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Meine Stadt Hannover: Wer hat Angst vorm bösen Wolf?
Hannover Meine Stadt Hannover: Wer hat Angst vorm bösen Wolf?
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22:44 12.07.2018
ARCHIV - Ein Wen geeinigt. (zu dpa "Bundesweite Eckpunkte zum Umgang mit Wölfen stoßen auf Kritik" vom 31.08.2017) Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit Wolf in Niedersachsen (Symbolbild). Quelle: dpa
HANNOVER

Eine ältere Besucherin brachte ihre Ängste deutlich zum Ausdruck: „Ich hatte das Erlebnis. Der Wolf stand zweieinhalb Meter vor meinem Enkel. 60 Kilo schwer, zähnefletschend. Ich habe geschrien wie am Spieß. Ich weiß nicht, was sonst geschehen wäre.“ Deutlicher als durch diesen Bericht lässt sich das Dilemma um den Wolf kaum illustrieren – womit er auch das Thema der Veranstaltung „Wer hat Angst vorm bösen Wolf“ am Mittwochabend in der Tierärztlichen Hochschule quasi auf den Punkt brachte.

Eingeladen hatte das niedersächsische Wissenschaftsministerium in Rahmen seiner Veranstaltungsreihe „Forschung made in Niedersachsen“. Mehr als 260 Zuhörer füllten die Aula der TiHo. Wolfsfreunde wie Wolfsgegner. Unter ihnen eben jene Großmutter, die ihre Angst vor dem Wolf zum Ausdruck brachte. Als sie die schriftliche Stellungnahme des Wolfsbüros auf ihr Erlebnis vorlas, zeigte sich auch, dass ihre Angst scheinbar nicht genügend ernst genommen wurde: „Eine akute Gefährdung lässt sich aus der geschilderten Situation nicht ableiten“, heißt es dort.

Die Angst beginnt im Kopf

Die Angst vor dem Wolf hat viele Gesichter. Es ist nicht nur die Angst vor der Begegnung. Es gibt auch die Angst der Tierhalter vor dem Verlust, der nicht nur ökonomische sondern ebenso emotionale Dimensionen hat. Die Angst aber beginnt im Kopf, und wird dort nicht zuletzt von Bildern bestärkt, die wir dort mit uns tragen. Weshalb das Expertenquartett auf dem Podium, das sich den Fragen des Moderators Jan-Martin Wiarda und des Publikums stellte, mit dem Göttinger Psychiater Prof. Borwin Bandelow sowie dem ebenfalls an der Göttinger Uni tätigen Literaturwissenschaftler Hartmut Hombrecher zwei Spezialisten aufwies, die sich eben den Fragen des Ursprungs dieser Angst auf psychologischer und kultureller Ebene näherten.

Bandelow verwies auf die Ur-Ängste, die sich über Generationen vererbt und im Gehirn festgesetzt hätten. So etwa die Angst vor Spinnen oder auch vor Wasser, vor der Höhe oder der Tiefe. Wer in der Frühzeit des Menschen diese Ängste nicht hatte, habe sich nicht vermehren können, da er vorher tot war. „Unsere Vorfahren sind die Angsthasen“, sagte Bandelow. Dieses primitive Angstsystem könne nicht unterscheiden, ob wirklich eine Gefahr drohe. Es reagiere unmittelbar auf das im Gehirn erzeugte Bild. Statistische Wahrscheinlichkeiten spielen da keine Rolle.

Es gibt keine Phobien vor Steckdosen

Im gesamten 20. Jahrhundert habe es weltweit 605 Todesfälle durch Wölfe gegeben, betont der Psychiater, davon 388 in Indien. Dagegen gebe es jährlich 300 Tote durch verschluckte Kugelschreiber. Es gebe keine Phobien vor Zigaretten, Steckdosen oder gesättigten Fettsäuren, obwohl diese Gefahren sehr viel realer seien. Im vergangenen Jahr seien 60 Menschen durch Unfälle mit Elektrofahrrädern ums Leben gekommen, ohne dass sich dies in das primitive Angstsystem eingebrannt habe.

Es geht also bei der Angst vor dem Wolf auch um die Bilder, die bereits im Kopf sind. Die die Wahrnehmung verzerren können. Auch wenn die Begegnung der Zuhörerin erschreckend war, dürfte der Wolf kaum 60 Kilo gewogen haben. Laut Wikipedia liegt das Gewicht von Wölfen zwischen 28 und 40 Kilogramm.

