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VOR SEINEM ARBEITSPLATZ: Universitäts-Präsident Volker Epping vor dem Welfenschloss in der Nordstadt.

VOR SEINEM ARBEITSPLATZ: Universitäts-Präsident Volker Epping vor dem Welfenschloss in der Nordstadt.
 © Nancy Heusel

Interview

Hannover: Der Präsident der Universität zu Forschung, Lehre, Bildung und Leibniz

In einer neuen Serie stellt die NP die Fakultäten der Universität Hannover vor. Auftakt ist ein Interview mit dem Präsidenten Volker Epping – der überzeugt ist: Hannover verkauft sich unter Wert. Was die Lehre in der Zukunft beeinflusst, wie sie verbessert werden soll und wie die Zusammenarbeit mit den anderen Hochschulen ist – ein Gespräch.

Hannover.  Mehr als 28 000 Studenten, 326 Professoren und neun Fakultäten – Hannover ist Universitätsstadt. In einer Serie stellt NP-Redakteur Sebastian Scherer verschiedene Institute vor. Und lässt die Professoren erklären, wie ihre Forschung die Welt ein Stückchen besser machen soll. Zum Start erklärt Präsident Volker Epping, was in Zukunft wichtig wird.

Herr Epping, was sind aus Ihrer Sicht die Herausforderungen für 2017?

Zum einen ist es die Exzellenzinitiative, bei der wir mit sechs Anträgen als Antragsteller beziehungsweise Mitantragsteller dabei sind. Wenn wir einen Exzellenzcluster bekämen, hätte das eine enorme Bedeutung. Wir hätten die Mittel, die uns Forschung ermöglichen würde, zu der wir sonst nicht in der Lage wären – weil wir zum Beispiel Geräte anschaffen und Personal einstellen können; das würde uns zugleich international sichtbarer machen. Wir hatten so einen Cluster in der Physik. Die Messung der Gravitationswellen unterstreicht ja, dass wir in der Physik auf Weltniveau unterwegs sind.

Und zum anderen?

Der Nachwuchspakt – das ist die Milliardenförderung, die Bildungsministerin Johanna Wanka auflegen will – lässt uns auf 18 bis 20 Professuren hoffen. Wir hatten vor der Jahrtausendwende 400 Professuren, heute sind es aktuell 326. Der Nachwuchspakt ist eine einmalige Gelegenheit, die wir nutzen wollen, nicht nur um Lücken zu schließen, die die Sparprogramme der letzten Jahrzehnte gerissen haben, sondern auch um innovative Lehr- und Forschungsfelder, die in unserer Universität im Kleinen bereits angelegt sind, zu erschließen.

Zum Beispiel?

Die Robotik, in der wir auch jetzt schon sehr gut aufgestellt sind. Die Robotik ist kein klassisches Fach. Sie führt Elektrotechnik, Maschinenbau, Informatik zusammen. Über die Professuren, die wir im Wettbewerb generieren wollen, soll unsere Robotik nicht nur deutschland- und europa-, sondern weltweit wahrgenommen werden. Wir haben bereits einige Professorinnen und Professoren, die in der Robotik international anerkannt sind, aber wir wollen, dass die Leibniz Universität Hannover weltweit als Benchmark für Robotik steht.

Fallen bei den Schwerpunktbildungen bestimmte Bereiche hinten über?

Die ganze Breite der Fächer in der Forschung abzubilden ist nicht möglich, weshalb wir auch vor dem Hintergrund der Ressourcen uns nur auf einige Forschungsschwerpunkte, die von den Wissenschaftlern getragen werden müssen, fokussieren können. Etablierte Schwerpunkte der Leibniz Universität sind neben der oben genannten Lehrerbildung die Produktionstechnik im Maschinenbau, die Quantenoptik und die Gravitationsphysik, die Biomedizin beziehungsweise Biomedizintechnik sowie der Bereich Wissenschaft und Gesellschaft. Dies bedeutet aber keineswegs, dass nicht jenseits der Forschungsschwerpunkte auch exzellente Forschung an der Leibniz Universität stattfindet. Deutlich wird dies am strukturbereinigten Ranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in dem wir unter über 100 deutschen Universitäten den sehr guten zwölften Platz einnehmen.

Entsprechen Studenten heute den Anforderungen der Universitäten, wenn sie von der Schule kommen?

