Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Die nächste Stromanbieter-Pleite
Hannover Meine Stadt Die nächste Stromanbieter-Pleite
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:58 31.01.2019
VOM NETZ: Der Strom- und Gashändler BEV aus München ist zahlungsunfähig – hunderttausende Kunden bundesweit sind von der Pleite betroffen. Quelle: (Symbol-)Foto: imago/Oed
Hannover

Erneut steht ein Stromanbieter vor der Pleite, musste ein Billiganbieter Insolvenzantrag stellen – diesmal hat es die bundesweit agierende Bayerische Energieversorgungsgesellschaft (BEV) aus München getroffen. Sie hat nach Schätzungen von Branchenkennern Lieferverträge für Strom und Gas für mehr als 500.000 Kunden. Zur Einordnung: Der bisher größte bundesdeutsche Insolvenzfall war der von Teldafax (2011) mit mehr als 700 000 Strom-, Gas- und Telekommunikationskunden.

Die Verbraucherzentrale (VZ) Niedersachsen hat Erfahrung mit der BEV: Von Hannover aus ist man schon mehrfach juristisch gegen den Energiehändler vorgegangen und weiß von „bundesweit vergleichsweise vielen Beschwerden – und Niedersachsen und Hannover sind da keine Ausnahme“.

Seit Herbst sei die Zahl der Beschwerden stark gestiegen, „zu keinem anderen Anbieter liegen uns derzeit vergleichbar viele Beschwerden vor“, sagt Tiana Preuschoff, Referentin Energierecht und als solche im VZ-Projekt „Marktwächter“ tätig. Sie sagt: „Abgemahnt oder geklagt haben wir BEV wegen diverser Verstöße: Abschlagserhöhungen, Zwischenrechnung, Nichtauszahlung des Neukundenbonus und von Guthaben, verspätete erstellte Rechnungen… die meisten Verfahren sind noch nicht abgeschlossen.“

Kurz vor Bekanntwerden der Insolvenz gab es erneut Anlass, BEV an den Pranger zu stellen: Wegen des Versuchs, dreist und nach VZ-Ansicht auf unzulässige Weise eine Preiserhöhung durchzudrücken. Dabei wurden die Stromkunden in Schreiben gebeten, sie mögen doch einen höheren Preis zahlen, da die Kosten für BEV beim Stromeinkauf so gestiegen seien und es doch „im Interesse aller Kunden“ sei, einen neuen Preis „möglichst nah am ursprünglich vereinbarten“ zu bieten. Die Ursprungsvereinbarung mit beschränkter Preisgarantie stellte BEV infrage, indem von einer „weggefallenen oder gefährdeten Geschäftsgrundlage“ die Rede ist. Unterm Strich möge man doch „vorzeitig“ die höheren Preise zahlen – etwa ab Februar statt nach Ende der Preisgarantie ab August.

Je Kilowattstunde sollten es nur ein paar Cent mehr sein, der Monatsgrundpreis sollte dagegen laut VZ in einem Fall von 27,51 Euro je Monat auf 101,48 Euro je Monat steigen – das wäre das 3,7-Fache! In einem Fall, der der NP vorliegt, soll er von 14,27 auf 44,36 Euro steigen – also auf mehr als das Doppelte. Allein eine Erhöhung in dieser Größenordnung ist für Preuschoff „nicht zulässig und widerspricht meist den Vertragsbedingungen“. Es wird zwar gesagt, dass die vorzeitige Erhöhung freiwillig sei – doch wer nicht ausdrücklich widerspricht, dem soll ab Februar das höhere Entgelt per erhöhtem Abschlag vom Konto eingezogen werden. Doch dafür gebe es „keine rechtliche Grundlage“.

Ohne Strom oder Gas steht keiner der betroffenen Kunden nun da, denn in Deutschland gilt: Sobald der gewählte Anbieter nicht mehr liefert, übernimmt das automatisch der örtlich zuständige Grundversorger. Wer als „kleiner“ Privatkunde Forderungen an die BEV hat (ausstehender Bonus, Guthaben nach Abrechnung), kann die zwar beim Insolvenzverwalter anmelden, aber muss den Betrag sehr wahrscheinlich wohl abschreiben.

Erst im Juli 2018 musste der hannoversche Energieanbieter Eveen (mehr als 100.000 Kunden) in die Insolvenz. Auch hier musste man letztlich den gestiegenen Einkaufspreisen und den Kunden gegebenen günstigen Preiszusagen Tribut zollen. Eveen soll zum März quasi Teil des Anbieters Naturstrom werden (eine Tochterfirma übernimmt das Geschäft).

Laut dem Berliner Unternehmen Switchup („Tarifwächter“-Dienst: schlägt ausgesuchte Strom- und Gasanbieter vor, macht auf Wechselmöglichkeiten aufmerksam, übernimmt auf Wunsch auch künftig rechtzeitige Kündigung und leitet die Wechselmodalitäten ein) sind außer Eveen in den vergangenen 24 Monaten sieben weitere Energieanbieter in die Insolvenz gegangen – alles Billiganbieter. Switchup sagt, dass die Zahl der Beschwerden ein frühes Zeichen sind, dass ein Anbieter womöglich starke Probleme bekommt. Eine eigene Untersuchung habe ergeben: Im Vergleich über zehn deutsche Großstädte stünden bei den Vergleichsportalen auf den vorderen Rängen die Anbieter mit den höchsten Beschwerdezahlen.

Solche Anbieter sortiere man aus, BEV habe man „daher auch seit Jahren nicht empfohlen“. Den Bewertungen auf Vergleichsportalen könne man auch nicht unbedingt trauen: Die würden meist zu Beginn einer Vertragsbeziehung abgefragt – und da könne man noch gar nicht beurteilen, ob man bei dem gewählten Anbieter gut aufgehoben ist.

Stiftung Warentest hatte sich ebenfalls mal die Billiganbieter angeschaut – Ergebnis: nur zwei von 49 wurden als „fair“ eingestuft.

Von Ralph Hübner

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Tommi war 54, als er den Kältetod auf der Straße starb. Am Kröpcke wurde jetzt eine inoffizielle Gedenkstätte für ihn errichtet.

31.01.2019

Investor Papenburg will sie abreißen. Die Politik im Bezirk kämpft für den Erhalt der historischen Conti-Gebäude auf dem Gelände der Wasserstadt Limmer. Sie fordert ein Gutachten, das Klärung in dem Streit bringen soll.

31.01.2019

Was in der City scheiterte, soll in Linden gelingen. Die Politik im Bezirk hat die Region aufgefordert, den Bau eines Tunnels unter der Limmerstraße zu prüfen. Die findet die Idee „völlig abwegig“.

31.01.2019