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ERMITTLER BEI DER ARBEIT: Die Experten Helge Stummeyer (rechts) und Konstantin Knorr untersuchen einen Tierkadaver nach möglichen Wolfsspuren (Symbolfoto).

ERMITTLER BEI DER ARBEIT: Die Experten Helge Stummeyer (rechts) und Konstantin Knorr untersuchen einen Tierkadaver nach möglichen Wolfsspuren (Symbolfoto).© Rainer Droese

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Dem Wolf auf der Spur

Seit zehn Jahren lebt der Wolf wieder in Niedersachsen. Der Aufwand für das Raubtier ist groß und teuer - aber er lohnt sich, sagen Menschen, die sich mit dem Tier beschäftigen. Ein Besuch beim Wolfsberater der Region Hannover.

Hannover. Wenn man mal die Wut, die Angst und die Begeisterung weglässt, die die Rückkehr des Wolfs bei den Menschen auslöst; wenn man also die Begegnung des wilden Räubers mit der deutschen Kulturlandschaft als interessantes Experiment betrachtet - dann kommt man schnell ins Staunen. Der beispiellose Aufwand für den „Canis Lupus“ kostet den niedersächsischen Steuerzahlern derzeit allein mit den Mitteln des Wolfbüros 750 000 Euro pro Jahr. Das ist viel Geld für ein Beutetier, das schon zu Grimms Zeiten für wohliges Schauern sorgte. Aber die Investition zeigt Wirkung: Nach einem kräftigen Anstieg im vergangenen Jahr stagniert 2016 die Zahl der gerissenen Nutztiere.

Grundsätzlich ist die Akzeptanz für den Wolf groß. Aber: „Es gibt da ein großes Gefälle zwischen Stadt und Land“, sagt Helge Stummeyer, einer der Wolfsberater in der Region. Grob gesagt: Stadtmenschen lieben den Wolf, weil sie ihm nie begegnen. Die Menschen auf dem Land, insbesondere Bauern, sind skeptischer.

Zunächst einmal: Der Mensch muss keine Angst haben. Der Wolf ist ein Jäger, aber kein großer Sportler. Er scheut lange Verfolgungen, schleicht sich lieber an sein Opfer heran. Wer nicht rechtzeitig flieht, ist verloren. Der Wolf tötet schnell. Aber eben Tiere. Nicht immer steht Wild auf seinem Speiseplan, auch Schaf schmeckt ihm, und das schmeckt dem Schäfer nicht. Es folgen Ermittlungen, die denen im „Tatort“ in nichts nachstehen. Anders als im Fernsehen geht es hierbei natürlich nicht um Gerechtigkeit, sondern darum, dass am Ende alle mit dem Wolf leben können. Denn eine Alternative gibt es nicht - der Wolf ist durch Abkommen, Richtlinien und Gesetze geschützt, eine Jagd streng verboten.

Ein totes Kalb in Neustadts Norden, sagen wir: auf einer Weide nahe Warmeloh. Hier in der Nähe wohnt Stummeyer, erster Ansprechpartner bei Tierrissen. Dann steigt er in seinen VW Amarok und fährt los. „Fotografieren ohne Ende, Lagekarte anfertigen, alles dokumentieren“, beschreibt er seinen Job, der nichts für Magenschwache ist.

Schon die Bissspur verrät häufig den Täter: Stummeyer zieht dann einen Gummihandschuh an, misst mit einem Zollstock die Abstände im Zahnabdruck - beim Wolf sind die Reißzähne ziemlich verlässlich 4,5 Zentimeter weit auseinander. Anders als etwa ein Hund langt der Wolf meist am Kehlkopf zu, um die Beute sofort zu töten. Kehlkopfquetschung. „Sieht aus wie ein schwerer Bluterguss“, so Stummeyer. Manchmal schneidet er dafür noch die Haut an der Wunde auf, solange der Besitzer damit einverstanden ist. Bei Wildtierrissen kann das sehr kompliziert sein: Ohne Einverständnis des Pächters darf Stummeyer das Opfer nicht mal anfassen, die Suche nach dem zuständigen Jäger ist manchmal so aufwendig wie die Spurensicherung.

Dann gehts weiter. Wie sind die Fressspuren? Der Wolf will sein Rudel ernähren: „Bis zu fünfeinhalb Kilo Muskelfleisch nimmt er mit“, so Stummeyer. Innereien verschmäht er, außer beim Kalb - dort ist der Verdauungstrakt noch nicht fertig ausgebildet. Ist der Riss nicht älter als 48 Stunden, nimmt der Berater eine Speichelprobe für die DNA-Analyse.

Nicht immer ist das nötig: Neulich hatte er in der Nähe zwei tote Kamerunschafe. Der Besitzer beschuldigte den Wolf, doch Stummeyer wurde misstrauisch. Unter der Winterwolle war die Haut stark gerötet, dazu Bissspuren am Nacken. Ein Augenzeuge lieferte die Lösung: Die Hunde des Besitzers hatten die Schafe zu Tode gehetzt. „Manchmal müssen wir die Geschädigten auch vor sich selbst schützen“, sagt Stummeyer. Sechs Seiten stark ist das Protokoll, das er hinterher ausfüllen muss. Wie sieht der Weidenzaun aus? Welches Fleisch wurde gefressen? Wichtig ist auch die Frage nach einer möglichen Krankheit - was den Wolf als Henker natürlich nicht ausschließt, er stürzt sich auch mal auf malade Tiere.

Die Dokumentation wandert dann ins Wolfsbüro des Landesumweltministeriums. Drei Biologen, zwei Tierärzte und eine Verwaltungskraft sitzen in dem Büro an der Göttinger Chaussee, die sich um mehr als 100 Fälle im Jahr kümmern. Sie leiten jede Speichelprobe an das Senckenberg-Institut im hessischen Gelnhausen weiter. Die Forscher benötigen dort bis zu drei Wochen pro Probe. Jede Untersuchung kostet das Land 200 Euro. Selbst wenn das Ergebnis Fuchs lautet, lässt das Wolfsbüro nicht locker und untersucht den Biss erneut: „Es könnte ja durchaus sein, dass nach dem Wolf noch ein Fuchs am Kadaver war“, so Experte Konstantin Knorr. Letztlich geht es vor allem um Entschädigungszahlungen und Förderanträge für Weidezäune, Hunderttausende Euro stehen dafür zur Verfügung. Denn der Herdenschutz zeigt Wirkung: Immer häufiger scheitert der Wolf an den Elektrozäunen.

Jeder Fall landet im Internet - Information ist Teil zwei des Auftrags. Knorr: „Nur so können wir auch die vielen Gerüchte widerlegen: dass die Tiere gezielt ausgesetzt wurden, dass es sich um Hund-Wolf-Kreuzungen handelt und so weiter.“ Auch Stummeyer kennt diese Geschichten: „Ich höre immer wieder den Vorwurf, wir würden den Wolf anfüttern. Aber das ist falsch. Der Wolf kommt aus eigener Kraft zurück.“ Ob er auch bleiben kann, liegt dann an uns.


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  • Bundesland: Niedersachsen
  • Landkreis: Region Hannover
  • Fläche: 204,14 km²
  • Einwohner: ca. 550.000
  • Bevölkerungsdichte: 2552 Einwohner je km²
  • Postleitzahlen: 30159 - 30669
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