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Ricklingen

Ein Brief aus der Brennpunktschule

Miriam Frehe ist Lehrerin an der Peter-Ustinov-Schule, einer Brennpunktschule in Ricklingen. Der Ausländeranteil der Schüler liegt bei 90 Prozent. Für die Wahlserie „Deutschland wählt – das bewegt Hannover“ hat die NP vor wenigen Tagen ihre Schule besucht. Als Reaktion auf die Berichterstattung hat sie einen bewegenden Brief geschrieben – voller Hochachtung an ihre Schüler:

„Wir wollen euch Perspektiven bieten und Wege ebnen. Viele von euch nehmen unsere helfende Hand mit Freude an. Ihr seid tolle Kinder. Wir wissen das! Wisst ihr das selber auch?  Einige von euch kommen jeden Tag schon weit vor Unterrichtsbeginn und gehen auch erst weit nach Schulschluss nach Hause. Weil ihr bei uns lernen wollt. Aber auch, weil ihr dadurch wenigstens für ein paar Stunden den desolaten Wohnverhältnissen, die euer Zuhause sind, entfliehen könnt. Wir wissen das.

Oft habe ich Tränen in den Augen, wenn ich sehe, welch großartige Leistung ihr in eurem noch zarten Alter teilweise erbringt – oft allein durch die Tatsache, dass ihr überhaupt zur Schule kommt. Wie dieses Mädchen, das neu in meine Klasse kam. Ohne ein Wort Deutsch, ohne ein Brot, ohne ein Getränk. Die Akte sagte mir:  Auch ohne Mama und Papa. In der ersten Unterrichtsstunde saß sie stumm in der letzten Reihe, ich redete vorne von Dativ, Akkusativ, Nomen, Verben, Artikel. Dann meldete sie sich: ’Misses Frehe, what does is mean Duldung?’.  

Diese Welt ist wirklich ungerecht. Aber ich weiß auch, dass ich die Fluchtursachen nicht beenden kann. Ich kann euch aber helfen, diese schwere deutsche Grammatik in eure Köpfe zu hämmern. Vielleicht denkt ihr heute, ihr braucht den Dativ nicht. Aber ich hoffe, dass ihr irgendwann seht, dass sich Bildung auch und besonders für euch lohnt. Es eure einzige echte Chance ist.

Oder da war dieser 14 Jahre alte Junge in meiner Klasse.  In seiner Heimat war er nie in der Schule. Dennoch hat er es geschafft, innerhalb nur eines Jahres annähernd das Niveau des Jahrgangs fünf zu erreichen.  
Neulich stand  ich morgens vor der Klasse und da strahlt mich ein kleiner Schüler an. Er hat es aus den Kriegswirren Syriens geschafft –  mit einer Schussverletzung, aber zum Glück lebend. Du hast mich angelächelt und gefragt, wie es mir geht. ’Mir geht es gut’, habe ich dir gesagt. Und hatte mal wieder Tränen in den Augen. Während ich dir geantwortet habe, habe ich eigentlich gedacht: ’Du kleiner starker Kerl schaffst es trotz deiner eigenen harten Geschichte immer noch, an die anderen zu denken.’

Es sind diese Kompetenzen von euch, die mir so oft schlicht die Sprache verschlagen, mir einen Kloß in den Hals und Tränen in die Augen jagen. Viele von euch haben so viel Elend erfahren müssen. Und das ist so ungerecht. Aber ich möchte, dass euch klar ist, dass ihr Potenzial habt und es schaffen könnt. Auch mit diesen erschwerten Startbedingungen ins Leben. Wenn wir genügend Zeit, angepasste Konzepte und Perspektiven bekommen, dann schaffen wir das zusammen. Ich glaube an euch! Und ich helfe euch gerne dabei, jeden Tag ein Stück mehr eure Zukunft zu gestalten.“


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