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Meine Stadt Gutachten belastet Klinikum Wahrendorff
Hannover Meine Stadt Gutachten belastet Klinikum Wahrendorff
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00:22 18.04.2018
SIE FORDERT AUFKLÄRUNG: Andrea H. (49) mit einem Bild ihres verstorbenen Sohnes und Erinnerungsstücken. Das kleine Bild zeigt ihren Rechtsanwalt Thorsten Osterkamp. Quelle: Fotos: Körlin
SEHNDE

 Auftraggeber ist die Staatsanwaltschaft. Unterschrieben wurde das neunseitige Papier, das der NP vorliegt, vom Direktor der MHH-Rechtsmedizin, Professor Dr. Michael Klintschar.

Hintergrund ist der Tod von Marcel F. Der 22-Jährige starb am Morgen des 23. Januar 2016 im Klinikum Wahrendorff. Der Auszubildende lag tot an seinem Bett im Haus 10 in Sehnde-Köthenwald. Im Klinikum wurde der angehende Elektriker nach dem Tod seines Stiefvaters, der ihn tief getroffen hatte, wegen psychischer Probleme behandelt.

Mutter vermutet falsche Therapie

Seine Mutter Andrea H. (49) vermutet, dass Marcel falsch therapiert wurde und erstattete Anzeige (NP berichtete). Ihr Anwalt Thorsten Osterkamp: „Es gab eklatante Verstöße im Rahmen der Behandlung und der Medikation.“

Doch erst nach einer Beschwerde von Andrea H. nahm die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wieder auf und beauftragte die MHH mit einer chemisch-toxikologischen Untersuchung. Fazit: „Verschiedene Neuroleptika wurden in teilweise überhöhten Konzentrationen nachgewiesen.“ Eine Vergiftung komme „als Ursache für die Geschehensabläufe im Zusammenhang mit dem Versterben durchaus in Betracht“.

Andrea H., Mutter des 22-Jährigen: „Ich habe immer vermutet, dass Marcel vergiftet wurde. Ich will, dass die Hintergründe restlos geklärt werden. Auch um zu verhindern, dass sich solche Fälle wiederholen.“

Anwalt hat Spezialisten eingeschaltet

Osterkamp sagt: „Todesursächlich könnte nicht nur der Medikamenten-Cocktail, sondern auch die Überdosierung und die Wechselwirkungen der Medikamente gewesen sein.“ Um Folgen von Wechselwirkungen zu klären, hat der Anwalt einen Spezialisten eingeschaltet. Osterkamp weiter: „Bei dem Fall handelt es sich um ein Tötungsdelikt in fahrlässiger Begehungsform. Ich gehe davon aus, dass die Staatsanwaltschaft jetzt Anklage erheben muss gegen Klinik, Ärzte und Pfleger.“ Infrage kämen etwa die Straftatbestände fahrlässige Tötung oder unterlassene Hilfeleistung.

Klinikum noch in Unkenntnis über Gutachten

Das Klinikum Wahrendorff habe noch keine Kenntnis vom Gutachten, so Geschäftsführer Rainer Brase. Aber: „Wir können den Tod des schwerkranken jungen Mannes bestätigten und sehen keinen Anhalt für ein Fremdverschulden.“

Oberstaatsanwalt Christian Gottfriedsen bestätigte den Eingang des MHH-Gutachtens. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Hildesheim weiter: „Derzeit prüfen wir den Vorgang.“ Danach werde über die weitere Vorgehensweise entschieden.

INFO

„Eindeutig oberhalb des therapeutischen Bereiches.“ Diese Feststellung treffen die Gutachter der MHH mit Blick auf die Konzentration einiger Neuroleptika-Wirkstoffe, die bei der Blutuntersuchung gefunden wurden.
Zitat: „Zusätzlich wurde mit ca. 3414 ng/ml (Nanogramm je Milliliter, die Red.) eine hohe Konzentration im Blut gefunden, die eindeutig oberhalb des therapeutischen Bereiches liegt. Als Referenzbereich nach therapeutischer Anwendung wird für dieses Medikament eine Konzentration zwischen 100ng/ml bis 400 ng/ml angegeben, ab 240 ng/ml werden toxische Effekte beschrieben, bei akuten Überdosierungen mit tödlichem Verlauf lagen jedoch viel höhere Konzentrationen (zirka 9000 ng/ml) vor.“

Von ANDREAS KÖRLIN

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