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Meine Stadt Hannover: Im Unterhemd durch den Winter
Hannover Meine Stadt Hannover: Im Unterhemd durch den Winter
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15:07 11.03.2018
Noch ganz frisch: Heinrich Nabe spaziert im Unterhemd durch die winterliche Innenstadt. Das nennt sich „Luftbaden“.   Quelle: Michael Wallmüller
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Hannover

Landeshauptstadt Hannover, klar, um den Gefrierpunkt. „Schönes Wetter“, sagt Heinrich Nabe und blinzelt gut gelaunt in den blauen Winterhimmel. Schön, ja. Da hat er recht. Doch Kurze-Hosen-Wetter ist das eigentlich nicht. Und schon gar nicht Unterhemd-Wetter. Das sehen die vielen Passanten am Lister Platz ähnlich, die mit dicken Jacken, Mützen und Handschuhen vorbeiziehen. Irritiert schauen sie sich nach dem Mann im Unterhemd um.

Nabe kennt diese Reaktion. „Das ist für die Leute ungewohnt, weil sie das nicht kennen“, sagt der 63-Jährige. Wenn jemand fragt, gibt er aber gern Auskunft: „Eigentlich ist es ganz normal für den menschlichen Körper, ungeschützt an der frischen Luft zu sein.“ Tausende von Jahren hätten die Menschen keine Funktionskleidung, keine Heizung gehabt. „Was ich mache, ist nichts Besonderes“, findet der 63-Jährige im dünnen Hemd, „der Mensch kann das. Viele haben das nur vergessen.“

Das nennt sich "Luftbaden".

„Luftbaden“ nennt der Mann aus der Calenberger Neustadt das, was er seit dem Sommer 2017 regelmäßig be­treibt. Mehrmals die Woche geht Nabe zwei bis drei Stunden an der frischen Luft spazieren. Von der Neustadt bis zur List, quer durch die Innenstadt, entlang der Bioläden, die er zum Einkaufen aufsucht. „Mein Körper hat sich über den Herbst bis zum Winter kontinuierlich an die langsam zunehmende Kälte gewöhnt“, erklärt er. Jetzt stört ihn nur noch Regen bei einem Grad plus: „Da brauche ich dann schon eine Regenjacke. Unter null Grad ist der trockene Schnee für die nackte Haut wiederum kein Problem.“

Welchen Effekt hat diese Kältekur auf den Menschen? „Ich bin gesund, fühle mich gut!“, sagt Nabe. Positive Auswirkungen auf die Verdauung, auf das ganze Wohlbefinden, habe er ausgemacht. Auch auf den Bewegungsapparat: „Die Bewegungen werden anders“, Nabe sucht nach dem richtigen Wort. „Flüssiger!“ Eine Erkältung hatte er sowieso schon lange nicht mehr. Seit 2003 geht er regelmäßig eisbaden, steigt auf dem Weg zur Arbeit in verschneite Seen. Der 63-Jährige arbeitet in der Batteriefertigung eines großen Unternehmens. Auch die etwaigen Giftstoffe, die er möglicherweise dabei aufnimmt, will er durch das Luftbaden loswerden, erklärt der Mann im Unterhemd.

"Luftbaden" ist heute weitesgehend vergessen

Das Hemd ist übrigens nicht irgendein Hemd, so Nabe. Entworfen habe es Heinrich Lahmann, ein Arzt und Naturheiler, der im späten 19. Jahrhundert das sogenannte „Luftbaden“ empfahl. Lahmann hatte seinerzeit durchaus Einfluss, war ein ernstzunehmender Mediziner. Ein von ihm in Dresden gegründetes Sanatorium entwickelte sich zu einer namhaften, international frequentierten Einrichtung. Bekannte Kurgäste waren unter anderem die Schauspieler Heinrich George, Heinz Rühmann und Johannes Heesters. Nach dem Tod Lahmanns wurde dort das heute noch populäre autogene Training entwickelt.

Heute ist das Luftbaden weitestgehend vergessen. Neben Nabe soll es noch drei weitere Anhänger des leichtbekleideten Winterspaziergangs in Hannover geben, schätzt der Ca­lenberger. Ob sie dem „Luftbaden“ zu neuer Popularität verhelfen? Vielleicht nicht. Neu­gierig macht der Anblick des winterharten Spaziergängers allemal. Und wer Nabe an­spricht, bekommt eine durchaus interessante Erklärung ge­boten.

Interview: Ist „Luftbaden“ wirklich gesund?

Carmen Pförtner, vom Gesundheitsamt der Region Hannover, spricht im Interview mit der NP über Abhärtungstherapien und Gesundheitstipps für den Winter.

Ist Luftbaden, wie es Heinrich Nabe etwa betreibt, tatsächlich gesund?
Ganz allgemein ist es schon richtig, dass regelmäßige Be­wegung an der frischen Luft – im Sommer wie im Winter – sehr gesund ist, das Immunsystem stärkt und fit hält. Empfehlen würden wir aber doch dem Wetter angepasste Kleidung – dabei sei jedem selbst überlassen, wie warm das sein muss. Ein Spaziergang an der frischen Luft ist mit Schal und Mütze sicherlich ebenso gesund wie ohne, wenn man dran gewöhnt ist.

Droht bei zu leichter Bekleidung nicht eine Erkältung?
Fakt ist, dass Kälte allein nicht krank macht – wie der Name Erkältung leider vermuten lässt. Eine Erkältung basiert auf einem grippalen Infekt, der von Viren ausgelöst wird. Ohne Viren, das heißt durch Kälte allein, wird man nicht krank. Kälte wirkt allerdings als verstärkender Faktor, wenn das Immunsystem schon durch Viren angegriffen ist.

Für wen sind Eisbaden, Luftbaden und ähnliche Abhärtungstherapien überhaupt zu empfehlen?
Als Gesundheitsamt können wir solche Arten von ,Therapien’, wie Sie es nennen, nicht an- oder abraten, da Krankheit wie Gesundheit sehr individuell ist. Der Hausarzt wird dazu jeden Einzelnen bestimmt gerne beraten. Wir vom Gesundheitsamt empfehlen, um ge­sund durch den Winter zu kommen, regelmäßige Bewegung an der frischen Luft, vitaminreiche Ernährung, eine frühzeitige Grippeimpfung und das Beachten der bekannten Hygienemaßnahmen wie unter anderem regelmäßiges Händewaschen.

Von Simon Polreich

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