Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Die Cebit und ihre Geschichten
Hannover Meine Stadt Die Cebit und ihre Geschichten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:19 02.12.2018
Am Apparat: Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel und der damalige Landtagsabgeordnete Christian Wulff im Jahr 2002. Quelle: Foto: dpa
Hannover

Digitalisierung erfasst alles - sei es das Auto, die Fabrik oder die eigene Wohnung. Vom Smartphone ganz zu schweigen. Aber wie nötig ist eine Digitalmesse, wenn Digitalisierung so gut wie alle Branchen prägt? Die Macher ziehen jetzt die Reißleine: Die Cebit ist am Ende. Unvergesslich bleibt sie trotzdem. Hier die besten Momente.

Als die Cebit kurz mal bunt war

Die Cebit und ihr Publikum, eine Geschichte voller Missverständnisse. Besonders das Verhältnis zu den jungen Leuten, die wenig Geld, aber viel Enthusiasmus zu bieten hatten, blieb in all den Jahren ungeklärt. Mit der Cebit Home wollte die Messe das ändern: Von 1996 bis 1998 zeigte diese Sonderschau die bunte Seite der EDV, wie man damals noch sagte. Einer der Schwerpunkte sorgte allein beim Gedanken daran für Hautausschlag bei den Fachbesuchern: Computerspiele. Vielleicht lag es auch am Widerstand der Aussteller, dass das Konzept nach drei Jahren nach Leipzig ausgelagert werden sollte. Dort war das Interesse jedoch auch gering. Mit der „Games Convention“ wagte sich die Ostmetropole 2002 dann übrigens doch noch an die Spiele heran: Sie mauserte sich zum Riesenerfolg, knackte 2008 die 200.000-Marke, zuletzt kamen 370.000 zu der mittlerweile in Köln angesiedelten Show. Das sind dreimal so viele Besucher wie die Cebit zuletzt hatte.

Die neuesten Computerspiele können 1996 die jungen Besucher auf der CeBIT Home Electronics auf einem "Game City"-Stand testen. | Quelle: picture-alliance / dpa

Merkel eiskalt, Kohl sporadisch

In den ersten Jahren trug sie bevorzugt Schwarz, Grau oder Rot, Doch mit der Zeit wurde Angela Merkel wagemutiger bei der Auswahl ihrer Blazerfarbe für den traditionellen Cebit-Eröffnungsrundgang: Da gabs mal ein frisches Grün (2012), ein freches Orange (2014) oder ein knalliges Königsblau (2016). Zwölf Mal hat die Bundeskanzlerin in dieser Funktion die Cebit „beschritten“, so oft wie kein Amtsvorgänger vor ihr. Das erste Mal im Jahr 2006 (da hatte sie gerade Gerhard Schröder abgelöst), das letzte Mal 2017. In diesem Sommer sparte sich Merkel den Pflichttermin der Vorjahre und schickte als Vertretung Wirtschaftsminister Peter Altmaier.

Den versammelten Konzernchefs und Wirtschaftsgrößen wird die Kanzlerin vor allem als pragmatisch-penetrante Nachfragerin in Erinnerung bleiben, die gelegentlich ihren knochentrocken Humor aufblitzen ließ. Kam ihr einer krumm oder wollte ihren Fragen mit Geschwätz ausweichen, ließ Merkel denjenigen gern mit einen Spruch eiskalt auflaufen.

Ganz anders war da Vorgänger Gerhard Schröder, der gern und ausgiebig mit den Kameras flirtete, allerdings als Kanzler nur von 1999 bis 2005. Als niedersächsischer Ministerpräsident war er natürlich ebenfalls unzählige Male auf Cebit-Rundgang. Häufiger auch mit Altkanzler Helmut Kohl. Der regierte zwar von 1982 bis 1999 – am Rundgang allerdings nahm er nur sporadisch teil.

Bundeskanzler Helmut Kohl sieht auf der CeBIT-Messe in Hannover beim Zentrum für graphische Datenverarbeitung (Darmstadt) durch eine 3-D-Brille – 1998 war das. Quelle: dpa

Terminator und Kanzlerin

Rudelbildung und heftiges Gedränge gehören bei jedem Cebit-Eröffnungsrundgang dazu. Doch als Arnold Schwarzenegger 2009 als amtierender Gouverneur von Kalifornien zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel von Stand zu Stand eilte (14 Stationen in zwei Stunden), konnte man die Lage in den Gängen und Hallen, in denen der Schauspieler auftauchte, nur noch als Ausnahmezustand bezeichnen. Die Damenwelt schmolz dahin, die Herren atmeten tief durch, um neben dem breitschultrigen Ex-Mister-Universum nicht allzu schmalbrüstig zu erscheinen. So viele Fotoapparate, Kameras und Handys waren auf Schwarzenegger gerichtet, dass er amüsiert scherzte, „ich fühl mich wie beim Filmfestival in Cannes“. Sogar Stephan Weil, damals noch Oberbürgermeister von Hannover, heute Ministerpräsident, zückte seine Digi-Cam und schoss ein Foto vom Duo Merkel/Schwarzenegger. Der US-Politiker (und gebürtige Österreicher) versprach am Ende zwar: „I’ll be back.“ Zur Cebit schaffte er es danach aber nicht mehr.

