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Meine Stadt Gerd Andres: „Wir müssen die Wahrheit sagen“
Hannover Meine Stadt Gerd Andres: „Wir müssen die Wahrheit sagen“
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13:01 19.08.2015
Zu Gast bei der NP: Gerd Andres. Quelle: Rainer Dröse
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Herr Andres, Sie waren mehr als zwei Jahrzehnte ein erfolgreicher Bundespolitiker. Jetzt wollen Sie mit 64 Jahren den Ruhestand aufgeben und für den Rat der Stadt Hannover kandidieren. Was treibt Sie in die Niederungen der Kommunalpolitik?
Ich kandidiere, weil ich von Parteifreunden aufgefordert worden bin. Ansonsten: Politik macht mir Spaß. Ich möchte, dass der Stadtteil Groß-Buchholz besser in der Stadtpolitik vertreten wird und die SPD bei der nächsten Wahl so viele Stimmen wie möglich holt.

War Ihnen zu Hause langweilig?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe 2009 aus freien Stücken aufgehört. Wenn ich damals noch mal kandidiert hätte, säße ich vielleicht heute noch im Bundestag. Aber ich war nie weg von der Politik. Zum Beispiel habe ich sehr intensiv im Wahlkampf von Stephan Weil mitgearbeitet. Ich hatte nur kein Mandat. Und das strebe ich jetzt wieder an.

Sie treten damit gegen den jetzigen Bezirksbürgermeister Henning Hofmann an. Warum sollte die SPD Sie nominieren?
Da muss ich etwas ausholen: Henning Hofmann ist Bezirksbürgermeister und wird auch so wahrgenommen, nicht als SPD-Ratsmitglied. Häufig lässt er sich in der Ratstätigkeit sogar wegen seiner Verpflichtungen im Stadtbezirk entschuldigen. Dann wollte er kürzlich hauptamtlicher Bürgermeister in Springe werden, was die Springer nicht wollten. Sie werden wissen, warum. Da muss ich mir keinen Kopf drum machen. Ich strebe ein Ehrenamt an. Und Bezirksbürgermeister will ich auch nicht werden.

Alter weißer Mann rettet die SPD?
Ich habe auf dem Parteitag im Juni gesagt: ,Ich bin nicht jung, ich bin keine Frau und habe auch keinen Migrationshintergrund, aber ich kandidiere trotzdem, liebe Genossinnen und Genossen.‘ Und ich tue das auch, weil es mehr als 100 000 Menschen in Hannover gibt, die älter sind als 60 Jahre. Aber keine Sorge, durch meine Kandidatur, wird die SPD schon nicht vergreisen.

Sie haben in Ihrem Stadtbezirk ein gewisses Unbehagen in der Bevölkerung festgestellt, weil immer mehr Asylbewerber im Oststadt-Krankenhaus untergebracht werden. Ist das Boot voll?
Diese Formulierung dichtet man mir gerne an. Nein, das Boot ist nicht voll. Aber im Oststadt-Krankenhaus hieß es erst, es kommen 100. Dann waren es 300. Dann 600, und jetzt sind wir schon bei 735. Und weil der Druck auf die Stadt zunimmt, bin ich ziemlich sicher, dass es bei dieser Zahl nicht bleibt. Da muss sich die SPD doch mal positionieren.

Sie haben nichts gegen Flüchtlinge, wollen sie aber nicht unbedingt in der Nachbarschaft?
Ach, Quatsch. Ich habe 1993 für den ersten Asylkompromiss gestimmt, anders als viele in meiner Partei. Ich kämpfe entschieden gegen jede Form des Rechtsradikalismus und der Ausländerfeindlichkeit. Aber man darf auch nicht jeden gleich in die rechte Ecke schieben, der von Politikern fordert, die Sorgen und Nöte der Menschen ernst zu nehmen. Wenn wir irgendwann nur noch darüber diskutieren, welche Sporthalle und welchen Sportplatz wir zum Flüchtlingsheim umbauen, ist das der Willkommenskultur bestimmt nicht zuträglich.

Wo sollen die Flüchtlinge denn hin?
So wie jetzt immer neue Standorte für Flüchtlingsunterkünfte kommuniziert werden, oftmals unabgestimmt mit der betroffenen Bevölkerung, werden wir die vorhandenen Vorbehalte jedenfalls nicht abbauen. Ich bin fest davon überzeugt, dass auf die Stadt Hannover eine noch größere Flüchtlingswelle zurollt. Und wenn wir das bewältigen wollen, müssen wir die Menschen hier mitnehmen. Und wir müssen ihnen die Wahrheit sagen.

Mehr nicht?
Es ist ein erster Schritt, dem weitere Folgen müssen. Da sind wir dann aber schnell bei der Bundespolitik. Ich kann einfach nicht begreifen, warum die sechs West-Balkanländer nicht zu sicheren Herkunftsländern erklärt werden. Da gibt es ganze Familien, die kommen, weil es hier ein Taschengeld gibt und obwohl sie wissen, dass ihr Asylantrag abgelehnt wird. Ist man ein Ausländerfeind, wenn man das beklagt? Ich finde nicht.

Die CDU hat zu Beginn dieser Woche gerade eine Image-Offensive gestartet. Sie will jünger und moderner werden? Jetzt wollen Sie mit Ihren 64 Jahren kontern. Ist das das richtige Signal?
Ja, sicher. Die Union hat ein antiquiertes Großstadtprofil und deshalb seit 15 Jahren Probleme. Aber wo kämen wir denn hin, wenn es keine Mandatsträger mehr gäbe, die 60 Jahre und älter sind? Was ist das denn für eine Melodie? Ich bin ein junger Alter.

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