Heute studieren 50 Prozent eines Abiturjahrganges, vor 30 Jahren waren es vielleicht gerade einmal 30 Prozent. Das ist politischer Wille. Ob das gut ist? Ob alle Abiturienten studierfähig sind? Eine Vielzahl von Studiengängen zum Beispiel sind ohne mathematische Kenntnisse nicht zu bewältigen. Viele angehende Studierende würden das ohne Brückenkurse hier an der Uni gar nicht schaffen. Wenn jemand zum Beispiel in der Schule die Leistungskurse Biologie und Chemie belegt hatte, klingt Biochemie nach einem wunderbaren Fach. Im Studium muss man sich aber auch in Mathe und Physik auskennen – da wird es ohne entsprechende Brückenkurse mit der derzeitigen Schulbildung schwierig. Die Schule ist teilweise zu spezialisiert.

Ein Problem ist Wohnungsnot – was tut die Universität?

Sie wissen, dass das studentische Wohnen nicht unsere Zuständigkeit ist, sondern die des Studentenwerks. Gleichzeitig ist es in unserem ureigensten Interesse, dass Studierende sich hier wohlfühlen. Deshalb stellen wir zum Beispiel Flächen – wie an der Haltenhoffstraße – zur Verfügung, damit dort Wohnheime entstehen können.

IM GESPRÄCH

IM GESPRÄCH: Volker Epping.

Wie gut sind Universitäten heute finanziell versorgt?

Ich will es mal so formulieren: Wir haben eine Grundfinanzierung, die seit 2005 eingefroren ist. Die Energiepreise sind aber gestiegen. Das Land ist so fair, keine Selbstkannibalisierung der Universitäten zu betreiben – anwachsende Kosten für Gehälter werden vom Land übernommen. Gleichzeitig ist die Grundfinanzierung auf zu niedrigem Niveau.

Das führt konkret zu welchen Folgen?

Zum Beispiel, dass wir gewissen Anforderungen von Politik und Gesellschaft nicht Rechnung tragen können. Wir würden zum Beispiel gern mehr Personal entfristen – das geht aber nicht, wenn wir nicht über ausreichend dauerhafte Mittel verfügen. Für Bauunterhaltung und für Forschung ist zu wenig Geld da. Demgegenüber haben wir im Lehrbereich im Moment eine auskömmliche Finanzierung, freilich ohne die bereits angesprochene Verdauerung.

Würde die Universität gern mehr bauen?

 

Wie fühlen Sie die Universität in Hannover wahrgenommen?

Hannover wird unterschätzt, die Stadt leidet an ihrem Understatement. Auch die Leibniz Universität wird in Hannover immer noch unterschätzt. Ich habe das als Zugereister, der 2001 nach Hannover an die Universität gekommen ist, selbst erlebt. Dabei ist Hannover selbst eine tolle Stadt. Und die Universität muss sich wahrlich nicht verstecken, auch wenn ihr ebenfalls noch diese Aura des Understatements anhaftet.

Das heißt, sie kann mehr, als Hannover vermutet?

 

Hannover hat eine selbstständige Medizinische Hochschule. Was bedeutet das?

Wir haben eine sehr gute Zusammenarbeit mit der Medizinischen Hochschule, weil die Wissenschaftler erkennen, dass sie andere Wissenschaften brauchen, um komplexe Probleme zu lösen. Nehmen Sie das Beispiel der Implantatforschung. Implantate haben eine Infektionsquote von über 25 Prozent – da braucht es einen Ingenieur, einen Physiker, einen Chemiker, um bessere Implantate zu entwickeln, die dann die Mediziner implantieren. Das geht alles in Hand in Hand, Kooperation ist heute unumgänglich.

Ist der Universitätsstandort Hannover gut vernetzt?

Die vier Hochschulen in Hannover sind zwar nicht, wie an den anderen Universitätsstandorten in Deutschland, alle unter einem Dach einer Hochschule vereinigt, gleichwohl sind sie aber hervorragend vernetzt. Dies gilt auch mit Blick auf die Fachhochschulen. Das ist der Stadt auch bewusst – alle Hochschulen und weitere Forschungseinrichtungen, die Volkswagen-Stiftung und das Studentenwerk arbeiten in der Initiative Wissenschaft auch direkt mit dem Rathaus zusammen. Wir werden bei allen möglichen Projekten unterstützt, wir unterstützen uns gegenseitig.

