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Arztfehler

Eltern gewinnen Millionen-Klage

Seit acht Jahren klagen die Eltern gegen die MHH. Bei der Geburt erlitt ihre Tochter eine Cerebalparese (hirnbedingte Bewegungsstörung). Das Landgericht hat nun entschieden, dass die Eltern nicht über die Risiken einer Behandlung aufgeklärt wurden. Das Kind sitzt nun im Rollstuhl und kann nur per Computer kommunizieren.

Hannover. Lisa Helms (10, Namen geändert) steuert mit ihren Augen den Talker. Anders kann sie nicht mit ihren Mitmenschen kommunizieren. Sie sitzt im Rollstuhl, kann Arme und Beine nicht koordinieren. Diagnose: Cerebralparese (hirnbedingte Bewegungsstörung). Ihr Vater Michael sagt: „Sie wird bis an ihr Lebensende hilflos bleiben.“ So müsse sie gefüttert oder zur Toilette gebracht werden.

Lisas Eltern kämpfen seit Jahren vor Gericht für adäquate Pflege. „Unser Kind soll nicht in ein Heim abgeschoben werden“, sagt Michael Helms. Die erste wichtige Etappe hat die Familie geschafft. Sie hat vor dem Landgericht Hannover die Klage gegen die MHH gewonnen. „Das Gericht ist der Auffassung, dass die Eltern nicht richtig aufgeklärt wurden“, sagt Gerichtssprecher Hans-Christian Rümke. Jetzt müsse die 19. Zivilkammer noch über die Höhe des Schmerzensgeld und Schadensersatzes entscheiden. Die Kläger fordern 525 000 Euro. Die lebenslangen Pflege- und Therapiekosten belaufen sich nach Expertenschätzung bei schweren Geburtsschäden im Schnitt auf 2,6 Millionen Euro.

Das Landgericht habe festgestellt, dass die MHH-Mediziner keinen Behandlungsfehler begangen habe, sagt der Gerichtssprecher. Der Vater von Lisa sieht das anders: „Meine Frau kam am Sonnabend in die MHH. Aber erst am Montag erfolgte eine Ultraschalluntersuchung.“ Dabei gab es erste Alarmzeichen. Das Baby bewegte sich nicht mehr. Einer von mehreren Vorwürfen gegen die MHH-Ärzte.

Als die Mediziner den Verdacht einer Anämie (Blutarmut) bei dem Baby hatten, schlugen sie den Eltern eine Nabelschur-Punktion vor. „Es gab keinerlei Gefahrenabschätzung“, erinnert sich der Vater an den 18. Dezember 2006. Auch die Nachteile einer Zeitverzögerung seien nicht thematisiert worden.

Auf Grund der Anämie war Baby Lisa bereits geschwächt. Doch wertvolle Zeit verstrich. Als das Kind um 15.20 Uhr am 18. Dezember per Kaiserschnitt geholt wurde, war das Gehirn zu lange ohne Sauerstoff. Ausgelöst durch eine Bradykardie (verlangsamter Herzschlag) – einer bekannten Nebenwirkung bei der Nabelschnur-Punktion. „Bei einem früheren Kaiserschnitt wären die Schäden bei dem Kind deutlich geringer ausgefallen“, stellte ein Gutachter im Gericht fest. „Hätten wir von dem Risiko gewusst, dann hätten wir uns für einen sofortigen Kaiserschnitt entschieden“, sagt der Vater. Laut den Gutachtern hätte der Kaiserschnitt vier Stunden früher erfolgen müssen und auch können.

Die MHH wollte sich zu dem Rechtsstreit nicht äußern. Höchstwahrscheinlich wird die Versicherung der Hochschule das Urteil vor dem Oberlandesgericht (OLG) anfechten. Wenn nicht müsse wohl ein Gutachter die Ansprüche der Kläger feststellen, meint Rümke.

Währenddessen geht Lisa in die Grundschule und macht mit Hilfe ihres Talkers Hausaufgaben. Sie ist normal intelligent. Eine junge Frau in Köln mit Lisas Symptomen studiert, auch wenn sie es ungleich schwerer hat als ihre nichtbehinderten Kommilitonen.

Von Thomas Nagel


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