Das Bild des Wolfs in der Literatur aber ist von höchst unterschiedlicher Gestalt, wie Hartmut Hombrecher berichtete. In Fantasyromanen wird er oft als geheimnisvoll und weise verklärt, was seine historische Wurzel im mythologischen Wolf habe. So war der Fenriswolf der nordischen Sagenwelt ein Gottessohn, Namen wie Wolfgang erinnern noch immer an Eigenschaften wie kriegerisch und tapfer. Gelegentlich gibt es auch den fürsorglichen Wolf wie etwa im Dschungelbuch oder im Gründungsmythos Roms, der Geschichte von Romulus und Remus, die von einer Wölfin genährt wurden. Oft aber werde der Wolf als böse beschrieben, als der Gierige und der Vielfraß. Auch in der Sachliteratur sei er eher der Räuber Isegrim, betonte Hombrecher. Erstaunlicherweise nimmt das Bild des bösen Wolfs zu in Regionen, in denen er vertrieben wurde. Während er etwa in polnischer oder russischer Literatur eher als normaler Waldbewohner gezeigt werde.

Zwei Sender für jedes Rudel

Die Angst vor dem Wolf hat offensichtlich ihre Wurzeln im Imaginären, in der Vorstellungskraft. Dem mit Fakten zu begegnen, ist Aufgabe der Wissenschaft. Friederike Gethöffer vom TiHo-Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung hat sich genau darauf spezialisiert. Aus der Untersuchung von Kotproben des Wolf weiß sie schon viel über dessen Ernährungsgewohnheiten, etwa dass Weidetiere erst dann für ihn interessant zu werden scheinen, wenn der Wildtierbestand in seiner Region zu gering ist. Doch sie erforscht auch die Wanderbewegungen, will die Bewegungsmuster analysieren. „Wir planen, möglichst jedes der 13 Rudel in Niedersachsen mit möglichst jeweils zwei Sendern auszustatten.“ Daten sammeln, um zu erfahren, wie weit sich Wölfe tatsächlich Siedlungsgebieten nähern. „Wir brauchen Forschungsergebnisse für eine sachliche Diskussion“, sagt sie.

Wichtiger Partner dabei ist auch das Wolfsbüro des Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), seit 2015 für das so genannte Wolfsmanagement in Niedersachsen zuständig. Und damit auch für Öffentlichkeitsarbeit, für Schadensprävention und Ausgleichszahlungen bei nachgewiesenen Wolfsrissen. Da es eben nicht nur das Bild des bösen Wolfs, sondern auch das romantisch verklärte gebe, warnte sie ausdrücklich davor, sich diesen Tieren etwa für ein Foto zu nähern. Im Gegenteil sollte alles getan werden, einen gesichteten Wolf zu vertreiben, sagte die stellvertretende Leiterin des Wolfsbüros, Verena Harms: „Richtig kräftig bemerkbar machen! Der Wolf muss merken, dass mit dem Menschen nicht gut Kirschen essen ist.“ Es sei sogar eine Verordnung geplant, die das Füttern und das aktive Nähern unter Strafe stellen soll.

Forschung und Aufklärung können vielleicht helfen, die irrationalen Ängste vor dem bösen Wolf ein wenig abzumildern. Ganz aus dem Kopf zu kriegen sind sie nach Ansicht Prof. Bandelows nicht. Neben dem primitiven gebe es zwar auch den intelligenten Bereich im Gehirn. „Aber die arbeiten nicht unbedingt zusammen“, so der Experte. „Der intelligente Bereich kann zwar der Wissenschaft zuhören und auf das Angstsystem einwirken, dem sind aber Grenzen gesetzt.“ Eigentlich baue sich Angst erst durch Erfahrung ab. Der Psychologe würde das wohl Konfrontationstherapie nennen. Dass dies nicht einfach ist, darüber sind sich auch angesichts der teils unversöhnlich scheinenden Gegensätze auch im Publikum alle Experten einig. Zumal es neben der irrealen Angst eben auch die nachweislich berechtigte Sorge um die eigenen Weidetiere gibt. Wildforscherin Gethöffer brachte es auf den Punkt: „Die Koexistenz mit dem Wolf muss wieder erarbeitet werden.“

Von Andreas Krasselt

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