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IM MILIEU: Prostituierte sowohl in den Bordellen am Steintor als auch auf dem Straßenstrich

IM MILIEU: Prostituierte sowohl in den Bordellen am Steintor als auch auf dem Straßenstrich sollen durch das neue Gesetz geschützt werden.© Heusel

Steintor

Hannover: Das Schweigen der Huren

Am 1. Juli 2017 tritt das neue Prostitutionsschutzgesetz in Kraft. Aber was bedeutet das für die rund 1000 polizeibekannten Prostituierten der Stadt? Auch weil das niedersächsische Sozialministerium unter Cornelia Rundt (SPD) noch gar kein Ausführungsgesetz verabschiedet hat, äußern sich die lokalen Behörden noch zurückhaltend. Im Milieu herrscht große Verunsicherung. Ein Steintorbesuch von NP-Mitarbeiterin Valerie Lux.

Hannover.  „Reden Sie nicht mit meinen Mädchen!“ sagt der Geschäftsführer eines Bordells an der Reitwallstraße. Der ältere Mann stellt sich breitbeinig vor seinen Hausflur. Hinter ihm schauen neugierig Frauen aus ihren Zimmern. Sie sind nur mit Netzstrümpfen und Korsagen bekleidet. Prostitution ist kein Gewerbe, das die Öffentlichkeit sucht.

Aber Anfang Juli, so hat es das Familienministerium beschlossen, sollen Prostituierte ihr Gewerbe anmelden, gesundheitliche Beratungen werden zur Pflicht. Prostitution soll nicht mehr in Hinterzimmern stattfinden, sondern als ordentlicher Beruf strikte staatliche Vorgaben einhalten. „Gesetz zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz der in der Prostitution tätigen Personen“ nennt sich das sperrig. Das Ziel der Bundesregierung ist es, die zu schützen, die den Beruf nicht freiwillig ausüben. Zwangsprostitution soll eingedämmt werden. Bordellbetreiber, die mit Menschenhandel straffällig geworden sind, erhalten keine Konzession mehr. Sogar einen Verhütungsparagraphen gibt es, der die Benutzung von Kondomen vorschreibt.

„Wissen Sie, was ich von dem Gesetz halte? Gar nichts! Soll der Beamte vom Ordnungsamt etwa beim Geschlechtsverkehr danebenstehen und die Kondompflicht überwachen?“ Andi Ronnes (Name geändert) zieht die Augenbrauen hoch und läuft in seinem Büro auf und ab. Die Wände sind weiß und kahl, ein Kühlschrank brummt. Ronnes ist Besitzer eines fast 400 Quadratmeter großen Bordells im Steintorviertel. Er ist bereit, etwas über sein Gewerbe zu erzählen, aber nur unter der Bedingung der Anonymität.

Während er spricht, bleiben seine Augen immer wieder am Bildschirm seiner Überwachungskameras hängen. „Wer ist das …?“ murmelt er ab und zu. „Meine Prostituierten sollen sicher arbeiten können“, sagt er. „Wissen Sie, jede Frau ist ein Mensch,“ er schlägt mit der Hand auf den Schreibtisch, „aber manche Männer kapieren das einfach nicht“.

Ende der Stigmatisierung?

Auch der Frauenverband Courage sieht das Gesetz kritisch. „Die Legalisierung der Prostitution in vielen europäischen Ländern hat zu mafiösen Strukturen beigetragen“, sagt Ilse-Marie Stratmann, Sprecherin von Courage Hannover. „Das Prostitutionsgesetz wird als Schutzschild für die Ausbeutung von Frauen genutzt.“

„Ich behandele meine Mitarbeiterinnen gut“, betont Ronnes. In seinem Büro flackern die Kameras, Musik dröhnt von der Straße hoch. Es ist Samstagnacht, vier Uhr. „Verdammt noch mal, der Arbeit der Prostituierten muss mehr Würde entgegengebracht werden“, sagt er und zieht an seiner Zigarette. Für Ronnes ist es ein Beruf wie jeder andere – und „ein Arbeitsverhältnis, das überhaupt nur entstehen kann, weil der Sozialstaat versagt“. Sexuelle Dienstleistungen zu verkaufen sei eine schnelle Methode, um an Geld zu gelangen. „Wissen Sie, wie viele alleinerziehende Mütter am Steintor beschäftigt werden?“ sagt er und starrt auf seine Kameras.

Auch Dorotee Türnau von der Phoenix-Beratungsstelle für Prostituierte in Hannover will ein Ende der Stigmatisierung von Prostituierten: „Sexarbeit ist normale Erwerbsarbeit“, sagt die Sozialarbeiterin. Türnau sieht das neue Gesetz sehr kritisch: „Die geplanten Maßnahmen kontrollieren und bevormunden Sexarbeiterinnen anstatt sie zu schützen.“

Marlene Graf, stellvertretende Leiterin des Fachbereichs Gesundheit der Region, ist für die Umsetzung des neuen Gesetzes zuständig. Sie sieht ebenfalls Nachbesserungsbedarf: „Eine gesundheitliche Beratung basiert auf Vertrauen, nicht auf Zwang“. Graf glaubt, dass keine Prostituierte in dem verpflichtenden Beratungsgespräch offen reden würde.