Der damalige Gouverneur von Kalifornien, Arnold Schwarzenegger, 2009 auf der Cebit Quelle: dpa

Cebit? Ich frage mal nach“

Es sind manchmal Kleinigkeiten, die eine große Geschichte erzählen. Als eine Delegation des Cebit-Teams im Herbst 2008 die Google-Zentrale im kalifornischen Mountain View betrat, musste der Empfang erstmal überlegen: „Cebit? Ich frage mal nach.“ Der junge Mann, man sah es ihm an, hatte noch nie etwas gehört von der IT-Leitmesse, ein Label, das wohl besser klingt als wirkt. Der Trip ins Silicon Valley bedeutete das Aufeinandertreffen zweier Welten: LinkedIn, Linden Lab (erinnert sich noch jemand an „Second Life“?) oder eben Google zeigten eindrucksvoll, wo der Markt der Zukunft liegt: in den Algorithmen. Die Entscheidung der Messe, Kalifornien 2009 zum Cebit-Partnerland zu machen, hatte also auch Tragik: Goldrichtig einerseits, denn nirgendwo gab es mehr Zukunft als in der Region bei San Francisco – der Glanz aber strahlte nicht bis nach Hannover.

Das Fenster zur Welt

Hinterher ist man immer schlauer, aber vorher? Bill Gates versuchte es. 1995 kam der Microsoft-Gründer nach Hannover zur Cebit, verweigerte mithilfe seiner Bodyguards jedwede Autogrammwünsche und sprach eine Stunde lang über das Jahr 2005. Computer werden die Haushalte erobern, glaubte er. „Information auf Knopfdruck“ seien das nächste große Ding, E-Mails werden geläufig, und, Achtung: Taschencomputer für drahtlose Kommunikation in Bild und Text. Da wundert es heute schon, dass Microsoft den Smartphone-Boom so vollumfänglich verpasst hat. Immerhin, 1995 war der Multimilliardär und sein Unternehmen noch Taktgeber der Branche, sein „Windows 95“ entwickelte sich zum erfolgreichsten Betriebssystem, das Hannover je gesehen hat. Und der Rest der Welt ebendort.

1995: Bill Gates stellte auf der Cebit Windows 95 vor. Quelle: Dpa

Premiere mit Pfötchen

1986: Argentinien gewinnt unverdient das WM-Finale, in Tschernobyl explodiert ein Kernkraftwerk – und in Hannover startet die erste Cebit, der digitale Ableger der knüppelvollen Hannover Messe. Aussteller hießen damals noch Olympia und Triumph-Adler, von der Sprachmelodie also ähnlich klanghaft wie „Centrum der Büro- und Informationstechnik“, wie die Cebit eigentlich heißt. Es war eine andere Zeit, zeigt auch dieser ZDF-Beitrag: „Eines fällt auf: Nicht die Hauptbetroffenen, die Frauen, die im Büro beschäftigt sind, nein Männer entscheiden über den Einsatz moderner Bürotechnik in den Betrieben.“ Es gab zahlreiche Premieren: Der Amiga 1000 etwa leitete das 16-Bit-Zeitalter ein, mit 7 Megahertz und den eingravierten Unterschriften der Entwickler unter dem Gehäusedeckel – inklusive Pfotenabdruck des Bürohundes. 2100 Aussteller kamen zur ersten Cebit, dazu mehr als 300 000 Besucher. Die Stadt hat einen neuen Star.

Die Cebit zog bei ihrer Premiere 1986 auch viele Jugendliche an. Quelle: NP

Michael Jackson, echt jetzt?

Es war 1999, die Zeit, in der alles möglich schien: Die Internetblase war noch nicht geplatzt, die Branche strotze vor Selbstbewusstsein. Da klang es nur konsequent, dass der größtmögliche Star auf diesem Planeten, Michael Jackson, die Cebit in Hannover besucht. Ebenso schillernd sein Gastgeber: Lars Windhorst, Zeit seines Lebens Jungunternehmer, ein Schützling Helmut Kohls. Er kenne den Popstar schon länger, war am Vortag mit ihm essen, versicherte er der verdutzten Presse. Zeitweise hat sogar die Plattenfirma von Jackson bestätigt: Ja, er ist es leibhaftig.

