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Hannover: Komasaufen weiter ein Problem

Jeder siebte Jugendliche hat einmal im Monat einen Vollrausch – jeder dritte schon einmal Alkohol ausprobiert. Trotzdem ist das Thema Komasaufen inzwischen aus der Öffentlichkeit fast verschwunden. „Ein Fehler“, kritisiert Christoph Möller, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Krankenhauses Auf der Bult. Denn „wir haben keinen nennenswerten Unterschied, was die hohen Fallzahlen in unserer Aufnahme betrifft“.

Hannover. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bestätigt dies: Zwar würden seit einigen Jahren leichte Positivtrends verzeichnet – allerdings sei das Niveau generell „zu hoch“. Heißt: Es trinken zwar ein paar weniger, aber es sind noch viel zu viele.

Überraschend ist das nicht – gerade Jugendliche und Heranwachsende hätten einen starken Drang, auszuprobieren, Grenzen auszuloten, Kicks zu bekommen, erklärt Serdar Saris, Chef der Drogensuchteinrichtung Step. Entsprechend wichtig sei Aufklärung.

Dass Trinken generell an Stellenwert verliere, hat auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler (CSU) festgestellt. Aber auch sie sagte bei der Vorstellung des Suchtberichts 2015: „Sorge bereitet uns weiter das Rauschtrinken.“

Angesichts dieses Problems kann Chefarzt Christoph Möller auch die Debatte um eine Legalisierung von Cannabis nicht verstehen – er sagt ganz klar: Es gibt mit Alkohol und Nikotin bereits zwei legale Drogen, „wir sollten uns darum kümmern, dass diese insgesamt weniger konsumiert werden – und keine dritte erlauben“. Immerhin: Jugendliche begehen inzwischen nur noch halb so oft Straftaten unter Alkoholeinfluss wie noch vor vier Jahren, so die Polizei Hannover.

Geht Cannabis-Debatte an Problemen vorbei?

Die Debatte um eine Legalisierung von Cannabis – geht sie an anderen aktuellen Problemen vorbei? Zumindest sieht Christoph Möller zuerst im Bereich Alkohol Handlungsbedarf, bevor weitere Rauschmittel erlaubt werden sollten.
Möller ist Chefarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie auf der Bult und erlebt dort, wie immer noch viele Jugendliche und auch Kinder nach Alkoholexzessen
eingeliefert werden. „Weil die Zahlen beim Alkoholmissbrauch bei dieser Gruppe nicht steigen, verschwindet das Thema etwas aus der Öffentlichkeit“, sagt der Mediziner, „richtig ist aber: Die Zahlen sind auf hohem Niveau stabil.“ Man habe sich nur zwischenzeitlich daran gewöhnt – der Aufschrei bleibe aus.

Möller hatte kürzlich bei einer Expertenrunde zum Thema Cannabis-Legalisierung der FDP die liberale Einstellung der Partei kritisiert. Dass Alkohol und Nikotin erlaubt seien, rechtfertige nicht, ein drittes Rauschmittel für Erwachsene freizugeben (NP berichtete). Einerseits würde es dadurch weniger gefährlich auf jugendliche Konsumenten wirken. Andererseits würde er sich aus Erfahrung wünschen, dass noch viel stärker gegen den Konsum anderer – bereits legaler – Rauschmittel gearbeitet würde.

Chefarzt Möller wundert sich etwa, wieso in Deutschland Alkohol so niedrig besteuert wird und quasi für Centbeträge rund um die Uhr erhältlich sei – „das regeln andere Länder anders“. Auch bei der Umsetzung einer EU-Richtlinie zum Werbeverbot für Zigaretten sei Deutschland erstaunlich zögerlich gewesen.

Als ehemaliger Leiter von „Teen Spirit Island“, der Suchteinrichtung der Bult, kennt er auch die psychischen Folgen von Rauschmitteln bei Kindern und Jugendlichen sehr gut. Nicht immer müssen die Erfahrungen mit Rauschmitteln dort – und teilweise mit Folgeerscheinungen von Depressionen bis zu schlechterer Hirnentwicklung – enden. Doch das bundesweite Problem des Trinkens mache sich eben wie überall in Kliniken auch in der Notaufnahme auf der Bult weiter bemerkbar: „Die stationären Einweisungen sind runtergegangen, die ambulanten Vorstellungen dafür mehr geworden, die Gesamtzahl ist damit annähernd gleich geblieben.“ Grundsätzlich seien hochprozentige Getränke wie Wodka bei vielen Jugendlichen eben doch noch cool.

Von den Zwölf- bis 17-Jährigen geben laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aktuell zehn Prozent und von den 18- bis 25-Jährigen 33,6 Prozent an, dass sie regelmäßig Alkohol trinken. Immerhin: Etwa jeder Dritte im Alter von zwölf bis 17 Jahren sagt, dass er oder sie im Leben noch nie Alkohol getrunken hat. Obwohl die Verbreitung des Rauschtrinkens laut BZgA „teilweise zurückgeht, ist sie insgesamt immer noch zu hoch“, wie es im Jahresbericht heißt. In Zahlen bedeutet dies: 15,9 Prozent der männlichen und 12,5 Prozent der weiblichen Jugendlichen geben an, dass sie sich mindestens einmal im Monat in einen Rausch trinken, bei den 18- bis 25-Jährigen sind es bei den Männern 44,6 Prozent und bei den Frauen 32,9 Prozent.

Von Sebastian Scherer


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