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WAS ALLES IN DER TONNE LANDET: Aus diesen Abfällen fischen die Containerer ihr Müll-Menü zusammen.

WAS ALLES IN DER TONNE LANDET: Aus diesen Abfällen fischen die Containerer ihr Müll-Menü zusammen.© NANCY HEUSEL

Containern

Hannover: Kopfüber in die Mülltonne

Studenten „containern“ - sie durchwühlen Supermarkt-Müllcontainer nach genießbarem Obst und Gemüse - die grassierende Lebensmittelverschwendung rückt immer stärker in die Diskussion. Ein NP-Report zu einem wichtigen Thema.

Hannover. Mittwochabend, kurz vor 21 Uhr, nur wenige Schritte von der Markthalle entfernt. Ein guter Zeitpunkt, um beim Biomarkt Denn’s vorbeizuschauen. Eine Gruppe von fünf Studenten, vier junge Männer und eine Frau, geht in den dunklen, nur spärlich ausgeleuchteten Hinterhof. Dort, wo die Abfallcontainer der Biokette stehen, ist ihr Revier.

Timon Dzienus (19), Marcel Duda (24) und Liam Harrold (20), ihre beiden Begleiter wollen unerkannt bleiben, sind Mülltaucher. Immer mittwochs oder „manchmal auch auf dem Heimweg von der Uni“, so Harrold, durchwühlen sie die Abfallcontainer der Supermärkte - auf der Suche nach brauchbaren Lebensmitteln. Containern nennt sich das. Seit einem halben Jahr machen sie das regelmäßig. Seit der Dokumentarfilm „Taste the Waste“ (,Probier den Abfall‘) 2011 die weltweite Lebensmittelverschwendung angeprangert hat, ist das Phänomen Containern auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden.

Jeder Bundesbürger wirft pro Jahr durchschnittlich 81,6 Kilogramm Lebensmittel in den Müll (siehe Info-Kasten). 61 Prozent der Abfälle entstehen dabei in Privathaushalten, der Rest in Gastronomie, Industrie und Lebensmittelmärkten. Kenner der Szene schätzen, dass mittlerweile bundesweit Zehntausende in den Hinterhöfen der großen Supermärkte nach Essbarem in der Tonne suchen.

Liam Harrold öffnet den Deckel der Mülltonne, Dzienus leuchtet mit der Taschenlampe seines Smartphones hinein. Der gesamte Boden ist mit Müll bedeckt. Vieles ist nicht mehr brauchbar, Ungeziefer sieht man nicht. „Was ist mit der Orange da in der Ecke“, fragt Anne (Name geändert). Harrold taucht ab, nur noch seine Beine ragen aus der grünen Tonne. „Vergammelt“, hört man ihn dumpf. Als er auftaucht, hält der Student, dessen Vater Koch ist („Anfangs hat mein Vater komisch geschaut“), Lauchzwiebeln, Rettich, Pastinake und ein Sojagetränk in den Händen. Auch Dzienus hat Beute gemacht: einen Kopfsalat, Geflügel- sowie einen Möhren-Apfel-Salat: „Das ist ganz okay, was wir heute aus dem Müll gefischt haben. Wir hatten aber auch schon deutlich mehr.“ Anne ist mal wieder erstaunt, „was man beim Containern so alles findet“.

Die Hintertür des Denn’s-Marktes geht auf, ein Mitarbeiter tritt zum Rauchen vor die Tür. Man begrüßt sich, man kennt sich. Angst vor Ärger haben die Containerer nicht. „Wir wissen natürlich, dass es illegal ist, Müll wegzunehmen, was total absurd ist. Aber Denn’s duldet das Containern“, erklärt Timon Dzienus. So heißt es auch von offizieller Firmenseite.

Doch warum steigen junge Menschen auf der Suche nach Lebensmitteln in Müllcontainer? Geldsparen sei ein Motiv, sagen alle. „Wenn wir das täglich machen würden, könnten wir über 50 Prozent unserer Essenskosten einsparen“, sagt Duda. Doch Geld sei nur ein Randaspekt. Viel wichtiger sei Folgendes: „Wir verstehen einfach nicht, warum noch haltbare Lebensmittel weggeworfen werden“, sagt Marcel Duda. Die Ansprüche an Gemüse und Obst seien in Deutschland „schwachsinnig hoch“: „Möhren dürfen nicht schief sein, Äpfel und Paprika nicht runzelig. Alles, was nicht dem Ideal entspricht, wird weggeworfen. Das ist krass.“

Das neue Gesetz, das seit kurzem in Frankreich Supermärkte dazu verpflichtet, Lebensmittel zu spenden, statt sie in den Müll zu werfen, begrüßen die Mülltaucher. „Ein solches Gesetz wäre auch ein Fortschritt für Deutschland“, glaubt Harrold. Doch Gesetze allein würden nicht genügen, auch daran glaubt er: „Es muss auch ein Umdenken beim Verbraucher und seinem Konsumverhalten einsetzen. Auf allen Ebenen sollte nachhaltig gedacht werden.“ Das Tauchen im Müll sehen sie in diesem „großen Gesamtkontext“ klar als politisches Statement: „Wir zeigen damit die grundsätzlichen Probleme auf. Die Tatsache, dass täglich Unmengen an Lebensmitteln achtlos im Müll landen“, so Timon. Anne gesteht, dass ihr das Containern daher „ein gutes Gefühl gibt“. Auch Liam Harrold sagt: „Mir gefällt der soziale Aspekt, aber auch die Gemeinschaft dabei. Aber viel wichtiger ist: Wir retten damit Lebensmittel. Und das ist doch ein tolles Hobby.“


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