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Hans-Hermann Eikemeier in seiner modern eingerichteten Fleischerei.© Dröse

Handwerkstraditionen schwinden

Fleischerei Eikemeier schließt nach 103 Jahren

Vor 103 Jahren eröffnete die Fleischerei Eikemeier in Döhren. Am 31. Mai muss der Familienbetrieb schließen: Inhaber Hans-Hermann Eikemeier hat keinen Nachfolger gefunden. Am Montag (22. Mai) startet der Abverkauf der Feinkostartikel.

Hannover.  Hans-Hermann Eikemeier (73) lehnt sich auf seinem Schreibtischstuhl zurück und sieht aus dem Fenster. Man ahnt: Erinnerungen gehen ihm durch den Kopf. Dann sagt er: „Als Tanja fünf war, konnte sie besser telefonieren als manche meiner Angestellten.“ Er lacht, Tochter Tanja (41) auch. Klingt fröhlich, doch im Lachen schwingt auch Wehmut mit. Immerhin schließt die Fleischerei Eikemeier nach 103 Jahren.

Der 73-Jährige weiß: „Ich werde die Gespräche mit meinen liebgewonnenen Kunden stark vermissen.“ Er stand selbst mehr als 50 Jahre in dem Betrieb in Döhren, den einst sein Vater und Urgroßvater betrieben. Dabei wollte er eigentlich kein Fleischer werden.

 „Damals hieß es ja noch Schlachter. Ich fand es aber gar nicht so toll, Tiere zu töten“, gibt er zu. Doch die Pflicht rief: Er ist der älteste von drei Brüdern – er musste den Betrieb übernehmen. Heute weiß er: „Ich hätte es nicht besser treffen können, ich bin hoch zufrieden.“ Eikemeier ist kreativ. Er bereiste alle Kontinente, brachte von überall Ideen mit. Und das kommt an: „Ich hatte immer eine Geschichte parat, konnte die Kunden beraten.“

Es ist aber nicht nur das Fleisch, das sein Geschäft besonders macht. Auch die Loyalität der Angestellten ist ungewöhnlich. „Manche Mitarbeiter sind mehr als 40 Jahre bei uns gewesen“, sagt Eikemeier. Er ist stolz auf das Arbeitsklima und stolz auf das, was er aufgebaut hat. Von 24 Fleischereien der Nachkriegszeit ist eine übrig geblieben – Eikemeier.

Er wird gebucht, hat prominente Kunden. Einer von ihnen ist Altkanzler Gerhard Schröder, zur Feier seines 60. Geburtstags lieferte er das Essen. „Ich bin Putin ganz nah gekommen. Welcher Fleischer kann das schon von sich behaupten?“

Auf die Fertigkeiten ihres Vaters ist Tanja stolz: „Papa beherrscht sein Handwerk. Er kann das wie kein anderer.“ Für sie gehört das Geschäft des Vaters in den Alltag. Mit Schwester Julia (36) wuchs sie in der Fleischerei auf. Ihr Blick verschwimmt etwas, dann sagt sie: „Uns blutet allen das Herz, weil wir das Geschäft nicht weiterführen können.“

Denn die Töchter haben sich für eine Ausbildung in der Hotelbranche entschieden, führen den Partyservice losgelöst von der Fleischerei weiter, ein Nachfolger hat sich nicht gefunden. Der Respekt vor dem Namen sei einfach zu groß. „Ich hätte ja auch geholfen, das Geschäft aufzubauen“, sagt Eikemeier. Es bleibt nichts anderes übrig, als den Familienbetrieb aufzugeben.

Das fällt nicht nur ihm schwer, auch seine Kunden bedauern den Verlust. Er erhält sogar Abschiedsbriefe. Doch für Eikemeier ist es Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen. „Der Stress der vergangenen Jahre war viel, ich muss jetzt auch die Ruhe genießen.“ Und die Zeit mit Enkel Alexander (2) – der freue sich schon sehr auf die Zeit mit seinem Opa.

Ab Montag bietet sich die letzte Chance, bei Eikemeier einzukaufen. Bis 31. Mai werden Feinkostartikel vergünstigt verkauft und Fleischprodukte frisch produziert.

Tradition bleibt bestehen

Auch wenn Hans-Hermann Eikemeier mit der Aufgabe seines Geschäfts eine Lücke hinterlässt, lebt die Tradition weiter. Eikemeiers Töchter Julia (36) und Tanja (41) kümmern sich um den Partyservice.

„Wir hätten die Fleischerei gerne fortgeführt, aber wir konnten nicht“, sagt die ältere Tochter. Den beiden Frauen fehlt es an der entsprechenden Ausbildung. Sie haben sich für die Hotelbranche entschieden. Danach sind sie in den Partyservice eingestiegen, der 1975 aus der Fleischerei des Vaters entstand.

„Seit 2016 führen wir den Partyservice unabhängig von Papas Geschäft“, sagt die 41-Jährige. Mit dem Umzug in die Seligmannallee wurden die beiden Schwestern Geschäftsführerinnen. Im neuen Firmensitz ist alles unter einem Dach: Büroräume und Großküche. „Wir bieten Essen für vier bis 2000 Personen an“, erklärt Tanja Eikemeier das Konzept.

Die Eikemeier-Rezepturen gehen aber nicht verloren: „Wir bieten weiterhin Produkte an, die es schon in der Fleischerei gab.“

Weiterer Pluspunkt: „Der beliebte Mittagstisch bleibt auch.“ Zuerst werde er weiter in den Räumlichkeiten der Fleischerei in Döhren ausgegeben, bis ein neues Geschäft in die Räume gezogen ist. Danach wollen sich die beiden Frauen eine andere Lösung einfallen lassen.

Doch ganz ohne den Vater läuft das Geschäft nicht: Hans-Hermann Eikemeier will seine Töchter auch im Ruhestand unterstützen. Er scherzt: „Ich werde dann einfach im Partyservice mein Unwesen treiben.“

Die Tradition bleibt also erhalten – manchmal braucht sie nur einfach einen Neuanfang.

Von Mandy Sarti

hannover

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