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Rechtsmedizin

Hannover: Der Anwalt der Toten

Jedes Jahr sterben in Deutschland rund 900 000 Menschen, lediglich fünf Prozent davon werden obduziert. Herzinfarkt oder Giftmord? Wenn das Leben endet, beginnt die Arbeit der Rechtsmediziner. Was sie übersehen, bleibt für immer unentdeckt. Ihr Arbeitsalltag ist nichts für schwache Nerven.

Hannover. Seit sechs Jahren leitet Michael Klintschar (50) die Rechtsmedizin an der MHH, zu der auch der Standort Oldenburg gehört. „Wir sind Dolmetscher zwischen Medizinern und Juristen“, erklärt der Professor seinen Beruf. Toxikologische Untersuchungen, Vaterschaftstests und andere DNA-Vergleiche, Untersuchungen von missbrauchten oder misshandelten Kindern und Frauen. Klintschar: „Unsere Arbeit ist sehr vielfältig. Dennoch sind Obduktionen unsere präsenteste Aufgabe.“ Die 14 Rechtsmediziner in Hannover und Oldenburg obduzieren jedes Jahr rund 1000 Leichen. Sehr gering seien die Obduktionszahlen in Deutschland, bedauert der Arzt. Die Folgen könnten fatal sein: „Man befürchtet, dass jeder zweite Mord einfach nicht erkannt und fälschlicherweise als natürlicher Tod abgetan wird.“

Quincy, CSI, Tatort-Kultfigur Professor Boerne - Rechtsmediziner genießen im Fernsehen einen regelrechten Kultstatus. Michael Klintschar mag diese Aufmerksamkeit, auch wenn TV und Realität weit auseinanderklaffen - „aber genauso weit, wie der Münster-Tatort von der echten Rechtsmedizin entfernt ist, genauso wenig hatte früher die ‚Schwarzwaldklinik‘ mit dem Beruf des Chirurgen zu tun“. Dennoch sei es immer noch besser, „in aller Munde zu sein als gar nicht präsent“, so Klintschar. Und so kommt es inzwischen oft vor, dass schon Kinder und Jugendliche ein Praktikum im Institut machen wollen: „Anfrage von Minderjährigen lehnen wir grundsätzlich ab. Das ist nichts für zarte Kinderseelen, was wir hier machen.“

Auch er hat drei Kinder. Wie erklärt er ihnen, was Papa macht? Klintschar: „Ich helfe der Polizei.“ Ursprünglich wollte er Gastroenterologe oder Pathologe werden. Aber es kam anders. Leichen sind nun sein Alltag. Bereut er es? „Nein, auch wenn ich nicht leugnen möchte, dass es auch zweifelnde Momente gab.“

Vor dem Obduktionssaal liegt der Kühlraum. Hier warten die Toten auf ihren Termin. Süßlich riecht es. Ist das der Geruch der Toten? Klintschar: „Ich rieche das nicht mehr.“ Hier ist Platz für mehr als zwei Dutzend Leichen. Geschützt im Leichensack werden die Körper in fünf Grad kühle Boxen geschoben. Ein roter Zettel mit Namen und Geburtsdatum der Leiche ist das einzige Indiz dafür, wer hier hinter der schweren Tür ruht. Drei Tage, selten länger, bleiben sie hier, sagt Klintschar.

Am Ende des Raumes steht die raumhohe Tiefkühlbox. Minus 16 Grad. Ein Präparator erklärt: „Da kommen Leichen rein, die länger gelegen haben und schon von Maden durchsetzt waren. Die werden vorm Öffnen runtergekühlt, damit die Tierchen ruhig werden.“ Seinen Namen nennt der Mann nicht. Er ist hier der Dienstälteste, am Jahresende ist Schluss: „Dann habe ich auch genug Leichen für ein ganzes Menschenleben gesehen“, sagt er.

Als der ICE „Wilhelm Conrad Röntgen“ im Juni 1998 in Eschede entgleiste, gehörte der Präparator zum Team. „Da haben wir 100 Leichen in drei Tagen obduziert. Das war schon heftig. Wir haben hier nur drei Obduktionstische, wir mussten sogar auf andere Räume zurückgreifen“, erinnert er sich. Man brauche einen „sehr guten Verdrängungsmechanismus“, sonst zerbreche man an diesem Beruf, gesteht er: „Ich brauchte ein paar Jahre, bis ich mich damals an den Beruf gewöhnt habe. Das hat viel Überwindung gekostet.“ Pietätvoll müsse man in diesem Beruf sein, das glauben Rechtsmediziner Klintschar und der Präparator gleichermaßen: „Es ist egal, ob ein erfrorener Obdachloser oder ein ermordeter Professor vor uns auf dem Tisch liegt. Alle verdienen den gleichen Respekt.“ Eine Sache kann der Präparator jedoch auch nach 37 Berufsjahren im Obduk- tionssaal nicht aushalten: „Wenn hier Kinder liegen. Das bekommt man nie wieder aus dem Kopf. Das nimmt man abends mit nach Hause.“

Mit einem Fußzettel, auf dem Name und Geburtsdatum stehen, werden die Leichen zur Obduktion geschoben. „Damit es nicht zu einer fatalen Verwechslung kommt“, sagt Klintschar. Täglich werden im Schnitt zwei Leichname obduziert. Angehörigen bleibt der Anblick erspart. „Meist sind es keine Morde, sondern natürliche Tode, die wir untersuchen“, erklärt der 50-Jährige. Wenn Klintschar und seine Kollegen in einem Kriminalfall Leichen nach Mordspuren untersuchen, dann thront neben ihnen ein Staatsanwalt oder Kripo-Beamter: „Zusammen mit dem Beamten legen wir zu Beginn der Obduktion die Fragestellung fest: Warum ist die Person gestorben? Oder auch: Wie kam der Tod?“

Die Leiche liegt stets auf dem matten Metalltisch, in dessen Mitte eine Ablauffuge ist. Grelles Licht strahlt von oben. Auf einem Beistelltisch wartet das Arbeitsgerät der Rechtsmediziner: die Zange für die Rippen, ein Schöpflöffel für das Blut, eine Handsäge für den Schädel, kurze und lange Messer für Hautschichten, Gehirn oder Organe. Pinzetten, Löffel, Scheren, Skalpell und zuletzt Nadel und grober Zwirn. Zwei Stunden dauert eine Obduktion, in seltenen Fällen auch bis zu vier. Klintschar: „In Schichten arbeiten wir den Körper durch, schauen zum Beispiel, welche Organe verletzt sind.“ Alles wird dokumentiert. Organe gewogen, Blut gemessen, Körperflüssigkeiten auf toxische Stoffe untersucht. „Das alles passiert sehr würdevoll“, sagt der Rechtsmediziner, „das sind ja keine seelenlosen Wesen, die vor uns liegen, sondern Menschen - zu denen wir aber keine persönliche Beziehung haben, sonst könnte man das kaum machen.“ Im Studium habe er den Umgang mit Lebenden gelernt, aber auch mit Toten: „Da verliert man die Abscheu.“ Frustriert es nicht, immer nur mit Vergänglichkeit konfrontiert zu sein? „Absolut nicht! Nirgendwo lernt man so viel wie hier. Von den Toten lernen wir für die Lebenden.“


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Hannover in Zahlen

  • Bundesland: Niedersachsen
  • Landkreis: Region Hannover
  • Fläche: 204,14 km²
  • Einwohner: ca. 550.000
  • Bevölkerungsdichte: 2552 Einwohner je km²
  • Postleitzahlen: 30159 - 30669
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