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KÄMPFT: Witwe Margot Brecht streitet weiter um Schmerzensgeld, weil es ihr verstorbener Mann so wollte.

KÄMPFT: Witwe Margot Brecht streitet weiter um Schmerzensgeld, weil es ihr verstorbener Mann so wollte.© NANCY HEUSEL

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Verdacht

Hannover: Ärztepfusch im Henriettenstift?

Helmut Brecht starb qualvoll. Das Drama begann nach einer Operation im Henriettenstift. 16 Fremdkörper waren in seinem Bauch vergessen worden. Doch der Chefarzt weist alle Schuld von sich. Brecht wollte Schmerzensgeld. Nach seinem Tod führt seine Witwe den Kampf fort.

Hannover. Noch nie wurde in der Medizin eine so große Ansammlung von vergessenen Teilen im Körper eines Menschen dokumentiert. Patient Helmut Brecht aus Badenstedt, der im September 2009 in der Henriettenstiftung (Marienstraße) am Darm operiert wurde, hatte 16 Fremdkörper im Bauch: eine Nadel, Kompressen und Textilstreifen. Letztere zersetzten sich teilweise und lösten massive Entzündungen aus.

Brecht wurde von einem Klinik-Chefarzt und seinem Team operiert. Der renommierte Chirurg und die Henriettenstiftung behaupten, das Zeug sei nicht durch die Darmoperation in den Mann gekommen.

Fast ein Jahr später holte der Chirurg selbst 13 Textilteile aus dem Körper von Brecht. Die Nadel, ein Kompressenstück und ein Textilstreifen waren zuvor schon aus dem künstlichen Enddarm herausgeeitert. Brecht, der im April 2012 starb, litt große Qualen. Seine Nieren versagten, er musste zur Dialyse.

Seit 2011 stritt der Schwerkranke um Entschädigung mit der VGH, dem Haftpflichtversicherer der Klinik. Die bot ihm 500 Euro an. Erst als Brecht eine Anwältin einschaltete, stieg das Angebot auf zuletzt 15000 Euro. Witwe Margot und Tochter Heike führen den Streit fort. Sie seien es ihrem Ehemann und Vater schuldig, der sich missachtet und verschaukelt vorgekommen sei. Bis heute gibt es keine Regulierung. Die VGH fordert eine medizinische Begutachtung durch die Schlichtungsstelle der Ärztekammer, was die Anwältin der Familie abgelehnt hat.

Helmut Brecht hatte sich einen Chirurgen ausgesucht, der an der Spitze seiner Branche steht. In seiner Klinik in der Henriettenstiftung glaubte sich der Patient, der nach einem Prostatatskrebs Bestrahlungsschäden davongetragen hatte und einen künstlichen Darmausgang brauchte, bestens aufgehoben. Doch nach der Operation am 11. September 2009 begann ein Martyrium für den damals 74-Jährigen.
Eine Nadel, ein Kompressenstück und ein Textilstreifen eiterten aus der Wunde, die nie heilte. Elf Monate nach der OP holte der Professor 13 weitere Textilteile, große und kleinere, aus Brechts Bauch.
Doch der Chirurg und die Henriettenstiftung behaupten, dass die Teile  nicht von der Darm-Operation stammen. Bei der Frage, woher dann, zuckt Achim Balkhoff, Sprecher der Diakonischen Dienste, zu denen das Henriettenstift gehört, mit den Schultern. Wer weiß, vielleicht sei es bei der späteren Pflege hineingeraten. Bei Operationen verwende man Kompressen mit Leuchtstreifen, die mindestens ein Jahr wirksam seien. Beim Röntgen sei aber im Bauch nichts zu sehen gewesen.
Margot Brecht (77), Witwe des im April 2012 verstorbenen Patienten, widerspricht. Die Nadel sei einen Tag nach der Entlassung aus dem Henriettenstift herausgekommen, zusammen mit einem halben Liter bakteriell verseuchtem Blut. Ihr Mann, der gerade eine Reha antreten sollte, sei gleich als Notfall ins Springer Krankenhaus eingeliefert worden. Obwohl ihm von der Henriettenstiftung trotz Entzündungsherden im Blut ein „guter Allgemeinzustand bescheinigt worden war“, so ihre Anwältin Annette Corinth.
Witwe Margot Brecht widerspricht auch der Behauptung, auf Röntgenbildern sei nichts zu sehen gewesen. Bei folgenden Untersuchungen im Henriettenstift „hat der Professor selbst gesagt, da ist was im kleinen Becken.“ Das habe wie eine Kompresse ausgesehen. Doch er habe sich nicht getraut, ihren geschwächten Mann zu operieren, „aus Angst, dass er auf dem OP-Tisch stirbt.“ Vielleicht löse es sich ja von selbst auf. Erst als Ostern 2010 ein drei mal zwölf Zentimeter großes Kompressenstück aus dem Darm eiterte und im August ein länglicher Textilstreifen (Foto), habe er gesagt, „da muss ich wohl doch noch mal ran.“ Bei der neuen OP am 18. August habe er 13 weitere Teile gefunden.
Fachanwältin Corinth, die keinen derartigen Fall dokumentiert fand, macht 80 000 Euro Schmerzensgeld und 20 000 Euro Schadenersatz geltend. Das Verfahren, in dem es bisher keine Klage gibt, hatte Helmut Brecht 2011 selbst eingeleitet. Der Klinik-Versicherer bot 500 Euro an, was Brecht als Hohn empfand. Später erhöhte die VGH auf 15 000. Man habe anerkennen wollen, „das da was war“, so ein Abteilungsleiter. Gezahlt wurde bisher nichts.
Denn seit 2011 litt Brecht, der ein schwaches Herz und eine kranke Niere hatte, auch an Nierenversagen. Dazu sei es gekommen, weil durch eine Fistel an der Darmwunde Bakterien in die Blase gelangten, so sein Hausarzt. Er attestierte, dass es deshalb „mit mehr als 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit“ zum tödlichen Nierenversagen kam. Für die Anwältin ist der Fall klar, man brauche das von der Versicherung geforderte Schlichtungsverfahren vor der Ärztekammer nicht. Margot Brecht und Tochter Heike Krause wollen für ihren Verstorbenen weiterkämpfen, „das haben wir ihm versprochen.“


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