verdi-Sekretär Jahn spricht von „Dumpinglöhnen“. Ein Unternehmenssprecher wies diese Vorwürfe entschieden zurück. Zwar hätten Mitarbeiter das Unternehmen verlassen. Aber die personelle Besetzung wie auch der Einsatz von Zeitarbeitskräften entspreche den gesetzlichen Regelungen.

Pflege oder Profit? Der St. Martinshof (ehemals Caritas) und Alloheim gehören zu Großkonzernen. Ende 2017 fusionierte das Johannesstift mit der Paul-Gerhard-Diakonie. Das Unternehmen umfasst jetzt etwa 80 Sozialeinrichtungen. Alloheim gehört mit 165 stationären Einrichtungen zu den drei größten privaten Pflegekonzernen. Die Carlyle-Gruppe (USA) hat laut Medienberichten Alloheim für 1,1 Milliarden Euro an Nordic Capital verkauft.

Von Thomas Nagel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!