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NP-Interview

"Hanebuth hat eine unrühmliche Rolle gespielt"

Ulrich Detrois, in der Szene als „Bad Boy Uli“ bekannt und gefürchtet, war lange Jahre Mitglied der Hells Angels, brachte es zum Vizepräsidenten des Chapters Kassel. Drogendealerei, Prostitution, Geldwäsche – der bullige Hüne aus Nordhessen hatte überall seine Finger mit im Spiel. Auf dem Höhepunkt seiner kriminellen Karriere kam es jedoch zum Machtkampf. Im NP-Interview spricht der 58-Jährige über seine Zeit als Höllenengel, sein Verhältnis zu Frank Hanebuth und wie der Club die internen Probleme lösen will.Was kommt nach den Hells Angels? Der große Höllenengel-Bericht in der Dienstagsausgabe der NP.

Herr Detrois, bei den Hells Angels stehen Sie auf der Abschussliste. Wortwörtlich. Wie lebt es sich mit der ständigen Bedrohung?

Ich bin ein Sonnenstrahl und lasse mich nicht von irgendetwas aus der Ruhe bringen. Man gewöhnt sich so an Vieles.

Wieso sind Sie nicht irgendwo in die Karibik geflüchtet und haben alles hinter sich gelassen?

Man muss sich entscheiden, was man macht. Ich habe die Öffentlichkeit gewählt. Was soll ich verheimlichen oder schönreden? Es kommt sowieso irgendwann raus. Es ist ein Teil von mir. Es ist sicher nicht das Allerbeste, so wie man es sich gutbürgerlich vorstellt. Vielleicht hilft es aber zur Abschreckung für andere.

Aber Sie waren doch gerne ein Höllenengel. Was hat Sie dazu bewogen, Ihre Meinung zu ändern?

Wie einzelne sich bereichert haben, das hat mir schon immer gestunken. Das hatte mit meinem Wertegefühl nichts zu tun. Ich habe es mir eine Zeit lang vielleicht auch schön geredet. Ich habe ja gut und schön gelebt. Jetzt, mit der Betrachtung von außen, kann ich sagen: Dieses Leben ist nicht anstrebsam. Weder Drogendealerei noch Zuhälterei, noch anderen kriminellen Machenschaften - es ist einfach nicht gut, auch wenn es aus meinem Mund komisch klingen möge.

Wie gehen Sie mit der Todesangst um?

Es kann jederzeit sein, dass die Tür aufgeht und irgendeiner auf mich schießt. Todesangst ist eine Einstellung. Ich hatte noch nie Angst, habe immer an der Grenze gelebt. Ich hoffe, wenn es mich erwischt, habe ich das Glück und kann als Organspender anderen Menschen, die schwerkrank sind, was Gutes tun kann. Das klingt abgehoben, aber das bedeutet für mich innerer Frieden. Mir und meinem Umfeld ist es bewusst, dass es jeden Tag passieren kann. Man kann sich verkriechen und kirre machen, nur was habe ich dann noch für positive Aspekte in meinem Leben?

Haben Sie neben der Öffentlichkeit noch eine weitere Absicherung?

Ich habe Interna der Hells Angels, die ich beim Notar hinterlegt habe. Wenn mir etwas passiert, wird das Material veröffentlicht. Ich bin nicht das Kaninchen auf dem Feld, das man einfach abschießt. Dennoch ist es mir selber noch unerklärlich, warum ich noch nicht ermordet wurde.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Frank Hanebuth gemacht?

Hanebuth ist nicht unbedingt mein Intimfreund. Die Mordverabredung gegen mich hat in Hannover stattgefunden. Meine Anwälte haben jedoch keine Chance, an irgendwelche weiteren Informationen zu gelangen, da der Staat alles abblockt. Das Interesse der Ermittlungsbehörden stehen vor dem Interesse eines Einzelnen. Alle Deutschlandpräsidenten der Hells Angels waren damals bei der Verabredung dabei.

Hat Hanebuth auch heute trotz seiner Inhaftierung in Spanien noch Macht im Club?