IN SEINEM BÜRO

IN SEINEM BÜRO: Volker Epping.

Welche Studiengänge werden in der Zukunft noch an Bedeutung zunehmen?

Beispielsweise die Robotik wird wichtiger, sie betrifft viele Beschäftigungs- und Anwendungsfelder. German Engineering ist weltweit ein Qualitätsmerkmal und ein wichtiger Standortfaktor Deutschlands. Dementsprechend werden die Ingenieurwissenschaften in ihrer Bedeutung nicht zurückgehen. Bei einer immer älter werdenden Bevölkerung werden die Studiengänge in der Biomedizin und Biomedizintechnik weiter an Bedeutung gewinnen. Das sind nur drei beispielhaft genannte, aber sicher ganz zentrale Bereiche, in denen wir studiengangsmäßig gut aufgestellt sind.

Die Universität ist weiterhin sehr technisch geprägt, es klingt so, als bliebe das vorerst auch so. Was haben die Geisteswissenschaften zu tun?

Von den bereits genannten Forschungsschwerpunkten der Leibniz Universität her trifft dies sicherlich in der Breite zu, nicht jedoch, wenn sie sich die Studierendenschaft anschauen: Deutlich über 40 Prozent sind in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, knapp 35 Prozent in den Ingenieurwissenschaften und knapp 23 Prozent in den Naturwissenschaften eingeschrieben. Ein Großteil der technischen Fragestellen hat aber auch ökonomische, juristische, ethische und sonstige Folgefragen. Wenn Sie im medizin- beziehungsweise medizintechnischen Bereich unterwegs sind, stellen sich immer ethische Fragen. Dafür brauchen wir die entsprechenden Kompetenzen. Die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften haben aber nicht nur viele interdisziplinäre Anknüpfungspunkte zu den technisch-naturwissenschaftlichen Bereichen der Universität, sondern haben vor allem ihren Eigenwert. Es liegt aber grundsätzlich an jedem Fach selbst, seine Wertigkeit in der Universität zu bestimmen. Jede Professorin und jeder Professor kann im Zusammenwirken mit anderen durchaus einen neuen Schwerpunkt aufbauen, auch in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Unsere Lehrerbildung, unsere Philosophie und der Bereich Wissenschaft und Gesellschaft stehen hierfür exemplarisch.

Kann es in den heutigen Tagen noch Universalgenies geben, denen auch alle vertrauen?

Ich sage immer gerne: Damals hatten wir einen Gottfried Wilhelm Leibniz – heute benötigen wir für die von Leibniz vertretenen Fächer rund 330 Professoren. Leibniz könnte das aber heute auch nicht leisten. Die Welt und die Wissenschaft sind sehr viel komplexer. Ein Universalgenie in der heutigen Zeit ist daher nicht mehr vorstellbar. Zu seiner Zeit war Leibniz schlicht genial, auch wenn er nicht immer erfolgreich war. In den einzelnen Fächern haben wir heute gleichwohl hochkompetente Wissenschaftler mit genialen Zügen.

Sie sind nur nicht so berühmt wie der Namenspate der Uni, Leibniz?

In ihren Gebieten sind sie mit Popstars vergleichbar. Letztes Jahr sollte Stephen Hawking bei uns auftreten. Das ist wegen seiner Krankheit leider ausgefallen. Aber: Der ist ein Popstar. Ohne Frage.

Von Sebastian Scherer

Hannover universität

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Hannover in Zahlen

  • Bundesland: Niedersachsen
  • Landkreis: Region Hannover
  • Fläche: 204,14 km²
  • Einwohner: ca. 550.000
  • Bevölkerungsdichte: 2552 Einwohner je km²
  • Postleitzahlen: 30159 - 30669
  • Ortsvorwahl: 0511
  • Kfz-Kennzeichen: H
  • Lage: 52° 22´ N / 9° 43´ O
  • Wirtschaft: Firmendatenbanken
  • int. Flughafenkürzel: HAJ
  • Stadtverwaltung: Trammplatz 2
     30159 Hannover
     Telefon: 0511 168-0
  • Oberbürgermeister: Stefan Schostok