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Meine Stadt Hannover: Sprengel - Geschichte einer Fabrik
Hannover Meine Stadt Hannover: Sprengel - Geschichte einer Fabrik
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00:16 09.05.2016
ÜBERGABE: Autorin Kristina Huttenlocher (links) hat dem Stadtarchiv die entdeckten Unterlagen überlassen. Leiterin Cornelia Regin hält weitere Forschung zur Industriegeschichte für wichtig. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Am Freitag übergab Huttenlocher zahlreiche Fundstücke dem Stadtarchiv Hannover - drei laufende Meter Geschäftsbücher. Unterlagen, die Mitarbeiter nach dem Aus des Unternehmens vor Aktenvernichter und Müllcontainer retteten, um sie in ihren Garagen zu bewahren. "Das zeigt die hohe Identifikation mit der Firma", sagt Huttenlocher. Ein Schokoladenmeister etwa habe ganz bewusst von "seiner" Firma gesprochen. "Er sagte: Die gehört mir zwar nicht, aber ich bin für die Qualität verantwortlich", berichtet die Forscherin.

Cornelia Regin, Leiterin des Stadtarchivs, war über die Schenkung begeistert: "Wir sind nicht so glücklich mit den überlieferten Quellen, da ist viel bei Insolvenzen und Übernahmen unter die Räder gekommen." Auch habe das Stadtarchiv in der Regel eher Unterlagen aus dem staatlichen Bereich, weniger aus den Firmenakten.

Den Grundstock ihrer Arbeit, darunter zahlreiche Korrespondenzen etwa zwischen Firmenchef August Sprengel und dem Betriebsrat, fand Huttenlocher im Hauptstaatsarchiv. Dort lagert der Sprengel-Nachlass, allerdings bislang eher unbeachtet. "Es ist in Hannover sehr wenig zur Industriegeschichte geforscht worden", bedauert Huttenlocher. Daher konnte sie kaum auf vorbereitende Arbeiten zurückgreifen und musste sich alle Materialien mühsam zusammensuchen. Auch der Sprengel-Nachlass reichte nur bis 1908 zurück, Sprengel war aber 1851 gegründet worden. "Die alten Unterlagen fehlten." Die fand sie dann aber im westfälischen Wirtschaftsarchiv.

So erfuhr sie interessante Details, etwa, dass der Vater des Firmengründers, übrigens auch ein Pastor wie der Appel-Vater, seinem Sohn Bernhard für das Unternehmen 300 Thaler preußisch Courant zur Verfügung stellte. Doch noch blieben viele Lücken. Ein Aufruf in der Zeitung half; mehrere ehemalige Mitarbeiter, die noch Materialien hatten, meldeten sich.

So konnte Huttenlocher ein spannendes Puzzle aus Geschäftsbüchern, Korrespondenzen sowie sozialen Daten zusammenstellen und 150 Jahre Firmengeschichte lebendig aufarbeiten. "Wir erfahren etwa, wer wo mit wie viel Waren von Sprengel beliefert wurde, wie das Vertriebsnetz ausgesehen hat." Insbesondere die handschriftlichen Geschäftsberichte, die sich Huttenlocher als erstes intensiv angesehen hatte, gaben Einblicke in die Geschäftsbeziehungen, wie sich deutsche Schokoladenhersteller allmählich gegenüber der französichen, englischen und schweizerischen Konkurrenz durchsetzen konnten. "Deutsche Schokolade hatte eine schlechten Ruf, was an Zutaten wie Runkelrübenmehl lag. Dann aber haben die Hersteller einen Verband gegründet und eine Art Reinheitsgebot für ihre Schokoladen verfasst." Das war bereits in den 1870er Jahren.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts galt es, das Zuckermonopol zu bekämpfen, das den Schokoladenherstellern mit Monopolpreisen das Leben schwer machte. Der Verband gründete schließlich eine eigene Zuckerfabrik. Da der unverzichtbare Rohstoff Kakao den größten Teil der Herstellungskosten ausmachte, gründete der Verband auch eine Einkaufsgesellschaft. Das war zwar nicht so schön für die Erzeuger, die erst heute auf dem Umweg über den fairen Handel wieder etwas optimistischere Aussichten haben können, für den Verbraucher in Deutschland blieb die Nascherei dafür bezahlbar.

Die Sicherung des Rohstoffs war wohl auch der Hauptgrund dafür, dass Bernhard Sprengel, der Enkel des Firmengründers, 1940 in die NSDAP eintrat, mit deren Geisteshaltung er laut Huttenlocher eigentlich nichts am Hut hatte. Polnische Zwangsarbeiter wurden ihm zwar zugewiesen, er habe sich aber sehr für eine gute Behandlung und vor allem angemessene Unterbringung eingesetzt, sogar eine Urlaubsregelung vorgeschlagen.

Andere Unterlagen wie eine Arbeits- und Fabrikordnung aus dem Jahr 1888 zeigen ein Stück Arbeitsalltag unter dem Zeichen der Sozialistengesetze. Verbot reiht sich da an Verbot. Wer sich mit einem Kollegen unterhielt, musste 50 Pfennig bis zu einer Mark an Strafe zahlen. Jeder Arbeiter hatte ohnehin eine Sicherheitsleistung von 30 Mark zu leisten, von der etwaige Strafzahlungen abgezogen wurden. Diese Summe entsprach dem Lohn für rund 100 Stunden Arbeit.

Doch gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch durchaus Annäherungen zwischen Firmenleitung und Arbeitern. Sprengel wie auch Bahlsen schlossen 1903 einen der ersten Tarifverträge überhaupt ab. "Und auch in anderen Fragen zeigen sich in den Korrespondenzen etwa mit dem Betriebsrat eine hohe Kompromissbereitschaft und Pragmatismus", betont Huttenlocher. "Es ging allen Beteiligten zuerst um das Wohl der Firma." Ein Zug, den die Forscherin für Hannover fast typisch hält. Eine These, die zukünftige Forschungen zur Industriegeschichte in Hannover vielleicht belegen könnte.

Das mit vielen Bildern ausgestattete, 320 Seiten starke Buch "Sprengel. Die Geschichte der Schokoladenfabrik" soll Ende Mai zum Preis von 29,80 Euro im Verlag Dietrich zu Klampen erscheinen.

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