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Bald Geschichte: Feinkost Backhaus an der Königsstraße. Foto: Wilde

Einzelhandel

Feinkost Backhaus: Das stille Ende einer Ära

Die Adresse Königstraße 45 stand für eine Institution: „Ich geh‘ zu Backhaus“ – das sagten Genussmenschen aus Hannover und dem Umland über viele Jahrzehnte. Über drei Familiengenerationen hinweg wurde Delikatessen Backhaus geführt, wenige Wochen vor dem 90. Geschäftsjubiläum machen Jürgen und Gudrun Backhaus nun Schluss: Bis zum 30. Januar verkaufen die beiden noch Reste der Inneneinrichtung, dann ist Delikatessen Backhaus Geschichte. Der letzte Verkaufstag war schon an Silvester, am 31.Dezember.

Hannover. „Es hat keinen Zweck mehr. Die Umsätze gingen mehr und mehr zurück“, sagt Jürgen Backhaus. Gründe für das Aus macht der gelernte Einzelhandelskaufmann einige aus: Die junge Generation von heute interessiere sich allgemein weniger für Delikatessen, es fehlten Parkplätze vor der Tür und natürlich ist da auch noch die Konkurrenz: „Das, was ich anbiete, gibt es inzwischen zu großen Teilen auch bei Edeka oder in den Gourmetabteilungen von Kaufhof in der Innenstadt“, sagt Jürgen Backhaus. Er habe es wohl aber auch versäumt, auf das Internet zu setzen, einzelne Artikel über einen Onlineshop anzubieten. Doch bekannt war Backhaus in erster Linie für selbst gemachte Spezialitäten. „Sollte ich unsere Salate oder den eingelegten Schafskäse etwa online verschicken?“, fragt der 65-Jährige ironisch.

Da macht schon eher die Sorge der Eheleute vor dem Jahr 2018 Sinn. Dann nämlich wird die Bahn die Brücke über die Königstraße sanieren und die Straße für etwa zwei Jahre sperren. „Dann sind wir hier abgehängt“, sagt Gudrun Backhaus. Trotz treuer Stammkunden sei man immer auch auf Laufkundschaft angewiesen gewesen.

Die Firmengeschichte von Feinkost Backhaus hatte am 1.März 1926 begonnen, damals noch in der Herschelstraße, später in der Königstraße 49, zum Schluss elf Jahre in der Königstraße 45. Schnell wuchs das Geschäft, stieg die Wertigkeit der angebotenen Waren und wuchs die Zahl der Mitarbeiter auf über 20 an. Auch wenn dem Kunden die gebratenen Tauben nicht in den Mund geflogen sind, so kam Backhaus dem märchenhaften Schlaraffenland in seinen besten Jahren doch schon recht nahe. Im schmucken Verkaufsraum an Hannovers feiner Einkaufs-und Gastromeile gab es alles, was das Gourmet-Herz begehrte – von Käse über Champagner, belgischen Pralinen bis hin zu Bio-Lachs. Dazu konnten an den Stehtischen hausgemachte Snacks verzehrt werden.

Davon ist nun nichts mehr geblieben – außer etwa ein paar Teller, Vasen und Champagnergläser, die die Eheleute jetzt für kleines Geld veräußern. Angestellte hatte es schon seit vielen Jahren nicht mehr gegeben. Am Ende, sagt Gudrun Backhaus, gehe man trotzdem eher mit einem lachendem als mit einem weinendem Auge: „Wir müssen jetzt nicht mehr von Montag bis Sonnabend den Laden aufschließen.“ Sie selber sei 60 Jahre, ihr Mann Jürgen 65: „Wir haben lange genug gearbeitet.“ Pläne für die Zeit nach dem 31. Januar habe man keine, so das Ehepaar: „Wir wollen spontan etwas machen. Auch dazu hatten wir viel zu selten die Gelegenheit.“

Andreas Voigt

Nur pfiffige Ideen 
haben Marktchancen

Feinkost Backhaus gibt auf – und wieder ist ein inhabergeführtes Traditionsgeschäft in Hannover Geschichte. So wie jüngst das Kindermodengeschäft Werner und Werner (Osterstraße) oder beispielsweise in der Vergangenheit Modehaus Erdmann und Buchhändler Schmorl und von Seefeld. Geht der gute, alte Einzelhandel in Hannover den Bach runter?

„Nein“, sagt Ullrich Thieman, Hauptgeschäftsführer beim Handelsverband Hannover. „Der Einzelhandel hat gute Chancen.“ Als Beispiel nennt er Parfümerie Liebe, das Wäsche-und Bekleidungsgeschäft I.G. von der Linde, Mäntelhaus Kaiser oder Möbel Staude. „Die haben sich beim Kunden interessant gemacht.“ Soll heißen: Wer Ideen hat, überlebt am Markt. „Alleinstellungsmerkmal“, nennt es Guido Langemann, bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hannover zuständig für den Handel. „Der Händler muss gegenüber dem Kunden ein persönliches Einkaufserlebnis bieten, das er dem filialgeführten Unternehmen entgegensetzen kann.“ Ullrich Thiemann führt als Beispiel die blühende Einkaufslandschaft im Stadtteil Linden an: „Dort sind Leute mit kreativen Ideen und pfiffigen Konzepten am Werk.“

Dennoch hat die IHK Hannover auch festgestellt: Inhabergeführte Einzelhändler sind in der Landeshauptstadt seit etwa zehn bis 15 Jahren immer mehr auf dem Rückzug – wohingegen filialgeführte Geschäfte und Lizenzbetriebe zunehmen. „Dieser Trend setzt sich auch die nächsten Jahre fort“, so Langemann. Einer der Gründe: das Internet, das den Einzelhändler unter Druck setze. Speziell Geschäfte mit Nischenprodukten wie Feinkostläden hätten es schwer, diesem Kostendruck Stand zu halten. „Anders als vielleicht Modegeschäfte, die hohe Margen haben.“

Dazu spielt nach Meinung des Handelsverbandes auch die Lage eines Geschäftes eine entscheidende Rolle beim Markterfolg: „In der City pulsiert das Leben, in Innenstadt-Randlagen oder in Stadtteilen sieht das oft anders aus“, so Ullrich Thiemann. Die Königstraße sei etwa so ein Fall, bei der größere Laufkundschaft fehle.

Für Guido Langemann von der IHK birgt das Aus von Feinkost Backhaus sogar eine Gefahr für die gesamte Straße: „Die Königstraße ist eine feine Adresse, ihr droht nach dem Weggang eines Ankergeschäftes wie Feinkost Backhaus eine Abwärtsspirale, ein Imagewandel zum Negativen.“

Dennoch bleiben sowohl Handelsverband als auch IHK Hannover bei ihrer grundsätzlichen Einschätzung: Hannovers inhabergeführter Einzelhandel hat Zukunft – wenn er denn pfiffig ist. voi


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