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Wie schwer ist es ein Kinder zu erziehen? Braucht man Hilfe? Wie wichtig sind andere Familienmitglieder? Helikoptereltern oder lieber anti-autoritäre Erziehung? Die Möglichkeiten sind vielfältig.© Nicolas Armer/dpa

Ratgeber

Haben wir das Elternsein verlernt?

Eltern sollten mit ihren Kindern frühstücken, dafür sorgen, dass sie pünktlich in der Schule sind, und sich auch nachmittags und abends mit ihnen beschäftigen. Das rät eine Broschüre des Kultusministeriums. Es geht um Selbstverständlichkeiten, die aber offenbar verloren gegangen sind.

Hannover.  Haben Eltern das Elternsein verlernt, oder sind sie in der heutigen Gesellschaft überfordert? Die NP hat vier Experten aus Hannover gefragt.

Der Buch-Autor Michael Winterhoff findet: Die Intuition ist uns verloren gegangen.

Seine Bücher treffen einen Nerv. Anders ist nicht zu erklären, warum sein erfolgreichstes Werk „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ monatelang die Bestsellerlisten anführte. Michael Winterhoff (61) ist Buchautor und Jugendpsychiater, seine Thesen sind radikal: Kinder in Deutschland werden immer häufiger in ihrem Verhalten auffällig und respektlos, weil Eltern sich nicht mehr wie Eltern verhalten. Haben Eltern also tatsächlich das Elternsein verlernt? „Das kann schon sein“, sagt der Vater von zwei erwachsenen Kindern. „Wir besitzen eigentlich die Intuition, wie man mit Kindern umgeht. Aber wir sind in eine Schieflage geraten. Das heißt, wir haben zwar diese Intuition, können aber nicht mehr über sie verfügen“, erklärt der Erfolgsautor. Ein Blick in eine Fußgängerzone würde genügen: „Alle sind gehetzt, gestresst oder sogar depressiv. Und wer lacht, wird für verrückt erklärt. Die Erwachsenen sind getrieben und ruhen schon lange nicht mehr in sich selbst.“ Den Hauptgrund dafür sieht Winterhoff in der digitalen Revolution. „Wir sind psychisch nach außen gerichtet, haben dadurch keinen Zugang mehr zu unserer Intuition. Das macht Eltern hilflos und verunsichert. Vieles steuern sie nur noch über den Kopf. Das ist fatal.“

Noch etwas sei entscheidend, so der Experte: „Man braucht viel Zeit und innere Ruhe für Kinder. Man muss sie in vielem begleiten und anleiten, doch das wird heute nicht mehr geleistet.“ Daher seien immer mehr Kinder verhaltensauffällig. Am sichtbarsten werde das beim Übergang von der Schule in den Beruf. Winterhoff: „Über 50 Prozent der Jugendlichen sind gar nicht mehr arbeitsfähig. Schlicht aus dem Grund, dass sie keine Arbeitsmoral haben und nie Pünktlichkeit gelehrt bekommen haben.“ In unserer Gesellschaft habe man einfach den Blick für Kinder verlernt: „Es gibt hier keine Kindheit mehr. Bereits im Kindergarten werden Kinder zu kleinen Erwachsenen gemacht, die schon selber entscheiden und Verantwortung übernehmen sollen.“

Können Eltern denn zum Elternsein zurückfinden? Winterhoff: „Es gibt nur eine Chance dafür in der digitalen Welt, und zwar, wenn ich regelmäßig wieder mit mir im Kontakt bin, mich selber erde.“ Yoga, Kirchenbesuche oder lange Waldspaziergänge ohne jegliche Ablenkung seien dafür geeignet und würden einen klaren Blick auf die Bedürfnisse der Kinder verschaffen. „Es ist ein ganz banales Rezept, das sofort Wirkung zeigen wird und dennoch so schwer in die Tat umzusetzen ist.“ Doch sei es der einzige Ausweg, so der Jugendpsychiater: „Wir brauchen den Zugang zu uns, um wieder einen Zugang zu unseren Kindern zu bekommen.“

Die Sozialarbeiterin Maren Grimm sagt: Es gibt kein Gespür mehr für die Kinder

Maren Grimm arbeitet an der Grundschule Glücksburger Weg in Vahrenwald. Nicht als Lehrerin, sondern als Schulsozialarbeiterin. Doch in diesem Stadtteil ist ihre Aufgabe nicht weniger bedeutend. Grimm, die selber zwei Kinder hat, hat in ihrer bisherigen Laufbahn viele Problemfamilien getroffen und begleitet. „Und es wird nicht besser“, sagt sie. Die Schulsozialarbeiterin lobt daher die Initiative des niedersächsischen Kultusministeriums, das aktuell Broschüren verteilt, in denen Eltern erklärt wird, wie Schule funktioniert. Rechtzeitig aufstehen, gemeinsam frühstücken, Pausenbrot einpacken, Sportzeug nicht vergessen sind darin nur einige Beispiele. Grimm: „Das sind eigentlich Selbstverständlichkeiten für Eltern. Doch leider werden sie von immer mehr Eltern nicht beachtet.“ Sie ist daher überzeugt: „Eltern haben das Gefühl für das Elternsein verlernt oder es nie richtig gelernt. Das gilt für alle gesellschaftlichen Schichten.“ Stattdessen würden sie immer stärker auf Distanz zu ihren Kindern gehen: „Wir erleben, dass die Kinder zum Tanzen, Fußball oder zur Musikschule gefahren werden. Die Hausaufgaben machen sie auch mit anderen. Die Eltern nutzen also viele externe Angebote, um sich bloß nicht selber mit ihren Kindern beschäftigen zu müssen.“ Die Folge sei, dass die Erwachsenen kein Gespür mehr für ihren Nachwuchs hätten.