Hanebuth hat eine sehr unrühmliche Rolle gespielt. Er hat früh angefangen, den Club für sich auszunutzen. Es wurde viel gemacht, von dem die anderen Mitglieder gar nichts wussten. Der innere Halt von Hanebuth schrumpft nach seiner Verhaftung stark. Vielen Membern sind jetzt die Augen geöffnet worden, wie viel Geld und Geschäfte er am Club vorbei und mit indirekter Mithilfe des Clubs gemacht hat. Das wird übel aufstoßen. Momentan wird die Front gegen den Hanebuth immer größer. Wenn die Ermittlungsergebnisse alle auf dem Tisch liegen und das ganze Ausmaß zu erkennen ist, wo er überall seine Hände im Spiel hatte, dann könnte ich mir gut vorstellen, dass die Angelegenheit Hanebuth beendet wird.

Welche Ziele verfolgte Frank Hanebuth mit seinem Handeln?

Er hat überall investiert. Er war an Geschichten beteiligt, wovon niemand was wusste. Er hatte seine Bordellgeschichten, er hatte Geld und er versuchte, viel Einfluss zu bekommen. Seine Expansionspolitik gefiel nicht allen. Hanebuth wollte sein Charter zum größten in Deutschland machen, er wollte es sogar in Konkurrenz zum weltweit bedeutendsten in New York aufbauen. Das war sein Begehren. Mit der Erweiterung nach Ostdeutschland, dazu die vielen Wechsel von Banditos hin zu den Hells Angels, es war ein Drama. Die Hells Angels sind daher zutiefst zerstritten. Es entstanden zwei Lager, und das lastet der Club dem Hanebuth an. Es war sein großer Fehler, alles zu nehmen, was es nur gibt.

Ein Club, zwei Lager. Wie konnte es denn dazu kommen?

Einen Großteil der Probleme, die es in den vergangenen Jahren gegeben hat, haben die neuen, jungen Mitglieder verursacht. Sie haben sich an nichts gehalten und nur ihr Ding gemacht. Die Hells Angels allgemein haben schon keinen großen Bezug mehr zum Motorradfahren. Die jungen Wilden haben gar keinen mehr. Sie nehmen den Club nur als Sprungbrett, als Geldmaschine, um sich zu profilieren, Geschäfte zu machen und Kontakte zu kriegen. Das ist ihr einziges Ziel. Das Problem wird im nächsten Worldmeeting erledigt werden. Die Frage ist: Wie werden sie die Jungen jetzt wieder los? Aktuell macht sich der Club selbstständig kaputt. Früher hatten die Hells Angels ein anderes Image: Motorräder, Freiheit, große Partys, nackte Weiber, Drogen. Das ist schon lange nicht mehr so. Es ist eine große Maschinerie gewachsen.

Erledigt? Das klingt im Zusammenhang mit einem Motorradclub extrem böse?

Es wird jetzt so laufen, dass weltweit eine Regelung getroffen wird. Man wird den jungen Leuten ihre Kutten wegnehmen, sie aus dem Club verbannen und damit dem Ganzen einen Riegel vorschieben. Nur so bekommt man das in den Griff.

Wäre es da nicht höchste Zeit, dass der Staat eingreift?

Natürlich! Man muss sich vor Augen halten, es geht auch eine Gefahr für die normalen Bürger aus. Der Staat aber ist entmachtet. Der ehemalige Innenminister Hans-Peter Friedrich hat gar nichts gewuppt, wie ein Butterblümchen im Wind hat er sich gewunden. Passiert ist gar nichts. Dabei fordern viele Experten ein bundesweites Verbot der Hells Angels. Mal abwarten, ob Thomas de Maizière nun dieses Rückgrat hat und ein Verbot dieser Gruppierungen durchsetzt. Und wenn es nur das Kuttenverbot wäre. Das reicht schon, damit sich die Angels nicht mehr öffentlich profilieren können.

Und was wird mit Frank Hanebuth passieren?

Es ist nur gut, dass die Spanier den Hanebuth verhaftet haben. In Deutschland wäre er schon längst wieder auf freiem Fuß und alles würde wieder im Sande verlaufen. Die Zeit, die nach der Inhaftierung kommt, wird für Hanebuth in Deutschland nicht mehr so prickelig werden. Seine Clubgeschichte ist für alle Zeiten vorbei. Von Hanebuth werden wir in Zukunft nichts mehr bei den Hells Angels hören.

Es geht das Gerücht um, Frank Hanebuth würde vom Gefängnis aus die Strippen in der Hand behalten.

