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Meine Stadt Die Angst schläft jede Nacht mit
Hannover Meine Stadt Die Angst schläft jede Nacht mit
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00:15 12.09.2015
SPUREN DER VERGANGENHEIT: Jemand hat einen alten Wohnwagen hier entsorgt, die Hütten sind heruntergekommen. Quelle: Uwe Dillenberg
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Hannover

Es ist ein unwirtliches Gelände, schwer zu finden, schwer zu durchblicken: Die Behausung in einem Waldstück in Bothfeld nahe der Burgwedeler Straße, an der ein 36-Jähriger getötet wurde, ist unwirtlich. Die Wände eines Backsteinbaus sind beschmiert, auch andere von Obdachlosen als Nachtquartier genutzte Hütten sind lädiert. Es ist mehr Lager denn Unterkunft. „Die Untersuchung des Tatortes wird einige Zeit in Anspruch nehmen“, sagt Polizeisprecherin Martina Stern. Das THW wurde zur logistischen Unterstützung angefordert und sorgt dafür, dass witterungsbedingt keine vielleicht wichtigen Spuren zerstört werden. Die Ermittler kämpfen sich derweil durch Gerümpel - auch Spuren gescheiterter Existenzen.

Foto: Dillenberg

Auch der 36-Jährige, den Bekannte an einem Zaun tot aufgefunden haben, hatte nicht viel im Leben. Fernab der Heimat Riga (Lettland), ohne Wohnsitz in Hannover. Hinweise auf Angehörige hat die Polizei noch nicht. Andere Obdachlose - die Beamten fragten zum Beispiel im Kontaktladen Mecki nach - kannten den Mann nicht.

Spaziergänger, die auf den Feldwegen nahe der Unterkunft zum Beispiel ihre Hunde ausführen, wissen, dass es hierhin öfter Obdachlose verschlägt. Mehrere berichten auch von lauten Gesprächen, teilweise von geselligen Runden hinter dem Wellblechzaun.

Fotos: Dillenberg

Vielleicht begann auch der Abend des Toten so - gesellig. Fest steht nach der Obduktion in der vergangenen Nacht, wie er endete: „Er starb an multiplen Verletzungen, beigebracht durch stumpfe Gewalt“, sagt Stern. Ob es sich um eine Auseinandersetzung im Milieu handelte, lässt sich noch nicht beantworten. Auch, ob der 36-Jährige zum Todeszeitpunkt alkoholisiert war, ist unbekannt - „der Bluttest steht noch aus“. Das Gebiet ist laut Bezirksbürgermeister Harry Grunenberg bekannt. Aufgrund ungeklärter Besitzansprüche konnte jahrelang nicht reagiert werden, er hatte aber mit einer zwischenzeitlichen Beseitigung gerechnet. „Immer wieder berichten Bürger davon, dass sie gehört hätten, dass sich dort Menschen aufhalten“, sagt er.

Final geklärt ist die Zuständigkeit im Moment nicht, die Stadt hat Interesse an dem Grundstück. Sprecherin Konstanze Kalmus: „Der Grunderwerb wird zurzeit verhandelt.“ Generell würden provisorische Unterkünfte im Einzelfall geprüft: „Feste, massive gebauten illegalen Behausungen sind in der Regel seit langem bekannt; das Vorgehen richtet sich nach den Ergebnissen rechtlicher Prüfungen.“ Erkennbar provisorisch erstellte „Dächer über dem Kopf“ in städtischen Wäldern „werden im Einzelfall geprüft - Obdachlose werden angesprochen“. Vorrangig, um ihnen Alternativen anzubieten.

Generell bestünde auch kein Anlass, im Wald zu leben: „Wer bei der Stadt um Obdach bittet, das heißt, sich bei der Stadt deshalb meldet, muss untergebracht werden.“ Kalmus kennt aber die Sorgen einiger Obdachloser: „Es ist bekannt, dass Gemeinschaftsunterkünfte zum Teil aus Angst vor Gewalt, Repressalien innerhalb der Szene sowie vergangener schlechter individueller Erfahrungen gemieden werden.“ Die Sprecherin weiß von etwa 930 in Hannover untergebrachten Obdachlosen, wie viele auf der Straße leben, sei unbekannt. Die Diakonie rechnet mit insgesamt 3000 Menschen (siehe Text unten).

3 Die Polizei bittet mögliche Zeugen, die am Montag Personen in oder an der Behausung beobachtet haben, sich zu melden: 05 11/109 55 55.

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