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Meine Stadt Hannover: Immer mehr Kinder gestresst
Hannover Meine Stadt Hannover: Immer mehr Kinder gestresst
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00:16 08.04.2016
20,8 Prozent der Kinder mit hohem Stresslevel haben das Gefühl, nicht zu schaffen, was die Eltern von ihnen verlangen. Quelle: dpa
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Hannover

Manchmal sind es die - im wahrsten Sinne - kleinen Dinge, die Jugendliche aus der Bahn werfen können. Die Größe des Penis zum Beispiel. Immer wieder rufen junge Männer beim Kinder- und Jugendtelefon Hannover an, weil sie genau dieses Problem umtreibt: „Dafür habe ich dann die Statistik zur Hand. Wenn die Jungs hören, wie so die Durchschnittswerte sind, merken sie oft zwei Dinge: erstens, dass ‚klein‘ ganz normaler Schnitt ist, und zweitens, dass die Jungs auf dem Schulhof wahrscheinlich einfach: lügen“, erklärt Simone Lehm, Telefonberaterin.

Mehr als 14 000 Anrufe laufen im Jahr bei Hannovers Ableger der bundesweiten Service-Nummer 116 111 ein - der „Nummer gegen Kummer“. In der niedersächsischen Landeshauptstadt wird sie vom Kinderschutz-Zentrum (Escherstraße) aus betreut. Eine wichtige Aufgabe - in keiner Stadt in Deutschland haben statistisch mehr Jugendliche Gesprächsbedarf. Dank einer Zusammenarbeit mit der Telekom tauchen die kostenlosen Anrufe nicht auf der Verbindungsliste auf.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Anrufe fast kontinuierlich gestiegen. Koordinatorin Petra Lorenz führt das auch auf die zunehmende Verbreitung von Handys bei sehr jungen Menschen zurück - „man muss nicht warten, bis Mama und Papa mal außer Haus sind“. Aber auch auf den gesellschaftlichen Druck, dem Jugendliche ausgesetzt sind: Mobbing endet heute nicht mehr nach Schulschluss. Über digitale Kanäle setzt sich das verletzende Verhalten nicht selten fort.

Beraterin Lehm kennt das Problem gut, einmal in der Woche sitzt sie zwei Stunden am Telefon. Lehm ist nicht der richtige Name der Beraterin - sie soll anonym bleiben, damit nicht plötzlich ein Anrufer erfährt, dass er mit der Mutter seines besten Freundes telefoniert hat: „Das würde das Vertrauen erschüttern.“ Und das ist wichtig. Nicht selten geht es um deutlich größere Probleme als die eigene Anatomie. Ritzen, das bestätigen Koordinatorin und Beraterin, nehme als Phänomen wieder zu. „Die Jugendlichen sehen das im Internet und machen es nach“, sagt Lorenz. Auch hier spiele der Druck eine Rolle, der sich dann in dem selbstverletzenden Verhalten, sich die Arme mit Scherben oder Rasierklingen aufzuritzen, kanalisiere.

Es kann aber auch der Ruf nach Aufmerksamkeit sein. Die 53-jährige Beraterin: „Gerade erst hatte ich ein Mädchen am Telefon, dem einfach langweilig war. Sie hat Freunde, lernen fällt ihr leicht, sie macht Sport. Und doch weiß sie einfach nichts mit sich anzufangen, zumal ihre Eltern immer erst spät nach Hause kämen.“ Zwar ritzte sie sich nicht, nicht selten geht aber auch Langeweile oder Vernachlässigung einher mit dem Verhalten - die Hoffnung, dass man so die Aufmerksamkeit von Freunden oder Eltern bekommt, schwingt mit.

Eine Lösung können Lehm und die 25 weiteren Berater, die derzeit ehrenamtlich tätig sind, auch nicht sofort anbieten: „Wir können aber mit den Kindern und Jugendlichen sprechen, sie ernst nehmen, was oft schon hilft.“ Und wenn eine gewisse Vertrauensbasis geschaffen wurde, auch gemeinsam diskutieren, „welche Auswege es geben kann“.

Dass es dabei anders als bei jugendlichen Alltagsproblemen wie Streit mit der besten Freundin oder Liebeskummer durchaus sehr ernst werden kann, wissen alle Beteiligten. Akute Suizidgefährdung oder Fälle wie sexueller Missbrauch seien selten: „Dafür gibt es dann aber auch sofort Ansprechpartner für die Berater, damit sie an entsprechende Stellen verweisen können.“ Immerhin sei das niedrigschwellige Angebot des Jugendtelefons dann schon einmal genutzt: „Das ist dann oft der erste Schritt.“

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