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Meine Stadt Hannover: Gerechtigkeit statt Almosen
Hannover Meine Stadt Hannover: Gerechtigkeit statt Almosen
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22:38 08.09.2015
Hannover

Windschers war, 21 Jahre alt, nach seiner Entlassung eigentlich fertig mit dem Leben. „Ich habe danach sechs Jahre auf der Straße gelebt, angefangen zu trinken. Meine ganze Jugend ist weg. Die konnten mit einem machen, was sie wollten.“

Schulbesuch gehörte offenbar nicht dazu. Die Kinder wurden lieber zum Bauern aufs Feld geschickt, für 50 Pfennig am Tag. „Ich kann weder lesen noch schreiben“, bekennt Windschers. Manchmal plagen ihn Weinkrämpfe. „Ins Grab nehmen wir das alle mit“, sagt er.

Auch Siegfried Massat (72), 1947 ins Heim gekommen, wird die Erinnerungen nicht los. „Die Misshandlungen haben sich wie Fußabdrücke ins Hirn gegraben“, sagt er, „die Erzieher damals waren ja ehemalige Soldaten aus dem Weltkrieg. Was meinen Sie, was da abging?“ Es habe lange gedauert, bis er sich jemandem anvertrauen konnte: „Erst nach 40 Jahren Ehe habe ich das erste Mal mit meiner Frau darüber sprechen können. Als Mann kann man so was ja niemandem erzählen.“

Lothar Schöpe (77) gehörte zu den Kriegswaisen, die 1946 mit einem Kindertransport aus dem Osten nach Hannover kamen. „Im Herbst 1945 habe ich mitansehen müssen, wie ein polnischer Soldat meine Mutter ermordete“, berichtet er. In Hannover kam er ins Stephansstift. Auch hier wurden die Heimkinder in der Landwirtschaft eingesetzt. Eine Lehrstelle bei der Eisenbahn durfte er nicht antreten. Erst später fand Schöpe seinen eigenen Weg. Er ging zur Bundeswehr, machte dort eine Ausbildung, besuchte die Abendschule und war sogar vier Jahre bei der Nato im belgischen Mons.

Verweigerte Bildung, fehlende Rentenbeiträge, fehlende Unterlagen - viele ehemalige Heimkinder leben am Rande des Existenzminimums. Auch Johannes Neukirch, Sprecher des Landeskirchenamts, findet die Geschichten, die er sich gestern anhörte, erschütternd. „Die Landeskirche hat drei Millionen Euro in den Heimkinderfonds eingezahlt, aber es ist schwer, Gerechtigkeit herzustellen“, sagt er. Natürlich müsse man immer überlegen, ob das ausreiche: „Aber kein Geld kann das Leid aufwiegen.“

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