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Meine Stadt Hannover: Krisenmanager für echte Notfälle
Hannover Meine Stadt Hannover: Krisenmanager für echte Notfälle
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11:41 02.02.2016
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Hannover

„Ein 14-jähriges Mädchen lag unter dem Auto, wir zogen sie hervor“, so Kröger. Sie war tot, die Reanimation gelang nicht. Und das kleine Mädchen trug bunte Ringelsöckchen. „In so einem Moment zählt nicht, dass wir die anderen gerettet haben. Da herrscht eine große Frustation.“ Niemand traute sich, die Leiche zu bewegen. „Ich habe dann die Totenwache gehalten und bin mit der Polizei zu den Eltern gefahren.“ Seitdem arbeitet Kröger als Notfallseelsorger.

Am 1. Juli hat er seine hauptberufliche Viertelstelle im Sprengel Hannover begonnen, ist nun für die Koordination und Fortbildungen zuständig. In seiner Gemeinde Neustadt bleibt er weiterhin aktiv. Er begleitet Einsatzkräfte der Feuerwehr und Polizei durch schwere Erlebnisse, hilft bei Plötzlichem Kindstod oder Suizidversuchen.

„Technisch, organisatorisch oder medizinisch sind alle gut ausgerüstet, aber für die Seele wird nicht genügend Sorge getragen.“ Bei seiner Arbeit habe er einen anderen Blickwinkel: auf Menschen, die schutzlos sind, auch wenn sie nicht blutend auf der Straße liegen.

„Ich sehe das als besonders intensiven Teil meiner pastoralen Tätigkeit“, so Kröger. Für ihn seien die Einsätze als Notfallseelsorger sehr erfüllend. Noch nie habe er das Gefühl gehabt, seine Anwesenheit sei nicht hilfreich. Doch die richtigen Worte zu finden ist schwer. „Sehr schwer“, gibt Kröger zu, „es ist wohl zu überlegen, was man sagt oder ob man auch einfach schweigt. Trauer, Wut und Schmerz einfach aushält.“

So manche Nacht hat er verbracht, um Menschen auf einem schwierigen Weg ein Stück zu begleiten. Ein Geländer zu sein, an dem sich die Betroffenen festhalten können. Selbst wenn manchmal Türen vor Wut zertrümmert werden.

„Es ist ein Einschnitt in das Leben, und doch spürt man dort die Dankbarkeit, auch wenn kein klarer Gedanke gefasst werden kann“, erinnert sich Kröger an die vergangenen 16 Jahre. Am Anfang habe er nicht gewusst, ob er dem Schrecken und dem Drama standhalten könne. „Gott hat mir immer Halt gegeben.“ Vor jedem Einsatz spricht Kröger ein Gebet, um Geleit und Segen. Es gibt ihm das Vertrauen, sich auch schwierigen Situationen auszusetzen.

Doch auch Notfallseelsorger müssen sich den Kummer und die Anspannung von der Seele reden. „Wir haben Pastoralpsychologen, die uns auch für Einzelgespräche zur Verfügung stehen, um die Dinge zu verarbeiten.“ Seine Frau möchte er damit nicht belasten. Denn es gebe Einsätze, die einen an der empfindlichsten Stelle treffen. Wie das Mädchen mit den Ringelsöckchen.

„Mein Sohn war damals genauso alt“, sagt der dreifache Familienvater. Wenn alle Anspannung nach einem Einsatz weicht, lehnt sich Kröger manchmal gerne mit einem Glas Single Malt Whisky zurück, liest in einem Buch oder hört Musik. Schlafen kann er dann nicht. „Die Erinnerungen bleiben, aber es ist erfüllend, menschliches Leid erträglicher zu machen.“

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