Michael Jackson sagte zu all dem übrigens nichts. Denn er war es nicht. Echt nicht. Und das Wunderkind Windhorst ging wenige Jahre später mit den meisten seiner Unternehmen pleite. Das war echt.

„Michael Jackson“ mit Lars Windhorst (zweiter von rechts). Quelle: Youtube

Herzinfarkt auf der Messeparty

Er war der Mann, der die Elektronik überhaupt erst auf die Hannover Messe gebracht hatte – und damit auch den Grundstein für die Cebit legte. Der deutsche Unternehmer Heinz Nixdorf, der 1952 als Student seine erste Computerfirma gründete, stattete jahrzehntelang Banken und Mittelständlern mit Großrechnern aus. Zeitweise war die Nixdorf AG einer der größten Computerhersteller Europas.

Doch die erste eigenständige Cebit 1986 war für den deutschen Computer-Pionier Nixdorf auch die letzte: Am 17. März, fünf Tage nach der Eröffnung, erlitt der damals 60-Jährige beim Tanzen auf einer der legendären Messepartys einen Herzinfarkt und verstarb. So bekam er auch nicht mehr mit, dass er, der Visionär, den Mega-Trend der 80er Jahre verschlafen hatte: den Personal Computer (PC), den Rechner für jedermann. „Wir bauen keine Goggomobile“, soll er gesagt haben – und damit die frühzeitige Entwicklung eines PCs bei Nixdorf verhindert haben. Angeblich soll er auf der Cebit 1986 noch mit ehemaligen Mitarbeitern heftig darüber diskutiert haben, die ihn zu einem Kursschwenk drängen wollten. Nixdorf soll sie vertröstet haben auf ein anderes Mal – er wolle erst mal feiern.

Computerpionier und Unternehmer Heinz Nixdorf, wenige Tage vor seinem Herztod auf der Cebit. Quelle: Herbert Rogge

Diese Messe ist ein Geschenk

Den Termin der Cebit strichen sich Studenten lange dick in ihren Kalendern an – nicht unbedingt wegen der Neuigkeiten, sondern weil sie anders von der Messe profitierten. Man konnte dort jobben, die an Messegäste vermietete Studentenbude finanzierte den nächsten Urlaub. Und gerade als bei den Unternehmen das Geld richtig locker saß, machten sich Karawanen junger Menschen nach Messeschluss zum Gelände auf: Anfang der 90er gab es in Hannover wohl keine Studenten-WG, in der kein fast neuer Teppich von irgendeinem Cebit-Stand lag – und selbst Kinder verließen das Gelände mit Tüten voller Geschenken.

Hoch im Kurs stehen am Sonntag die jugendlichen Computerfans bei den Ausstellern der CeBIT-Messe so wie v.l. Meysam Zareie (13), Nils Schuler (14) und Jakub Dziecheiejewski (14), die in den Geschenktüten alle möglichen bei den Firmen erhaltenen Werbeartikel gesammelt haben. Trotz des auf 50 Mark erhöhten Eintrittspreises sind am Sonntag viele junge Menschen in den Hallen zu sehen. Quelle: picture-alliance / dpapicture-alliance / dpa

Hostessen, Polonaise und Bier

Morgens Messe, abends Party: Wer die Cebit besuchte, ob als Aussteller oder Besucher, brauchte über viele Jahre Durchhaltevermögen. Die Abende hatten einen legendären Ruf: Intel, Nokia, Freenet oder O2 hatten nicht nur Hostessen engagiert, in der Regel gab es auch eine Menge Souvenirs für die Besucher und vor allem Freigetränke. Unvermeidlich: die Münchner Halle – Maßkrug statt Maßanzug. Wenn die Cebit ihre Tore schloss, drehten die IT-Experten jeden Abend so richtig auf. 4000 Quadratmeter, 3200 Plätze, zwei Etagen – fern der Heimat ließ man(n) sich gern gehen, mit Polonaise und Tanz auf den Tischen. Viele tausend Haxen, Hendl, Brezel, dazu tausende Liter Weißbier und zahllose Schnäpse brachten die Service-Kräfte in Dirndl und Lederhosen an die Tische. Jeden Abend.

Die Nokia-Party der Cebit im Jahr 2002.

Von Fabian Mast und Inken Hägermann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!