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Meine Stadt Integrationslotsin aus Hannover berichtet vom Alltag
Hannover Meine Stadt Integrationslotsin aus Hannover berichtet vom Alltag
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00:18 07.10.2018
ZUSAMMENGEWACHSEN: Susanne Langenkamp (Mitte) ist diese Familie ans Herz gewachsen. Mohamed Samou macht eine Ausbildung, Mydia Ismail würde gern wieder als Lehrerin arbeiten, ihre Kinder sind in der Schule fleißig und gut integriert – und lieben ihre Ersatz-Omi Susanne Langenkamp. Quelle: Foto: privat
Hannover

Eigentlich wollte Susanne Langenkamp (59) erst mit der Rente zur Ehrenamtlichen werden. „Ich hatte so ein bestimmtes Lebensmodell, nach dem ich mich mit 65 plus x engagieren würde“, sagt die 59-jährige Arbeitsagentur-Mitarbeiterin. Doch dann habe sie 2015 die Bilder und Geschichten von geflüchteten Menschen in der Zeitung gesehen: „Da musste ich das vorziehen.“

Susanne Langenkamp schaut, was an ihrem Wohnort machbar ist: „Die Stadt Garbsen bildete Integrationslotsen aus, das klang spannend für mich.“ Also absolvierte Lan­genkamp mit anderen zusammen die dreimonatigen Schulungen, „die haben sich wirklich große Mühe da gegeben“. Sie wurde Teil eines Netzwerkes. Mehr als 20 engagierte Bürger waren in einem Kurs, drei Durchgänge gab es: „Das war toll, die Jüngste bei uns war 16 Jahre, die Älteste 85.“

Und dann kam die erste Familie, die eine Eins-zu-eins-Betreuung benötigte, eine vierköpfige syrische Familie, die eine Wohnung bekommen hatte und nun dringend Unterstützung brauchte. „Es geht dann um solche Sachen wie Anmeldung bei Stadt und Stromanbieter, Zuschüsse im Jobcenter beantragen, so Behördenkram eben“, erklärt Susanne Lan­genkamp. In diesem Fall musste alles besonders schnell ge­hen, weil der Familienvater sich weigerte, auch nur für eine Nacht zurück ins Flüchtlingsheim zu gehen, sondern darauf bestand, sofort in die Wohnung einzuziehen: „Da gab es nicht einmal Matratzen.“ Also rief Langenkamp Freunde an und räumte ihren eigenen Dachboden aus, und „relativ schnell konnte die Wohnung eingerichtet werden“. Auf Dauer klappte es dann allerdings nicht so gut mit der Familie, der Familienvater war doch recht religiös, verbittert und rechthaberisch – und verließ Deutschland dann auch wieder irgendwann in Richtung Damaskus.

Susanne Langenkamp gab nicht auf: „Ich hatte parallel eine Nähgruppe mit Flüchtlingen gegründet, und dort lernte ich Mydia und ihre Familie kennen.“ Zum Glück für alle Beteiligten benötigte auch diese syrisch-kurdische Familie eine Betreuungsperson – „und es war von Anfang an nur schön“, erzählt Langenkamp mit glänzenden Augen. Die Mittdreißiger Mydia Ismail und Mohamed Samou mit ihren mittlerweile sechs- und achtjährigen Kindern haben Langenkamp, ihren Mann und ihre 94-jährige Mutter „mittlerweile so was wie adoptiert. Wir sind jetzt alle eine große Familie.“

Susanne Langenkamp, die keine eigenen Kinder hat, genießt jetzt Großmutterstatus: „Wir verbringen Weihnachten, Silvester und das Zuckerfest miteinander, wir feiern Geburtstage zusammen, machen Ausflüge, kochen ge­meinsam.“ Familienvater Mo­hamed ist „sofort da, wenn mal etwas zu tun ist wie Rasenmähen oder Blumengießen, und wenn ich nicht da bin“, dann kümmere sich die Familie aus dem nordsyrischen Aleppo gern um „Mama Ulla“ von Susanne Langenkamp. Alle verständigen sich auf Deutsch.

