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Terrorangst

Experte: "Wir überschätzen die tatsächliche Gefahr"

Leben wir nach den jüngsten Terror-Anschlägen in ständiger Angst? Borwin Bandelow (63) ist Psychiater, Psychologe, Psychotherapeut und Experte für Angststörungen. Im NP-Interview spricht er über unser Angst-Verhalten.

Hannover. NP: Der IS-Terror rückt in die Wohnstuben und das Freizeitverhalten der Deutschen. Was macht die Angst mit den Leuten?

Bandelow: Im Moment sind viele extrem verunsichert. Das ist normal, wenn eine Gefahr auftritt, die als neu und unbeherrschbar eingeordnet wird. Aber wir überschätzen die tatsächliche Gefährlichkeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass es einen persönlich trifft, ist sehr gering verglichen mit anderen Gefahren.

Was meinen Sie?

43 Prozent der Deutschen sterben an einem Herz-Kreislauf-Versagen, aber wir tun nichts dagegen - wir ernähren uns schlecht und haben zu wenig Bewegung - und dennoch ist diese Gefahr nicht laufend präsent. Bei der Terrorgefahr denkt man aber, jetzt sofort und überall kann es einen erwischen.

Liegt es auch an der Unberechenbarkeit dieser Gefahr?

Ja, genau. Sie erscheint unberechenbar, unbeherrschbar. Man mag gar nicht denken, wie einfach es ist, so eine Tat zu begehen. Es reicht - wie im Fall des russischen Flugzeuges - eine Bombe in Größe einer Getränkedose, um es runterzuholen.

Ist es schwerer, diese für einen persönlich geringere Gefahr zu verdrängen als die realen Gefahren etwa durch das Herz-Kreislauf-Versagen?

Ja. Wir können schlecht verdrängen, dass es nach Spanien, Paris, der Türkei und anderen Anschlagszielen auch uns treffen könnte. Gerade, weil in Deutschland einiges vereitelt wurde - wie womöglich in Hannover. Und weil der Bundeswehreinsatz gegen den IS jetzt verstärkt wird. Damit haben die IS-Milizen eine für sie logische Begründung, uns anzugreifen.

Kann sich eine Gesellschaft an die Terrorgefahr gewöhnen - wie etwa in Israel?

Das ist ein gutes Beispiel. Ich war Mitte der 90er Jahre in Tel Aviv, als wie so oft eine Bombe hochging, 44 Menschen starben. Am nächsten Tag war ich am Ort des Geschehens, und genau neben einem zerstörten Café saßen Leute auf der Straße, aßen ihre Falafel und tranken ihren Kaffee. Als ich fragte, ob sie keine Angst hätten, sagten sie: „Wir müssen unser Leben leben, wir haben uns daran gewöhnt, es wäre ein Wahnsinn, wenn wir uns jetzt alle verkriechen würden, wir können jetzt nicht einfach unser Leben völlig ändern.“

Ist das gesunder Realismus oder eher eine Trotzhaltung?

Das ist eher gesunder Realismus als eine Trotzhaltung. Das ist bei uns ähnlich. Wir kennen die tatsächlichen Gefahren, die im Haushalt, im Straßenverkehr lauern, und denken trotzdem nicht ständig daran - und lassen uns deswegen nicht in unserer Lebensfreude einschränken.

Es gibt besonders ängstliche Menschen. Sind diese jetzt besonders gebeutelt?

Die meisten Angstpatienten haben keine Furcht vor tatsächlichen, sondern vor vermeintlichen Gefahren. Es gibt Untersuchungen, dass sich Angstpatienten erstaunlicherweise von der realen Terrorgefahr gar nicht groß beeinflussen lassen. Die Ängste liegen in verschiedenen Bereichen des Gehirns. Es gibt aber Menschen mit einer generalisierten Angststörung, die sowieso immer mehr Angst auch vor realen Gefahren als alle anderen haben. Es ist aber nicht so, dass bei der momentanen Terrorgefahr die Leute haufenweise in unsere Angstsprechstunde kommen.

Wie kann man Kindern erklären, was da passiert?

Erst einmal muss sich klarmachen, dass Kinder mehr mitkriegen, als Eltern allgemein denken. Es bleibt ihnen nichts verborgen. Es ist aber erstaunlich, wie Kinder solche Nachrichten ohne Sorgen überstehen. Die haben meist noch nichts Schlimmes erlebt und bringen das nicht mit sich selbst in Verbindung. Man muss nicht davon ausgehen, dass ein Kind einen psychologischen Schaden bekommt, wenn man ihm die volle Wahrheit erklärt. Das sollte natürlich in altersgerechten Worten passieren.

Sie sind Angstforscher. Fühlen Sie in diesen Zeiten auch Unbehagen, oder können Sie das professionell abstreifen?

Das Angstsystem in uns ist auf der Stufe eines Huhnes, und mit meinem ganzen Wissen über Angst kann ich auch nicht dagegen angehen. Es ist durchaus auch bei mir aktiv. Aber ich bin ein realistisch denkender Mensch und kann angstfrei über den Weihnachtsmarkt gehen.


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