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© Rainer Droese

Erweiterter Suizid

Hannover: Hätte Familiendrama verhindert werden können?

Laura T. tötete Ende November ihre beiden kleinen Kinder, ihren Mann und sich selbst. Offenbar hatte sie Depressionen und nach Hilfe gesucht - die derzeitige Gesetzeslage ließ ihren Wunsch nach einer sogenannten Elternassistenz aber nicht zu. Weil sie sich auch nicht von ihrem Mann verstanden fühlte, geriet sie in eine aus ihrer Sicht schier hoffnungslose Lage. Ein NP-Report über eine schreckliche Familientragödie in Hannover.

Hannover. Hätte die Familientragödie mit vier Toten in Linden und Gleidingen vor mehr als zwei Monaten verhindert werden können? Nach NP-Informationen hatte Laura T. (35), die Ende November ihre beiden Kinder (3, 9) sowie ihren Mann Söhnke (41) tötete, sich schon im April 2014 an eine Beratungsstelle in Mittelfeld gewandt. Der Grund: Seit der Kindheit litt sie unter Diabetes. „Die Krankheit hat ihr schwer zugesetzt, sie hat sich als behindert empfunden“, so eine Beratungsmitarbeiterin zur NP. Doch ihr privates Umfeld und auch ihr Ehemann hätten ihre Ängste und Sorgen abgetan. „Sie hörte immer nur ‚Stell dich nicht so an‘. Sie hatte das Gefühl, keiner sieht sie wirklich“, schildert die Mitarbeiterin, die auch weiß: „Diese Familientragödie war nicht die Folge einer Trennung.“

Als Laura T. die Beratungsstelle aufsuchte, soll sie bereits an Depressionen gelitten haben. „Da Diabetes den Tagesablauf der Erkrankten stark bestimmt, leiden sie etwa doppelt so häufig unter Depressionen wie Gesunde“, sagt Frank Petrak von der Ruhr-Universität Bochum.

Die 35-Jährige dachte über eine Elternassistenz nach. „Sie fühlte sich in ihrer Mutterrolle überfordert, brauchte viel Ruhe, die sie nicht bekam“, sagt die Beratungsfrau. „Ich brauche diese Hilfe, aber ich weiß nicht, wie ich es machen soll“, habe die überforderte Mutter ihr immer wieder geklagt. Einen Antrag auf Assistenz habe sie nie gestellt. Warum? „Weil sie einen Mann hatte, der genug Geld verdient hat. Der Antrag wäre nicht abgenickt worden. Das war ihr klar“, so die Fachfrau. Ein tödlicher Fehler?

Hannover: Ermittlungen nach Familiendrama abgeschlossen

Nach dem Familiendrama mit vier Toten Ende November in Hannover sind die Untersuchungen des Landeskriminalamtes Niedersachsen weitgehend abgeschlossen. "Alles deutet darauf hin, dass die Frau zunächst ihren Mann getötet hat, danach ihre beiden Kinder und dann sich selbst", sagte Oberstaatsanwalt Thomas Klinge am Mittwoch. 

Wie die NP jetzt erfuhr, hatte Laura T. bereits im Sommer, nur wenige Monate vor der Tötung ihrer kleinen Familie, versucht, ihre Kinder umzubringen. Der Versuch scheiterte. Schon vorher hätten sie Ängste und Suizidgedanken geplagt. Einmal habe sie zu der Beratungsmitarbeiterin nach einem Treffen gesagt: „Ich habe Angst, mich jetzt mit meinen Kindern ins Auto zu setzen. Ich weiß nicht, ob ich ihnen was antue.“ Nach dem gescheiterten Versuch wurde die Mutter zehn Wochen lang in die geschlossene Therapie im Klinikum Wahrendorff eingewiesen. Seit August sei zudem regelmäßig eine Sozialpädagogin in der Familie gewesen. Die Stadt Laatzen wollte sich dazu gegenüber der NP nicht äußern.

Nach ihrer Klinikentlassung sei die Mutter kaum noch zu den Netzwerktreffen der Beratungsstelle gekommen. Was in den Tagen vor der Familientragödie passiert ist, kann die Insiderin nur vermuten. „In jedem Fall hat sie an irgendeinem Punkt ihre Schutzmechanismen verloren. Ich denke, sie hat ihre Antidepressiva eigenhändig abgesetzt. Ich denke aber auch, dass ihr Mann ihr bis zuletzt keine Hilfe war. So traurig das auch klingt.“

Die Eltern von Laura T., die nahe Duderstadt leben, wollen nicht darüber spekulieren, ob die Tat ihrer Tochter hätte verhindern werden können. Ihr Vater Erwin F. sagte zur NP: „Wir sind absolut fertig und möchten endlich Ruhe haben.“ Unser Kind war ein „spezieller und besonderer Fall“. Auch Laura T.‘s Vertraute aus der Beratungsstelle ist sich unschlüssig, ob die Tragödie mit einer rechtzeitigen Unterstützung hätte verhindert werden können. „Vielleicht wäre es auch mit einer Elternassistenz zur Bluttat gekommen“, sagte sie im Gespräch: „Vielleicht aber auch nicht. Es ist jedenfalls tragisch, dass diese junge Frau keine Hilfe bekommen hat und von ihrer engsten Umgebung nicht wirklich wahrgenommen worden ist.“

Drei Wochen nach der Bluttat in Linden und Gleidingen schickte die Mitarbeiterin einen Brief an drei Bundespolitiker: Sigmar Gabriel, Andrea Nahles und Manuela Schwesig. „Wir haben darin nochmal auf das Bundesteilhabegesetz gedrängt, das vielleicht auch Laura geholfen hätte, ihre so dringend benötigte Hilfe zu bekommen.“ Bis heute hat nur Schwesig antworten lassen. Das Gesetz ist noch immer nicht verabschiedet.


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