In der heutigen Gesellschaft gebe es daher meist nur noch diese zwei Extreme, so die Schulsozialarbeitern: „Helikoptereltern, die permanent um ihr Kind schwirren, oder eben diejenigen, die sich gar nicht kümmern, weil sie nicht wissen, wie es geht, oder einfach keine Zeit haben.“ Expertin Grimm fordert daher: „Eltern, entwickelt endlich wieder ein Gefühl für eure Kinder!“ Oder sonst? „Sonst werden diese Kinder immer mehr benachteiligt und sozial an den Rand gedrängt. Und das kann doch keine Mutter oder Vater wollen.“

Die Schulleiterin Kathleen Fleer kritisiert: Viele Familien scheitern am Alltag

Kathleen Fleer leitet die IGS Kronsberg, mit rund 1300 Schülern eine der größten Schulen Hannovers. Die Schulleiterin und zweifache Mutter versucht, immer dicht dran zu sein an den Sorgen und Nöten der Jugendlichen. Fleer weiß: „Vieles, was zu meiner Schulzeit noch als selbstverständlich galt, ist es heute nicht mehr.“ Pünktlich zum Unterricht zu erscheinen etwa, das klassische Schulbrot mitzubekommen oder passende Kleidung für die Klassenfahrt dabeizuhaben. „Es ist schon erstaunlich und fast traurig, wie sehr uns hier im Schulalltag die vermeintlich banalen Dinge häufig beschäftigen. Grundlegende Dinge müssen einfach stimmen, und dafür sind die Eltern verantwortlich“, sagt Kathleen Fleer.
Dies seien jedoch keineswegs Versäumnisse, die ausschließlich in Problemfamilien  passieren, so die Pädagogin: „Das zieht sich wirklich durch alle Bildungsschichten. Viele Familien scheitern einfach am normalen Alltag.“ Vor allem der Wechsel vom Kindergarten in die Schule verschärfe vieles, denn „Krippen und Kindergärten nehmen den Eltern viel Verantwortung ab. Mit dem Schuleintritt sind die Eltern aber stärker in der Pflicht.“

Haben Eltern also tatsächlich das Elternsein verlernt? Fleer: „Für manche Eltern würde ich das so unterschreiben. Sie sind sich einfach nicht der Verantwortung bewusst, die Kinder mit sich bringen.“ Aber, fügt die IGS-Leiterin hinzu: „Wo lernt man eigentlich, wie man richtig Eltern ist? Das bringt einem ja niemand bei.“ Sie ist zudem überzeugt davon, dass „viele Eltern an den eigenen Ansprüchen scheitern“. Und die seien heutzutage enorm, viele stünden allein vor der Verantwortung. „Denn früher hatten Kinder einfach mehr Familienmitglieder, die sich um sie gekümmert haben. Heute sind es meist nur noch Mutter und Vater oder nur ein Elternteil.“ Um den normalen Alltag zu meistern, brauche es daher ein „ordentliches Netzwerk“. Eine Broschüre, wie sie nun von Niedersachsens Kultusministerium herausgegeben wurde, hält Kathleen Fleer daher für gut: „Es gibt schließlich nur zwei Optionen: weiter den Ist-Zustand bejammern oder versuchen, die Situation zu verbessern.“

Die Therapeutin Eva Busch meint dazu: Politik und Gesellschaft sind in der Pflicht.

„Um angemessen mit unseren Kindern umzugehen, brauchen wir eigentlich die Verstärkung durch Großeltern, Tanten oder andere Familien mit Kindern.“ Hingegen würden Eltern heutzutage meist isoliert leben, stark beruflich eingenommen sein und vor der eigenen Elternschaft kaum Kontakte zu anderen Kindern haben. Die Kindertherapeutin kritisiert weiter: „Und obendrein wird einem vorgegaukelt, dass man mal eben ein Kind bekommt und die Welt danach wie gewohnt weitergeht. Das ist aber nicht so. Ein Kind zu bekommen und es aufzuziehen, verändert das Leben radikal.“

Busch ist überzeugt, dass es selten so schwer war wie heute, ein Kind aufzuziehen: „Diese Aufgabe geht stark an die Stress- und Umstellungsfähigkeiten der Eltern.“ Dass Eltern das Elternsein verlernt haben, glaubt sie nicht: „Die heutigen Eltern arbeiten unter schwersten Bedingungen, um ihre Kinder bestmöglich aufzuziehen. Doch sie haben dabei wenig bis gar keine Unterstützung. Sie sind diesem Mammutstress völlig alleine ausgesetzt.“
Eva Busch sieht Politik und Gesellschaft in der Pflicht: „Eltern müssen endlich von einer breiten Mehrheit die Anerkennung erfahren, dass sie notwendig für ihre Kinder sind und nicht irgendwelche 24-Stunden-Krippen oder Ganztagsschulen.“ Für eine gesunde Entwicklung brauchen Kinder vor allem eines: „Eltern, die ausreichend Zeit für sie haben. Und das muss die Gesellschaft den Eltern geben.“

Und ist die Broschüre, die aktuell vom Kultusministerium verteilt wird, ein erster Schritt auf dem richtigen Weg? Busch: „Sie macht Sinn, und ich kann ihr zustimmen. Ich bezweifele aber, dass diejenigen, die sie wirklich betrifft, sie auch lesen werden. Aber sie ist vermutlich der billigere Weg.“

von Britta Lüers


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