Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Hannover: Der große Leihrad-Test
Hannover Meine Stadt Hannover: Der große Leihrad-Test
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 08.12.2017
Quelle: Petrow
Anzeige
Hannover

Die Obike-App ist schnell heruntergeladen. Um diese freischalten zu können, muss ich meine Handy-Nummer angeben, an die wiederum ein Code zum Freischalten gesendet wird. Dann kann es losgehen.

Ich verschaffe mir zunächst einen Überblick. Auf einer Karte wird mir angezeigt, wo die nächsten Obikes herumstehen. Es fällt auf: Die Räder sind mittlerweile weit über das Stadtgebiet verteilt. Rote Flächen zeigen mir an, wo die Räder nicht abgestellt werden sollen. Das gilt zum Beispiel für die Altstadt, die Eilenriede oder den Maschpark. Bereiche, wo die Räder bevorzugt geparkt werden sollen, sind blau markiert, etwa die Schmiedestraße und die Karmarschstraße. Ich suche mir ein Rad am Maschsee-Nordufer heraus, wo wir unseren Test starten wollen.

Die App fordert mich auf, den QR-Code am Lenker oder am hinteren Schutzblech zu scannen. Über Bluetooth soll dann das Schloss des Rades geöffnet werden. Beim ersten Versuch misslingt das allerdings. Ich bekomme eine Fehlermeldung.

Gut, dass auf der anderen Straßenseite, am Sprengel-Museum, weitere Obikes stehen. Dort geht es schnell. Nach wenigen Sekunden springt das Schloss auf, es kann losgehen. Die App empfiehlt mir noch aus Sicherheitsgründen einen Fahrradhelm.

Nach meiner Runde um den See (mit Foto-Pausen) präsentiert mir die App die Rechnung: zwei Euro für 33 Minuten Nutzung. Pro halbe Stunde wird ein Euro fällig. Da ich die zweite halbe Stunde angebrochen habe, sind es zwei. Beendet wird die Nutzung des Obikes automatisch durch das Verriegeln des Schlosses.

Nach Datenleck: Zweifel an der Sicherheit bleiben

Handy-Nummern, Namen, Mail-Adressen und Bewegungsdaten: Das alles war durch ein Datenleck bei Obike für rund eine Woche frei einsehbar. Zwar soll das Sicherheitsleck mittlerweile geschlossen worden sein und zudem waren wohl nur Nutzer betroffen, die ihre Fahrten in sozialen Netzwerken geteilt haben, Zweifel zum Umgang mit den Daten bleiben jedoch.

Als ich die App auf meinem Smartphone einrichte, werde ich nicht nur gefragt, ob diese während der Nutzung, sondern permanent auf meinen Standort zurückgreifen darf. Während der Nutzung erscheint mir das noch plausibel. Schließlich kann ich nur so schauen, welche Räder sich in meiner Nähe befinden. Den permanenten Zugriff lehne ich jedoch ab und frage bei Obike nach, welchen Hintergrund der hat. Die Antwort ist unbefriedigend: Man müsse der Funktion ja nicht zustimmen. Zudem würde das bei vielen anderen Apps ähnlich ge­handhabt.

Das scheint den Verdacht des Landesdatenschutzes zu bestätigen, der vermutet, dass es Obike weniger um den Verleih der Räder als um das Sammeln und den Verkauf von Daten gehe. Ein Vorwurf, den das Unternehmen jedoch zurückweist. Die Daten würden nur intern verwendet, um den Service zu verbessern.

Kein Fahrspaß auf Vollgummireifen

Die Menschheit hat dem schottischen Tierarzt John Boyd Dunlop viel zu verdanken. Dunlop erfand die Luftbereifung für Fahrräder. Welch Segen die ist, erkennt man, wenn man erstmals in seinem Leben mit Vollgummireifen unterwegs ist. Eine Erfahrung, die ich Obike zu verdanken habe. Dass die Firma diese Variante bevorzugt, ist zwar verständlich – schließlich fahren Fahrräder mit Platten noch schlechter als mit Vollgummireifen –, den Fahrspaß schmälert das allerdings massiv.

Die gut sechs Kilometer auf meiner Teststrecke um den Maschsee kommen mir wie eine Ewigkeit vor. Ich fühle mich wie in einem Hamsterrad, an das schwere Mühlsteine gehängt wurden. Der Weg um den See will einfach kein Ende nehmen. 25 Minuten brauche ich dafür.

Zum Vergleich fahre ich dieselbe Strecke anschließend mit meinem Cityrad. Auch ein ganz einfaches Modell, ebenfalls mit nur einem Gang. Nichts Besonderes. Und doch bin ich bei gleicher Kraftanstrengung gleich acht Minuten schneller – das ist schon eine ganze Menge.

Überhaupt steht beim Obike die Robustheit im Mittelpunkt, nicht der Komfort. Die Schutzbleche sind knapp gehalten, sollen aber angeblich groß genug sein, um die Kleidung vor Regenspritzern zu bewahren. Wegen des guten Wetters am Testtag können wir das nicht überprüfen. Einen Gepäckträger gibt es nicht, dafür einen kleinen Korb am Lenker. Für längere Strecken ist dieses Rad eindeutig nicht geeignet, trotz Vollgummireifen ist man allerdings immerhin noch deutlich schneller unterwegs als zu Fuß.

Die Bilanz

So verteilt wie die neuen Verleihräder der Firma Obike mittlerweile in der Stadt sind, muss man zu dem Schluss kommen, dass sie tatsächlich genutzt werden. Auch das Unternehmen spricht von einem „sehr guten Start“.

Wer die Räder verwendet, sollte aber keine allzu großen Ansprüche haben. Sie sind einfach und schwerfällig, rollen nicht besonders gut und sind damit für längere Strecken nicht geeignet. Dass sie keine festen Stationen haben, sondern überall abgestellt werden können, stört zwar Teile der Politik, dieses System hat aber auch den Vorteil, dass fast überall in der Nähe Räder verfügbar sind. Diese werden wohl seltener von Touristen ge­nutzt, sondern eher als Er­gänzung zu anderen Verkehrsmitteln, etwa für den letzten Kilometer von der Bahnstation nach Hause oder wenn vielleicht kein Bus mehr in der Nacht fährt.

Spannend bleibt, wie es mit dem Projekt weitergeht. Liegen die Räder irgendwann kaputt an allen möglichen Ecken in der Stadt herum? Oder kümmert sich Obike wirklich dauerhaft darum, dass diese fahrtüchtig bleiben und nicht zu Fahrradschrott werden?

In jedem Fall fragwürdig ist der Umgang mit den Daten der Nutzer, nicht nur wegen des Datenlecks, das für rund eine Woche bestand.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige