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Meine Stadt Die Plagiatsjäger vom Zoll in Hannover
Hannover Meine Stadt Die Plagiatsjäger vom Zoll in Hannover
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00:15 10.01.2013
Plagiat des Parfums "N°5 Chanel" - den Zöllnern fiel auf, dass das Etikett schief ist. Undenkbar beim Original. Quelle: Natalie Becker
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Hannover

„Bitte Diskretion wahren! Steuergeheimnis“ steht in großen Buchstaben an der braunen Stahltür „076“ des Zollamtes Hannover-Nord (Vahrenwald). Links neben dem Zugang zur Postabfertigung, nahe dem Hinweisschild zum Betriebsrestaurant „Zollina“, hängt eine Ampel. Sie zeigt Rot. Erst bei Grün darf einer der im Wartebereich sitzenden „Zollbeteiligten“ - so heißen im Behördensprech alle Menschen, die es mit dem Zoll zu tun kriegen - eintreten.

Drinnen liegen an diesem Vormittag auch mehrere schwarze Riesenskorpione und Monster-Käfer auf dem hellen Tresen. Das stinkt dem Postabfertigungsteam um Kristin Schöbel, Johannes Pohl, Nicola Urban, Marcel Meins und Kollegen gewaltig. Nicht etwa, dass der üble Geruch von den getrockneten Krabbeltieren ausgehen würde - aber ganz offenkundig hat der Absender aus Taiwan die tierische Luftpostsendung mit einem Mittel gegen noch lebendes Ungeziefer begast.

Um schlagkräftige Argumente gehts derweil am Schreibtisch von Zollamtsinspektorin Urban: Hier ist eine mittelgroße, dunkle Damenhandtasche aufgefallen. Deren schwerer Metallverschluss mit Totenkopfsymbol hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem Schlagring. Eine Zöllnerin schiebt Finger ihrer rechten Hand in die Ringe des „Verschlusses“. Passt! Doch neben Vorgängen, die Waffenrecht und Artenschutz betreffen, sorgen hier im Amt auch immer mehr Pakete mit Plagiaten für Kontakt zu Zollbeteiligten. Beispielsweise die Fälschungen des weltweit beliebten Duftstoffs „Chanel Nr. 5“. Für 56 Euro hat sich ein Schnäppchenjäger aus Hannover 100 Milliliter des vermeintlich edlen Parfüms (Originalpreis: rund 80 Euro) in der Türkei bestellt. Zollsekretärin Kristin Schöbel öffnet das Paket, nimmt eine Nase und verzieht das Gesicht: „Puuh, das ist eine Fälschung. Der Flakon ist scharfkantig, der Inhalt dunkler als das Original.“ Auch das Markenschild auf dem Flakon fällt der Zöllnerin auf: „Es ist schief angebracht, wirkt billig.“ Zollamtsleiterin Inge Vischer fügt hinzu: „Der Geruch ist intensiv falsch, nicht fein - das ist kein guter Duft.“

Ganz in der Nähe liegt eine braune Damenhandtasche. Aus mehreren Metern Entfernung mag die illegale Kopie der Marke Louis Vuitton viele Frauenherzen höher schlagen lassen. Doch von Nahem betrachtet ist das vermeintliche Desi-gnerprodukt ein optisches Trauerspiel für alle Modefans.

Obwohl gerade erst aus China eingetroffen, ist der goldfarbene Lack am Metallverschluss der Neuware schon teilweise ab. Darunter blitzt es silberfarben, der gesamte Verschluss hat Kratzer. Dazu kommen schiefe Nähte, unregelmäßig geschnittener Lederbesatz ... „Da kann mir kein Mensch erzählen, dass er das für ein Original hält“, betont Inge Vischer. Dann greift die Zollamtsrätin in die Tasche - und findet dort wenig Platz, aber viel zu viel Futter: „Es fühlt sich minderwertig an, ist nicht der Taschenform angepasst.“ Um die 1500 Euro kostet laut Zoll das Original, 48,50 US-Dollar (rund 37 Euro) hat ein Mann aus Laatzen für das schlechte Stück bezahlt.

Ebenfalls aus dem Land der aufgehenden Sonne stammt ein Bayern-München-Trikot. Bestellt von einem preisbewussten Fußballfan aus Lehrte in der unsportlichen Größe „XL“. 29,99 Euro hat er für die Fälschung bezahlt, das Original kostet etwa das Vierfache.

Auch dieser Plagiatsfall sei eine klare Sache, sagt Zollamtssprecher Hans-Werner Vischer. Auf dem Trikotrücken leuchtet orangefarben die Nummer „33“, darunter steht in Großbuchstaben der Name „GOMEZ“. Passt zusammen! Aber warum sind die Buchstaben „G“ und „O“ deutlich dünner als die restlichen drei? Antwort: weil das T-Shirt eine Fälschung ist.

Auch zu erkennen am Etikett. Der Verfasser benötigt offenbar dringend Nachhilfe in Englisch. „INSPECTED“ (etwa: ,kontrolliert‘) wollte er drucken, „NSPECTED“ ist zu lesen. Nur einer von mehreren Schreibfehlern. Setzen, Sechs!

Dass das Trikot eine Fälschung ist, hat der vom Zoll informierte Markenrechtsinhaber FC Bayern der Behörde bereits schriftlich gegeben. Auch der Käufer hat Post mit gänzlich unsportlichem Inhalt aus München erhalten. Tenor: Der Import einer Markenfälschung ist verboten, er solle bitte der Vernichtung der Ware zustimmen. Der Kaufpreis ist natürlich weg. Trotzdem kommt der Lehrter Schnäppchenjägernoch recht billig davon. Zollamtsleiterin Vischer: „Es gibt Unternehmen, die stellen gleich beim ersten Verstoß einen Strafantrag gegen den Empfänger der gefälschten Ware.“

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