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Meine Stadt Experten: Leihsystem für’s Rad muss attraktiv und günstig sein
Hannover Meine Stadt Experten: Leihsystem für’s Rad muss attraktiv und günstig sein
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00:16 02.02.2018
Ein abgestelltes OBike am Schützenplatz.  Quelle: Dröse
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HANNOVER

 Eine Erhöhung des Radverkehrs könnte ein wichtiger Beitrag sein, die Klimaziele zu erreichen. Doch wie bringt man Autofahrer dazu, auf den Drahtesel umzusteigen? Leihfahrräder sind da nach Ansicht der Kommunalpolitik sicher hilfreich. Wie ein gut funktionierendes Verleihsystem aussehen könnte, war das Thema einer Expertenanhörung am Montagabend im Stadtbezirksrat Mitte. Tenor der Empfehlung: nicht kleckern sondern klotzen!

Eine Position, die insbesondere Prof. Heiner Monheim vom Institut für Raumentwicklung und Kommunikation in Trier vertrat. „Hannover hat ein hohes Potenzial, 30, 35 oder sogar 40 Prozent des Verkehrs auf das Rad zu verlagern“, sagte er. Sofern ein Verleihsystem bestimmte Voraussetzungen erfülle: Es müsse eine Kurzzeitnutzung zulassen, die Räder müssten stabil sein, um Wartungskosten niedrig zuhalten und vor allem die Verkehrssicherheit zu gewährleisten, und sie müssten dennoch einen gewissen Komfort bieten. „Keine Vollgummireifen“, warnte der Experte etwa vor dem Modell, mit dem der chinesische Anbieter O-Bike derzeit auch in Hannover aktiv ist.

Ganz wichtig aber sei eine „Symbiose mit dem ÖPNV“, so Monheim. Womit er nicht nur eine tarifliche Zusammenarbeit etwa durch Rabatte für Stadtbahnnutzer meint, sondern vor allem auch eine möglichst umfassende Abdeckung des gesamten Streckennetzes. „Das System sollte regionsweit interkommunal funktionieren.“

Feste Stationen von Vorteil

Gegenüber Freefloating-Angeboten, bei dem die Räder wie etwa auch von O-Bike praktiziert nahezu überall am Straßenrand abgestellt werden können, setzen die Experten eher auf das System fester Radstationen. Womit nicht nur Ärger durch mögliche wilde Fahrradschrottplätze im Stadtgebiet vermieden werden kann. „Ein wesentlicher Vorteil der stationsbasierten Variante ist die Sichtbarkeit im öffentlichen Raum“, erklärte Thorsten Koska vom Institut für Klima, Umwelt, Energie in Wuppertal, das sechs verschiedene Systeme unter die Lupe genommen und bewertet hatte.

Diese Sichtbarkeit würde die Hemmschwelle zur Nutzung so niedrig wie möglich senken. Dazu gehöre aber auch ein dichtes Stationsnetz und eine ausreichende Anzahl von Leihrädern. „Die Mindestgröße bei einer Stadt wie Hannover liegt bei 1000 Rädern“, sagte er. Ebenso wichtig aber seien attraktive Tarife mit entsprechenden Freiminuten. „Mehr als die Hälfte der Fahrten dauern weniger als 30 Minuten“, erklärte er. Freiminuten seien zwar eine Finanzierungsfrage, „sind aber ein unglaublicher Attraktivitätsreiz.“

Was sich etwa am Beispiel Hamburg zeigt. Das Stadtrad-System in der Hansestadt ist mit Spitzenwerten von knapp fünf Ausleihen pro Rad und Tag das am stärksten ausgelastete in Deutschland. Bessere Werte hätten nur Städte wie Paris, London oder Barcelona.

30 Minuten kostenlos

Das lassen sich die Hanseaten allerdings auch einiges kosten, wie Olaf Böhm, der zuständige Verkehrsplaner der Hamburger Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation einräumte. „Im ersten Jahr haben wir dafür etwa eine Million Euro ausgegeben, 2017 waren es 2,5 Millionen.“ Dennoch plane die Stadt eine Erweiterung von derzeit 212 Stationen mit 2450 Rädern auf 350 Stationen mit 4500 Rädern.

Das Stationsnetz decke dabei fast alle S- und U-Bahn-Stationen sowie Orte mit hohem Publikumsverkehr in dem erfassten Gebiet ab. Der Leihvorgang sei schnell und einfach per Terminal, App oder Telefon abzuwickeln. Nach den ersten kostenlosen 30 Minuten kostet es acht Cent pro Minute, für Abonnenten der öffentlichen Verkehrsbetriebe nur sechs Cent. Der Tagespreis beträgt maximal zwölf Euro. Ein Modell, das zieht: 2016 gab es einen Rekord mit mehr als drei Millionen Fahrten, im vorigen Jahr waren es aber auch noch 2,9 Millionen. 90 Prozent der Fahrten blieben im kostenfreien Zeitrahmen von weniger als 30 Minuten. Stadtrad hat 451 200 registrierte Kunden.

Betreiber des Leihsystems ist die Deutsche Bahn Connect, die die entsprechende Ausschreibung für sich hatte entscheiden können. Erfahrungen hatte das Subunternehmen schon mit bahneigenen Leihrädern an ICE-Bahnhöfen unter anderem in Hannover sammeln können. Ein Angebot, das sich aber mehr an Reisende als an Einheimische wendet. Die Gestaltung des Systems in Hamburg war dort von der Stadt klar vorgegeben – was nicht unbedeutend ist. „Das läuft ja nicht automatisch, die öffentliche Hand muss bei dem Konzept mitmischen“, mahnte Prof. Monheim. Für die Finanzierung ganz wichtig sei auch die Kooperation mit Dritten, etwa Hochschulen oder größeren Betrieben.

Die kritische Masse erreichen

Damit die Fahrradleihe angenommen werde, muss nach Ansicht der Experten alles reibungslos funktionieren. „Nichts ist schlimmer, als ein unzuverlässiges System“, warnte der Wuppertaler Thorsten Koska. „So viele Schüsse hat man dafür nicht.“ Und es darf eben nicht auf zu kleinem Fuße stehen. Monheim: „Trauen sie sich etwas zu, damit sie die kritischen Masse erreichen.“

Die Stadt hält sich hinsichtlich der Einführung eines öffentlichen Fahrradverleihsystems noch bedeckt. Mehrere Unternehmen hätten Interesse an derartigen Angeboten, hatte Baudezernent Uwe Bodemann erst im Dezember gesagt und die Devise abwarten herausgegeben. Was Stadtplaner Tim Gerstenberger im Bezirksrat bestätigte: „Wir beobachten die Entwicklung.“

Auch der stellvertretende Bezirksbürgermeister und Fraktionschef der FDP im Rat der Stadt, Wilfried Engelke, warnt vor Schnellschüssen. Er hatte bereits im November in der Neuen Presse betont, dass der Steuerzahler für ein solches System nichts zahlen dürfe. „Mag sein, dass ich das in zwei Jahren anders sehe, aber jetzt gleich in die Vollen gehen? Nö.“ Es gebe genügend Anbieter am Markt, auch ein dänisches Unternehmen interessiere sich derzeit für Hannover, so Engelke auf Anfrage. „Das muss man erstmal beobachten.“

Von Andreas Krasselt

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