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Meine Stadt Hannover: Der schwere Kampf um Gerechtigkeit und Gleichberechtigung
Hannover Meine Stadt Hannover: Der schwere Kampf um Gerechtigkeit und Gleichberechtigung
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00:16 29.05.2017
VIELSEITIG AKTIV: Frauke Brosius-Gersdorf in ihrem Büro im elften Stock des Conti-Hochhauses am Königsworthre Platz. Sie forscht in verschiedenen Bereichen. Ziel ist immer: Gerechtigkeit. Quelle: Foto: Wilde
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Hannover

Mehr als 28 000 Studenten, 326 Professoren und neun Fakultäten – Hannover ist Universitätsstadt. In einer Serie stellt NP-Redakteur Sebastian Scherer verschiedene Institute vor. Und lässt die Professoren erklären, wie ihre Forschung die Welt ein Stückchen besser machen soll. In Folge 9 besucht Sebastian Scherer die Juristische Fakultät.

Das große Problem ist gar nicht Verfassung. „Das Grundgesetz ermöglicht vieles – mehr, als bereits rechtlich ausgestaltet ist“, sagt Frauke Brosius-Gersdorf. Die Juristin hat einen Lehrstuhl für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Hannover. Ein Schwerpunkt ist Sozialversicherungsrecht - „Hannover ist ein wichtiger Standort für Versicherungskonzerne und Sozialversicherungsträger.“ Andere Schwerpunkte sind das öffentliche Ehe- und Familienrecht sowie das Bildungsrecht.

Drei große Projekte, an denen Brosius-Gersdorf derzeit arbeitet, drehen sich um Geschlechtergerechtigkeit, Minderheiten und Bildungsgerechtigkeit – große Aufgaben des 21. Jahrhunderts. „Auch, wenn wir uns in einigen Feldern schon bewegt haben, fehlt da noch einiges“, sagt die 45-Jährige.

„Frauen leben heute anders als in den 60er, 70er Jahren. Sie haben die Chance, die gleichen Abschlüsse zu machen und tun dies auch“, erklärt Brosius-Gersdorf. Und wenngleich sie die gleichen Jobs machen, „das Arbeits- und Einkommensvolumen liegt sehr weit hinter dem der Männer. Ein Großteil der Frauen arbeitet nur in Teilzeit, davon viele nur in Geringverdiener-Verhältnissen.“ Die Folge: Eine hohe Altersarmut bei Frauen, „auch nach der Scheidung stehen viele mit viel zu wenig Geld da – auch, weil sich 2008 das Unterhaltsrecht geändert hat und ein Ehepartner nach der Trennung grundsätzlich keine Ansprüche mehr gegen den anderen hat.“

Mit Ehegattensplitting, Ehegattenmitversicherung, Witwenrente und einigem mehr tue der Staat viel dafür, ein traditionelles Familienbild zu erhalten - auf Kosten der Frauen. „Wer freiwillig so leben will, der soll das tun – aber man muss sich aller Konsequenzen bewusst sein. Wer zuhause bleibt und Kinder hütet, baut kaum Altersvorsorge auf. Frauen bekommen im Schnitt 57 Prozent weniger Rente als Männer.“

Die Hoffnung der Juristin: Dass sich die rechtlichen Grundlagen ändern. Die Abschaffung des Ehegattensplittings etwa. Da beginnt aber ihre Arbeit – für solche Gedankenmodelle muss rechtlich abgesichert sein, was mit denen ist, die seit 30 Jahren ihre Existenz darauf aufbauen. „Gleichzeitig könnte es für alle anderen in der Zukunft sinnvollere Konzepte geben – Förderung jedes einzelnen Ehegatten, der Familien, „positive Anreize für die Vollzeiterwerbstätigkeit von Frauen.“

Ein zweites großes Thema sind gleiche Rechte für Minderheiten, zum Beispiel für homosexuelle Paare durch Einführung der Homo-Ehe. „Das liegt mir sehr am Herzen – es gibt erste Gesetzesentwürfe, und auch hier unter Juristen heftige Diskussionen.“ Die Frage: Darf der Gesetzgeber die Ehe öffnen für homosexuelle Paare. „Viele sagen nein, das sei nicht verfassungskonform. Ich sage: doch, das ergibt sich aus dem Grundgesetz. Die Funktion der Ehe kann von homosexuellen Paaren ebenso erfüllt werden wie von heterosexuellen.“ Sie freue sich schon auf die Auseinandersetzung vor dem Bundesverfassungsgericht: „Langfristig wird es dazu kommen.“ Zumal sie die Kritik nicht versteht: „Wenn man ans Ehegattensplitting geht – da könnte es um finanzielle Abstriche für die bislang Privilegierten gehen. Aber die Homo-Ehe nimmt ja niemandem irgendetwas weg.“ Sie sei erfreut, dass die jungen Studierenden, bei denen sie lehrt, ohnehin offen sind: „Die verstehen die Probleme der Gleichstellung von Homo- und Heterosexuellen auch nicht.“

Brosius-Gersdorf kämpft auch für bessere Inklusion, hat gerade in Nordrhein-Westfalen vor dem Verfassungsgerichtshof eine wichtige Entscheidung zur Finanzierung gewonnen. Und generell um mehr Chancengleichheit: „Wir leben in einem Land, das durch Chancenungleichheit für Kinder aus benachteiligten Schichten und Undurchlässigkeit im Bildungssystem gekennzeichnet ist – da haben wir im negativen Sinne eine Spitzenposition.“ Im 21. Jahrhundert sei das für die Juristin nur noch ein Ärgernis. Hier müsste verstärkt für frühkindliche Bildung gesorgt werden, wobei auch eine Kita-Pflicht kein Tabu sein dürfe. „Auch das wäre mit dem Grundgesetz vereinbar.“ Trotzdem – oder gerade deswegen „ein spannendes Thema.“

Für Brosius-Gersdorf sind die Ideen naheliegend, zukunftsweisend - und sollten schon längst Realität sein. Soweit ist der Staat noch nicht. „Aber wir arbeiten daran, dass es funktioniert“, sagt die 45-Jährige. Auch im Sinne der Verfassung.

Von Sebastian Scherer

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