„Ich mache es für Geld“

Draußen am Steintor wird es langsam hell. Mädchen stolpern auf Highheels der U-Bahnstation entgegen. Leere Alkoholflaschen rollen über den Asphalt. Männer mit wirren Haaren wühlen in Mülleimern. Kahlrasierte Security-Mitarbeiter stehen zusammen und reden.

Es ist hier fast unmöglich, direkt mit Prostituierten zu sprechen, denn kaum eine der Frauen spricht Deutsch hier am Steintor. „Ich … nichts verstehen“, sagt eine, die auf der Straße steht und sich abwendet. Eine andere erzählt auf Englisch, dass sie in ihrer Heimat in Osteuropa einen Beruf als Universitätsdozentin für Fremdsprachen hatte. „Doch mit dem Gehalt konnte ich nicht überleben.“ Sie ist sehr zierlich, besitzt fast einen Kinderkörper. Leidet sie unter ihrer Arbeit? Die Frage versteht sie kaum. „Ich mache es für Geld“, wiederholt sie immer wieder.

„Viele Prostituierte befinden sich in einer sozialen und psychischen Situation, in der es fraglich ist, ob sie sich frei und autonom für oder gegen diese Tätigkeit entscheiden können“, heißt es in einer Mitteilung des Familienministeriums. Mehr als 80 Prozent der Prostituierten in Hannover haben einen Migrationshintergrund, schätzt das Landeskriminalamt, die meisten stammen aus Rumänien und Bulgarien.

„Niemand fühlt sich zuständig“

Sophie K. (Name geändert) ist eine der Prostituierten mit Migrationshintergrund, die in ihrer eigenen Wohnung arbeitet. An dem Gesetz hat sie einiges auszusetzen. „Wir dürfen nach dem neuen Paragraphen noch nicht mal mehr unser Schlafzimmer als unseren Raum für sexuelle Dienstleistungen nutzen – das bedeutet, wir müssen uns ein größeres Apartment mieten und verdienen weniger Geld.“

Sophie K. hat noch andere Sorgen. „Weder mein Steuerberater noch das Finanzamt konnten mir sagen, wo ich jetzt meinen neuen Hurenpass erhalte – niemand fühlt sich zuständig“. Auch Dorotee Türnau von Phoenix berichtet von Verunsicherung ihrer Zielgruppe, „weil es noch keine konkreten Angaben zu der Umsetzung des neuen Gesetzes gibt.“ Ein Entwurf befindet sich noch in der Abstimmung, ließ das Sozialministerium Niedersachsens verlauten. Beim Fachbereich Gesundheit der Region fangen sie deshalb „ab dem 1. Juli erst einmal nur mit begrenztem Personal“ an. Auch die Stadt Hannover stelle vorerst keine Gewerbescheine aus und schreibe keine Bordellbetreiber an, Sprecher Udo Möller: „Das Sozialministerium hat uns die Aufgabe noch nicht übertragen.“

„Frauen wollen halt nicht so oft Sex wie Männer“

Im Büro von Andi Ronnes ist es jetzt halb sechs Uhr morgens. Er stößt einen Fluch aus und springt auf. Auf dem flackernden Bildschirm sieht man ein Handgemenge. Ein Mann versucht anscheinend, eine Prostituierte zu berauben. Er zerrt an ihrer Handtasche, sie hält sie verzweifelt fest und schreit um Hilfe. Schnell finden sich schwarzgekleidete Türsteher ein. Der Mann wird von ihnen in den Schwitzkasten genommen, an die Wand gedrückt – und abgeführt. „Ich kann es einfach nicht fassen“, sagt Ronnes: „Prostituierte verdienen Respekt. Banditen will ich hier nicht haben“. Er starrt wieder auf die Bilder der Kameras.

Eine Straße weiter am Steintor müssen Männer an der Tür unter einen geschwungenen Leuchtreklame zehn Euro Eintritt zahlen. Frauen zahlen nichts. Drinnen sitzen Männer mit hungrigen Blicken auf Barhockern um die Tanzfläche. Dort tanzen zwei Prostituierte mit bauchfreien Tops und tief ausgeschnittenen Dekolletés. Hinter der Tanzfläche geht es zu einem düsteren Gang mit vier Kabinen, über denen Bildschirme installiert sind, auf denen Pornos laufen. Wer sich eine Frau kauft, kann sich mit ihr in eine solche Box zurückziehen, die kaum mehr als einen Quadratmeter umfasst.

Warum machen Männer das? „Das ist biologisch so angelegt. Frauen wollen halt nicht so oft Sex wie Männer. Deswegen müssen Männer zu Prostituierten“, sagt ein Mann Mitte dreißig, der keinen Hehl daraus macht, regelmäßiger Freier am Steintor zu sein. Hat er kein schlechtes Gewissen? „Wenn es ein Angebot gibt, wird es auch gekauft. Wenn ich es nicht tun würde, kauft es halt der Nächste. Ich muss mir da keinen Vorwurf machen“.

Die Sonne strahlt jetzt über die schmutzigen Dächer des Steintors. Ronnes ist mit sich im Reinen. „Ich kooperiere mit dem Staat und der Polizei“. Das Gesetz zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes ist für ihn nur eine Formsache. Ein letzter Blick zu den Überwachungsschirmen. „Wir sind hier alle eine Familie“.

Von Valerie Lux


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