Ich war selber im Knast. Man hat die Möglichkeiten, kleine Dinge über Anwalt und Besucher rauszubekommen. Aber entscheidende Dinge kann man hinter Gitter gar nicht machen. Es sind ja auch noch viele andere da, er ist ja nicht der Hecht im Karpfenteich. Jedes Charter hat seinen eigenen Präsidenten und seinen eigenen Vizepräsidenten, sie haben alle gleich viel zu sagen. Hanebuth wäre gerne Deutschlandpräsident geworden. Aber das war er nie und wird er auch nie werden. So eine Position gibt es nicht.

Aber von diesen Präsidenten hört man nicht sonderlich viel.

Mittlerweile sind ein paar Präsidenten munterer geworden und haben sich gefragt, was sie in den letzten Jahren alles verdödelt haben. Sie haben sich die Köpfe zugekokst und gesoffen wie die Ilse, wodurch ihnen Etliches durch die Finger geronnen ist. Jetzt stehen sie vor einem Scherbenhaufen.

Welche Rolle spielt dabei Neco Arabaci? Er wird ja als Nachfolger Hanebuths gehandelt.

Neco Arabaci, der schöne Türke mit seinen rosa Unterhosen. Er hat sich mittlerweile selbst ins Aus geschossen. Ich bin seit über 30 Jahren im Rotlicht-Milieu tätig, auch in Köln. Ich habe noch nie etwas von Arabaci gehört. Er ist eine Luftnummer und ein Wasserholer. Er hat einzig ein paar Mädels an Puffs vermittelt. Er ist nur durch die Migrantenschiene in den Club gekommen. Heute ist er in Izmir, am Arsch der Welt, und seine Türkengang hat in Köln auch nichts zu sagen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass andere so blöd sind und sich von ihm die Butter vom Brot nehmen lassen.

Gibt es demnach ein Machtvakuum im Club?

Ein Machtvakuum gibt es nicht. Das würde bedeuten, dass Hanebuth das dicke Rohr geblasen hat und alle anderen es gehalten hätten. So ist es nicht gewesen. Hanebuth hat nur seine Geschäftsinteressen entwickelt und seine Politik bestritten. Alles andere ging wie gehabt weiter. Der einzige, der das intensiviert und mit neuen Leuten vergrößert hat, ist Hanebuth gewesen. Ich weiß nicht, was ihn geritten hat. Er hat immer gedacht, er sei etwas Besseres. Die anderen Präsidenten haben ihn gewähren lassen.

Warum konnte der Ex-Hannoveraner so frei handeln?

Hanebuth hat seine Pläne gut unterm Deckel gehalten. Alle, die gewagt haben, aufzumucken, wurden entsorgt. Das hat er clever gemacht. Er hat früher seinen Leuten die Motorräder finanziert. Anfänger hatten ja nicht mal eben 30000 Euro auf der Kante und konnten sich Harleys kaufen. So hat er sich die Anhänger hörig gemacht. Viele sind von der Baustelle oder vom Arbeitsamt gekommen. Hanebuth hat denen die Angebote gemacht, Wirtschafter in seinen Läden zu werden, hat ihnen 5000 Euro Monatsgehalt bezahlt. Warum sollte die Neuen den Chef hinterfragen. So entstanden Abhängigkeiten. Er hat sich eine Heerschar von Soldaten gezüchtet, die loyal zu ihm stehen.

Als Ex-Vizepräsident der Hells Angels kennen Sie den Club. Die Behörde behaupten, sie könnten Verstrickungen und Strukturen zwischen den Chartern nicht nachweisen. Wie sehen Sie die Debatte?

Generell steht übergeordnet über jeder Person der Hells Angels Club. Es gibt die World Rules, worin alles Gängige geregelt ist. Es sind keine einzelnen, verirrten Motorradfahrer. Dahinter steckt eine Struktur. Im Prinzip macht jedes Charter mehr oder weniger das, was es für richtig hält – unter der Prämisse, was vom Club gewünscht wird. Es gibt ein World Meeting, wo alle Charter zusammen kommen und wo alle die weltweite Club-Politik abstimmen. Die ganze Sache ist organisiert. Wenn man also politisch wirklich wollte, den Verein zu verbieten, hätte man auch das nötige Futter in der Hand. Von Carsten Bergmann


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