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RETTUNGSAKTION: Mitarbeiter von Doppelkorn holen halbfertige und gefrorene Ware aus dem nicht mehr strombetriebenen Frostraum, um sie vor fertig zu backen.

RETTUNGSAKTION: Mitarbeiter von Doppelkorn holen halbfertige und gefrorene Ware aus dem nicht mehr strombetriebenen Frostraum, um sie vor fertig zu backen.
 © Philipp Von Ditfurth

Hannover

Doppelkorn: Strom in Bäckerei abgestellt

Die freigestellten Mitarbeiter von Doppelkorn schuften für die Rettung des Traditionsbetriebes unter widrigen Bedingungen: Plötzlich war der Strom abgestellt..

hannover.  Und plötzlich war der Strom weg. Donnerstagabend kurz vor 18 Uhr machten sich die freigestellten Bäcker der vermutlich insolventen Vollkornbäckerei Doppelkorn in ihrer Produktionsstätte in Laatzen an ihre Arbeit. Drei Tage – von Mittwoch bis zum gestrigen Freitag – hatten und wollten sie und die Kollegen aus Küche und Verkauf ein Zeichen für ihre Produkte setzen. Und den Erhalt der Traditionsbäckerei. Doch nichts ging mehr, ein Hamburger Stromanbieter hatte Netzgesellschafter Enercity beauftragt, dem säumigen Zahler Doppelkorn den Saft abzudrehen.

 Geschäftsführer Manuel Pietrusky ist seit Wochen abgetaucht, Lieferanten sowie Stromanbieter wurden um ihr Geld, Mitarbeiter um ihren Lohn betrogen (NP berichtete), es gibt eine Strafanzeige und einen ungültigen Insolvenzantrag seitens eines designierten und ebenfalls nicht aufspürbaren Geschäftsführers Gerd Haidacher (NP berichtete). Und nun eine Produktionsstätte ohne Strom.

Kurzerhand packten die Bäcker die Autos voll, fuhren die Rohware und Zutaten in die alte Bäckerei in die Limmerstraße 58, berichtet ein Betriebsratsmitglied. Und taten das, was Bäcker so tun: backen.

Mit Hilfe der großen Knetmaschinen und Backöfen in Laatzen konnten Dienstag- und Mittwochnacht unproblematisch bis zu 300 Brote gebacken werden. In der Nacht zu Freitag wurden trotz kleinerer Geräte und geringeren Platzes die gleiche Anzahl an Broten – etwa 300 – produziert. „Der Ofen lief die ganze Nacht durch, morgens ab 7 Uhr wurden vorn im Geschäfte die ersten Brote verkauft, während hinten in der Backstube die letzten bis 9.30 Uhr gebacken wurden.“

Die Kunden dankten es – auch mit Unterschriften unter eine Petition für den Erhalt der Vollkornbäckerei, und mit konkreten Hilfsangeboten. „Wir alle suchen nach Wegen, wie es weitergehen kann“, so der Betriebsrat. Etwa 1000 Unterschriften sind bereits zusammengekommen, um Doppelkorn zu retten.

Aber der nächtliche unentgeltliche Arbeitseinsatz sollte nicht der letzte sein. Freitag galt es, das Lager in Laatzen möglichst weitgehend zu räumen. Denn „als die schriftliche Freistellung vor knapp zwei Wochen kam, haben Bäcker vorproduzierte Produkte wie Laugenbrötchen, Croissant-Teiglinge und halbfertige Ware wie Kuchenböden geistesgegenwärtig in den Frostraum gepackt“, berichtet ein anderer Mitarbeiter. Mit der Stromabstellung waren nun aber diese Leckereien in Gefahr zu vergammeln. Also fuhren völlig übernächtigte Doppelkorn-Mitarbeiter gestern wieder los, um diese Ware zu retten. „Wir haben alles an Tiefkühltruhen reaktiviert, was möglich war“, so der Mitarbeiter. „Und wir müssen Gebäck jetzt fertigbacken und zum Verkauf anbieten. Das kann man schließlich nicht vernichten.“ Erst einmal sind die Produkte tiefgekühlt eingelagert worden.

Ein Kommentar:

In Hannover passiert derzeit Erstaunliches: Ein Mann mit einem mehr oder weniger übersichtlichen Geschäftsmodell (Schuhe, Investment) kauft eine Traditionsvollkornbäckerei, stellt alles von heute auf morgen um und will in diesem Tempo auch Geld verdienen. Doch eine Öko-Bäckerei samt engagiertem Stammpersonal ist nun mal kein Objekt für Zocker.

Offensichtlich hat Manuel Pietrusky das verwechselt. Doch statt sich der Realität zu stellen, taucht der Hasardeur einfach ab, entzieht sich seiner Verantwortung für Läden, Personal und dem guten Ruf der Produkte.

Die Mitarbeiter, betrogen um ihren Lohn, sind schockiert und ratlos, wie es für sie nun weitergeht. Doch statt den Kopf in den Sand zu stecken, machen sie weiter. Backen das gute Öko-Brot, retten auf eigene Kosten Ware, die zu verschimmeln droht, übernehmen Verantwortung. Ihnen ist zu wünschen, dass Doppelkorn weiterlebt.

Von Petra Rückerl

hannover limmerstraße 58

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