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Meine Stadt Er hat trotz Krankheit viel Lebensmut
Hannover Meine Stadt Er hat trotz Krankheit viel Lebensmut
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00:22 18.04.2018
André Kalesse Foto Quelle: André Kalesse
Hannover

 André Kalesse ist lebensfroh, jung – und hat Multiple Sklerose (MS). „Vielen sieht man es nicht an. Man muss aber selbst der Fachmann für seine eigene Erkrankungen werden“, so Kalesse. „Es gibt keine Standarddiagnose und keine Standardmedikamente.“

Lange war er im medizintechnischen Bereich tätig, fuhr viel Auto. Auch mit MS hätte er das noch gekonnt, aber wollte es nicht mehr.

Weihnachten 2012 änderte alles

Es ist Weihnachten 2012, André Kalesse ist bei seiner Familie, als er plötzlich merkt, wie seine Beine taub werden. „Diese Taubheit fuhr von unten nach oben durch den Körper“, erinnert er sich. Erst war er beim Hausarzt, dann beim Neurologen im Krankenhaus. „Ich hatte damals wirklich Panik.“ Durch ein MRT und mittels Ausschlussverfahren bekommt er dann die Diagnose: Multiple Sklerose. Die Entzündungsherde sind in seinem Nervensystem, Gehirn und Rückenmark. In seiner Zeit im Krankenhaus denkt Kalesse viel über seine Krankheit nach – und stellt fest, dass es schon früher Anzeichen gab. „In den 90ern als ich noch in der Realschule war, da hab ich Gitarre gespielt. Bei einem Auftritt konnte ich einmal meine Finger nicht mehr bewegen. Vielleicht waren das die ersten Anzeichen, aber die habe ich damals natürlich ignoriert.“

Seit der Diagnose geht Kalesse einmal wöchentlich zur Physiotherapie, war in der Reha – und hat den Job gewechselt. „Bei meinen Vorgesetzten bin ich mit meiner Krankheit ganz offen umgegangen, aber das würde ich nicht jedem empfehlen. Schließlich gibt es viele Vorurteile.“ Dem 34-Jährigen sieht man seine Krankheit nicht an. Vielleicht bleibt das auch so. Im schlimmsten Fall kann ein MS-Erkrankter im Rollstuhl landen, inkontinent werden oder auch immer schlechter sehen – bis zur Erblindung. Die Krankheit verläuft immer anders.

Er spürt die Krankheit jeden Tag

Doch auch Kalesse, der im Bereich Qualitätsmanagement in Springe tätig ist, spürt seine Krankheit jeden Tag. „Meine Hände und Füße fühlen sich immer an, als ob ganz viele Ameisen darüber krabbeln, die Beine sind schlapp und ich fühle mich permanent erschöpft. Wenn es mehr als 20 Grad draußen sind, dann ist es besonders quälend für mich.“

In seinem Freundes- und Bekanntenkreis musste André Kalesse Aufklärungsarbeit leisten. Seine Mutter nahm die Nachricht ungewöhnlich entspannt auf. Sie hatte damals in einer Zeitschrift von MS gelesen. Dennoch hat der 34-Jährige einige Freunde weniger als vor der Diagnose. „Ich nehme es niemandem übel, wenn er sich von mir und somit auch meiner Krankheit entfernt. Das ist vollkommen verständlich, denn es kann belastend sein“, erzählt er. „Freunde hatten Angst, dass ich nicht mehr gesellschaftsfähig bin. Wahre Freunde findet man so heraus.“

Ernährung und Bewegung sind wichtig für Erkrankte

Depressionen und Suizidgedanken können Begleiterscheinungen von MS sein – Akzeptanz ist ein großes Thema, genauso wie Ernährung und Bewegung. Rotes Fleisch ist entzündungsfördernd, MS-Erkrankte sollten lieber mehr Fisch essen. Zu viel Zucker und Salz sind auch nicht gut. Eine ballaststoffreiche Ernährung ist dagegen wesentlich besser. „Lieber frisch kochen, statt Fast Food. Aber mal ehrlich: Das sollte auch für gesunde Menschen gelten“, fasst es Kalesse zusammen. Vitamin D, also auch Sonne, hilft MS-Patienten ebenfalls. Mehr als 200 000 Menschen, meist Frauen, leben in Deutschland mit MS und sollten im eigenen Interesse diese Regeln befolgen.

In seiner Freizeit spielt Kalesse gerne Tennis, geht laufen mit Hündin Lizzy, ins Fitnessstudio oder fährt Rad. Momentan kommt das alles etwas kurz, denn zusammen mit seiner Freundin Kirsten hat er gerade ein Haus am Deister gekauft und baut es nun um. Seine Freundin hat Kalesse während seiner Physiotherapie kennengelernt. Seine Krankheit musste er ihr nie erklären. Einfach war es trotzdem nicht. „Ich habe mich bewusst gegen eigene Kinder entschieden.“ Seine Freundin akzeptiert das, bringt bereits einen Sohn mit in die Beziehung.

Kalesse flüchtet sich nicht in Sarkasmus und Ironie. „Man verliert aber seine Leichtfüßigkeit im Leben“, sagt er. Es gibt Einschränkungen im Alltag. Kalesse leidet an einem beidseitigen Tinnitus und Migräne. „Da gewöhnt man sich dran“, scherzt er. Alle zwei Tage spritzt er sich Medikamente. „Aber es gibt heutzutage schlimmere Diagnosen.“

Workshops

Am 21. April lädt die Junge Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft im Landesverband Niedersachsen (DMSG) zu vier themenbezogenen Workshops ein, die parallel besucht werden können. Bei der Veranstaltung geht es um Gespräche in lockerer Runde. Initiator ist unter anderem MS-Patient André Kalesse.

- Projekt Plan Baby: Austausch, Fakten und Tipps mit Sozialpädagogin Gudrun Beckner.

- Aktuelles zur Ernährung bei MS: Inklusive Kostproben zubereiten mit Ernährungswissenschaftlerin Petra Goergens.

- Chronisch gut leben: Tipps für ein gutes Leben mit MS mit Gesundheitscoach Sabine Grosch.

- Job und MS: Rechtliche Lage, Hindernisse und ein erfülltes Arbeitsleben mit Juristin Daniela Siemonsmeier.

- Treffen ist am 21. April von 10.30 bis 17.30 Uhr im Kulturtreff Hainholz, Voltmerstraße 36, 30165 Hannover. Die Altersgruppe ist bis 40 Jahre begrenzt. DMSG-Mitglieder zahlen 25 Euro, Nichtmitglieder 40 Euro.

- Anmeldungen und mehr Infos unter info@dmsg-niedersachsen.de oder 0511/70 33 38

Von Karina Hörmann

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