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Meine Stadt Hannover: Mordprozess 22 Jahre nach der Tat
Hannover Meine Stadt Hannover: Mordprozess 22 Jahre nach der Tat
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17:22 09.03.2017
MORD-PROZESS: Anwalt Holger Nitz im Gespräch mit dem Angeklagten Hassan K. Foto:Petrow Quelle: Florian Petrow
hannover

Die attraktive Frau mit den gelockten braunen Haaren kommt aus dem Haftbereich des Landgerichts. Dort, wo normalerweise die inhaftierten Angeklagten die letzten Stufen vor der Anklagebank nehmen. Hinter ihr geht ein LKA-Beamter. Die 39-Jährige befindet sich im Zeugenschutzprogramm. Gestern sagte sie im Mordprozess „Fuhrberger Forst“ gegen ihren Cousin, Hassan K. (59), aus. Sie sollte mit ihm 1995 zwangsverheiratet werden; ein tiefer Blick in eine archaische Welt.

„Er wollte, dass ich für ihn Kinder mache“, sagte die Zeugin. Hassan K. konnte mit seiner ersten Frau keinen Nachwuchs zeugen. Doch der Angeklagte habe gegen jesidische Sitten verstoßen, so die Zeugin. Er entjungferte die 17-Jährige vor der Heirat. Der Bruder (24) der jungen Frau kam aus dem Irak nach Hannover, um die Beziehung zu lösen.

Im Juli 1995 wurde der Bruder im Fuhrberger Forst (Wedemark) ermordet. Hassan K. soll mit seinem Bruder Ibrahim und einem Freund der Familie Blutrache geübt haben. Nur noch Hassan K. sitzt auf der Anklagebank, die anderen Angeklagten sind verstorben. Ein Tatzeuge, der das Verbrechen mitangesehen haben will, ist im Irak verschollen.

Glaubt man der Zeugin, dann hat sich besonders der verstorbene Ibrahim K. (Bruder von Hassan) um die Familienfehde gekümmert. „Mein Bruder hat Ibrahim verprügelt. Er lag im Krankenhaus“, so die 39-Jährige. Danach war Ibrahim ein anderer Mensch. Er ließ sich vor Kummer einen Vollbart stehen und rührte seine Frau nicht mehr an. „Sein Leben geht erst weiter, wenn er deinen Bruder umgebracht hat“, habe ein Bekannter zu ihr gesagt. Als der Bart ab war, war Ibrahim wieder froh und der Bruder tot. Danach soll es Blutgeld-Verhandlungen im Irak gegeben haben.

Für Anwalt Holger Nitz sind das Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Zwischen 1997 und 2001 war die Zeugin untergetaucht und hatte sich der PKK angeschlossen. Er warf der Zeugin vor, dass ihre Aussagen zu unkonkret seien: „Früher haben sie gesagt, dass die Blutgeld-Verhandlungen zwischen den Familien in Dänemark stattgefunden hätten. Heute ist es der Irak.“ Früher habe die Zeugin auch gesagt, dass ein Geistlicher die Blutgeld-Verhandlungen geführt habe. Der Mann habe das später bestritten. 2001 zeigte die 39-Jährige Hassan K. wegen Vergewaltigung an. Der Mann wurde 2004 freigesprochen.

Ein Prozess wie eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Gewiss ist nur eins: Ein Jeside fand 1995 im Fuhrberger Forst einen gewaltsamen Tod.

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