Mohamed Samou, der in Aleppo eine kleine Firma hatte, macht jetzt eine handwerkliche Ausbildung, die studierte Lehrerin Myriam würde gern auch hier in ihrem Beruf arbeiten, darf aber nicht. In Brandenburg und Nordrhein-Westfalen können Lehrer mit entsprechenden Sprachkenntnissen noch zwei Semester Pädagogik/Didaktik zusätzlich studieren, bekommen ein Praktikum und Mentoren und können dann in ihrem Job arbeiten. „In Niedersachsen geht das nicht“, bedauert Langenkamp. Man habe sie zwar auf die Möglichkeit eines Quereinstiegs verwiesen, „aber das können die Leute gar nicht schaffen, dafür brauchen sie mehr Sprachkenntnisse“. Dennoch würde ihre Freundin Myriam alles machen, um in Lohn und Brot zu kommen, „notfalls als Erzieherin“.

Susanne Langenkamp sieht eine Familie, „die hier angekommen ist, die Kinder sind pfiffig, und alle werden uns in einigen Jahren mit die Renten finanzieren, wenn man sie lässt“. Es sei ihnen wichtig, zu arbeiten und Steuern zu zahlen: „Die Bundesrepublik wäre sehr gut beraten, solche Leute zu halten. Aus reinem Eigennutz, weil die integriert sind und das auch wollen.“

Von Petra Rückerl

Einwanderungsgesetz gegen Fachkräftemangel

Seit einem Vierteljahrhundert streiten die Parteien, ob Deutschland ein Einwanderungsgesetz braucht oder nicht. Jetzt hat die Große Koalition Eckpunkte für einen Gesetzentwurf vorgelegt.
Was ist im Kern geplant?

Fachkräfte mit Berufsabschluss und Deutschkenntnissen aus Nicht-EU-Staaten sollen zur Arbeitsplatzsuche für sechs Monate nach Deutschland kommen dürfen – aber nur, wenn sie ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten können. Für abgelehnte Asylbewerber, die mit Duldungsstatus im Land sind, soll es nach bundesweit geltenden Regeln eine Arbeitserlaubnis und einen sichereren Aufenthaltsstatus geben. Vom „Spurwechsel“, also dem Wechsel aus dem Asyl- ins Aufenthaltsrecht, wollten die Minister nicht reden  – obwohl es darauf hinauslaufen könnte. Günter Burkhardt, Geschäftsführer von Pro Asyl: „Ein Geduldeter hat keinen sicheren Status. Da braucht es eine Aufenthaltserlaubnis.“

Dürfen abgelehnte Asylbewerber jetzt schon arbeiten?

Ja, aber auf ihren Aufenthaltsstatus hat das über Jahre hi­naus keine Auswirkungen. Das bedeutet große Unsicherheit für sie. Außerdem ist es für ihre Arbeitgeber schlecht, die nicht wissen, wie lange ihnen der Mitarbeiter noch zur Verfügung steht. Und die Regelungen werden nicht in allen Bundesländern gleich angewendet.

Welche Chancen hätten geflüchtete Menschen?

Wer seit mindestens acht Jahren in Deutschland lebt, „hinreichende mündliche Deutschkenntnisse“ hat, sich zur freiheitlich demokratischen Grundordnung bekennt und wohl für seinen Lebensunterhalt aufkommen dürfte, der kann eine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Wer minderjährige Kinder hat, für den gibt es diese Möglichkeit schon nach sechs Jahren. Besondere Regelungen gelten für Jugendliche oder junge Menschen, die hier eine Ausbildung machen. Anders als bei der Anwerbung von Fachkräften kommt es bei geduldeten Ausländern also nicht auf die Qualifikation an, sondern auf Integration, Aufenthaltsdauer und Sprachkenntnisse. Denkbar wäre es, künftig Fristen zu verkürzen oder zusätzliche Kriterien zu schaffen.

Wie viele Fachkräfte fehlen in Deutschland?

Laut Deutschem Industrie- und Handelskammertag (DIHK) fehlen den Unternehmen 1,6 Millionen Arbeitskräfte. Fast jedes zweite Unternehmen gab im DIHK-Arbeitsmarktreport 2018 an, offene Stellen längerfristig nicht besetzen zu können. Stellen für Fachkräfte bleiben heute länger unbesetzt als noch vor zwei Jahren, laut Bundesagentur für Arbeit (BA) sind es aktuell im Schnitt 107 Tage.

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