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Meine Stadt Hannover: Ein Lesebuch für mehr Respekt
Hannover Meine Stadt Hannover: Ein Lesebuch für mehr Respekt
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12:33 17.01.2017
BERICHTET AUS DER VERGANGENHEIT: Marion Blumenthal Lazan mit einem Kinderbild von sich gestern im Kultusministerium. Dort stellte sie das Lesepaket „Vier Kieselsteine“ vor, das auf ihrer Autobiografie beruht. Für junge Schüler ab neun Jahren wurde das Buch aber kindergerecht umgeschrieben. Blumenthal Lazan berichtet oft in Schulen und Universitäten aus ihrer Zeit im KZ. Quelle: dpa
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Hannover

„Amazing – ist das nicht großartig, wie das gemacht wurde?“, fragt die alte Dame mit glitzernden Augen. Was die 82-jährige Marion Blumenthal Lazan da mit ihrem reizenden amerikanischen Slang und den eingestreuten deutschen Sätzen so freudig vorstellt, beruht eigentlich auf dem Hintergrund einer Katastrophe. Denn das Lesepaket „Vier Kieselsteine“ erzählt die Geschichte der jüdischen Familie Blumenthal, also ihre eigene, in der Nazizeit.

Doch es geht Blumenthal Lazan nicht nur um die Geschichte von Ausgrenzung, Entrechtung, Flucht und Überleben im Konzentrationslager. „Es geht um eine einfache Botschaft“, sagt sie in den Räumen des Niedersächsischen Kultusministeriums, „dass wir respektvoll und tolerant miteinander umgehen und niemanden aufgrund seiner Religion, Herkunft oder Hautfarbe verurteilen. Gegen die großen Probleme dieser Welt können wir nichts tun, aber wie wir miteinander umgehen, das können wir selbst entscheiden.“

Eine Entscheidungshilfe ist sicher das Leseheft für Schüler und Lehrer sowie die Quellenkarten, die als Zeitleiste dienen. Das Leseheft beruht auf der Biografie von Marion Blumenthal Lazan von 1996 und wurde kindergerecht umgeschrieben und aufgearbeitet. Die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten hat, gefördert vom Land Niedersachsen, zusammen mit Pädagogen das Unterrichtsmaterial entwickelt. Üblicherweise besuchen erst Schüler ab Klasse 9 die Gedenkstätten und bearbeiten das Thema Nationalsozialismus und Holocaust im Unterricht. Das Leseheft richtet sich aber bereits an Kinder ab neun Jahren.

Immerhin fünf Jahre älter, als Marion es war, als die Familie aus dem niedersächsischen Hoya vor den Nazis in die Niederlande floh. Die vermeintliche Sicherheit im Nachbarland war eine trügerische. Vater Walter (im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz für Tapferkeit ausgezeichnet), Mutter
Ruth und der zwei Jahre ältere Bruder Albert wurden im Februar 1944 ins KZ Bergen-Belsen gebracht.

Hier kommen die vier Kieselsteine ins Spiel. Marion macht das, was Kinder tun, um katastrophale Situationen verarbeiten zu können. Sie flüchtet sich in ihre Fantasie und klammert sich an die Hoffnung, dass alle vier überleben, wenn sie nur täglich vier sehr ähnliche Kieselsteine findet. Ihr kindlicher Plan geht auf – jedenfalls bis kurz nach der Befreiung im April 1945. Im Juni 1945 stirbt ihr Vater an dem Fleckfieber, das er sich in Bergen-Belsen zugezogen hat. Mutter Ruth, Marion und Albert wandern schließlich in die USA aus: „Körperlich waren wir fertig, ich wog mit zehn Jahren 16 Kilogramm, meine Mutter 35 Kilogramm, aber wir haben nie aufgegeben.“

Im Jahr 2017 zeigt Marion Blumenthal Lazan in Hannover Fotos von der wieder gewachsenen Familie Blumenthal, „eine Art Auferstehung“, sagt sie. Mit ihrem Ehemann Nathanial Lazan, einem früheren Piloten der Air Force, hat sie drei Kinder. „Neun Enkelkinder wurden uns geschenkt – und zwei wunderschöne Urenkelinnen“, schwärmt die 82-Jährige an der Seite ihres Ehemannes, mit dem sie im August 64 Jahre verheiratet sein wird.

Und auch, weil es ihr jetzt so gut geht, will sie nicht müde werden, jungen Menschen in Schulen und an Universitäten zu erzählen, was Ausgrenzung, Rassismus und Antisemitismus bedeuten: „Die heutige Generation ist die allerletzte, die die Geschichten von jenen hören kann, die dabei gewesen sind.“

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