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Meine Stadt Das große Theater um die Torten-Attacke
Hannover Meine Stadt Das große Theater um die Torten-Attacke
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13:20 24.09.2010
Umstrittenes Dorf: Vor dem Ballhof haben Jugendliche das Anti-Atom-Dorf, die Freie Republik Wendland, entstehen lassen.
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VON L. ZACHARIAS, E.-M. WEISS, S. FLEER UND S. GOHLISCH

HANNOVER. „Wir brauchen noch Helfer für die Deko-Gruppe, um einen Kühlreaktor nachzubauen“, sagte gestern Dramaturg Aljoscha Begrich vom Schauspiel Hannover in den Sitzkreis der Jugendlichen auf dem Ballhofplatz. Es schien fast, als sei der Alltag wieder zurück in der „Republik freies Wendland – reaktiviert“. Doch der Schock über die Joghurttorten-Attacke vom Vorabend auf Grünen-Politiker Jürgen Trittin sitzt bei vielen tief.

Trittin hatte das Projekt des Schauspielhauses, in dem Schüler das Hüttendorf der Anti-Atomkraft-Bewegung nachgebaut hatten, am Mittwoch für eine Podiumsdiskus­sion besucht. Etwa fünf Minuten nach dem Beginn schlich sich eine maskierte, weiß gekleidete Person von der Seite an, stürmte auf die Bühne und warf eine Torte auf den Politiker. Die meisten der etwa 100 Zuschauer reagierten mit Pfiffen, andere vermuteten Zusammenhänge mit dem Schauspiel-Projekt. Es gab jedoch auch Stimmen, die die Aktion richtig fanden. Eine von ihnen war „Vollzeitaktivistin“ Hanna Poddig, die mit Trittin diskutieren sollte.

Einen Tag danach lief sie gestern barfuß über den Platz vor dem Ballhof. Die Frau, die nach eigener Aussage ohne Geld zu leben versucht, hatte dabei ihr Handy fast ständig am Ohr. In der Nacht habe sie sich erstmal „Abstand gegönnt“, weil zu sehr über sie und weniger über „die Sache“ diskutiert worden sei. An ihrem Verständnis für die Tat hatte sich aber auch gestern nichts geändert: „Ich kann die Wut auf die Grünen gut nachvollziehen“, sagte Poddig. „Ja, es ist Gewalt“, jedoch sei „Jürgen Trittin selbst ein Teil der Staatsgewalt“, stehe so „nicht gerade für Gewaltfreiheit“.

Wer ist die „Vollzeitaktivistin“ Pod­dig? Sie protestiert gegen Atomstrom, Sexismus und Faschismus, lebt angeblich von Lebensmitteln aus dem Müll. Sie kettet sich an Schienen oder klettert auf das Brandenburger Tor – immer barfuß in den Widerstand. Herrschaftsformen lehnt sie grundsätzlich ab, Politiker, die sie repräsentieren, auch. Trittin ist für sie ein solcher Repräsentant. Poddig: „Die Grünen sind scheinheilig. Sie haben vor Jahren dazu aufgerufen, nicht mehr auf die Straße zu gehen, nun rudern sie zurück. Diese Konfliktlinie macht viele wütend.“ Daher fände sie den Angriff verständlich: „Und ich bin durchaus nicht die Einzige hier im Dorf!“

Hendrik Tietz (19) sieht das anders: „Wir finden es schade, was gestern Abend passiert ist.“ Er sitzt im Pressezelt des Hüttendorfes, für sein Team gibt es nun viel zu tun. „Wir waren an einer anregenden, friedlichen Diskussion interessiert.“ Diese Möglichkeit, so Tietz, sei den Projektteilnehmern durch den Tortenangriff des Unbekannten genommen worden. An Aufgeben, so Sabrina Fukas (17), denke keiner: „Das wäre sinnlos, wir hatten fünf tolle Tage und haben diesen Angriff ja nicht geplant. So würde das auf uns zurückfallen.“

Kurz nach dem Abbruch der Diskussion habe man sich noch etwa „drei Stunden lang zusammengesetzt“, erzählt Tietz weiter. Auch mit Poddig habe man gesprochen: „Wir wollten das Ganze noch mal für uns aufarbeiten.“ Ergebnis: eine schriftliche Stellungnahme, in der sich die Schüler des Wendlandprojektes ausdrücklich von dem Vorfall distanzieren. „Von so einer beschissenen Aktion lassen wir uns nicht unser Projekt vermiesen“, sagt Dramaturg Aljoscha Begrich. Die Frage sei für ihn aber nicht, „ob, sondern wie es weitergeht.“ Wurde Jürgen Trittin von einem Teilnehmer des Wendland-Projektes beworfen? Ist alles nur ein großes Schauspiel? Begrich: „Ich kann mir das nicht vorstellen.“

Jürgen Trittin hatte der NP nach der Tat über den Angreifer gesagt: „Der hat mein Mitgefühl …“ Gestern schwieg er. Sein Sprecher äußerte sich dafür so über Poddig: Sie sei „wahrscheinlich die erste Berufsrevolutionärin, die nichts dabei findet, auf einer Veranstaltung aufzutreten, die mit staatlichen Geldern finanziert wird“.

Was passiert nun weiter mit dem Hüttendorf? Ein Sprecher des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur sagte gestern: „Mit der Tortenaktion und vor allem der Reaktion von Frau Poddig darauf wurden die Grenzen der theatralen Intention des Projektes überschritten.“ Eine Forderung nach einem Stopp der Aktion aus dem Ministerium gab es nicht.

Mittlerweile hat der Staatsschutz der Polizei Hannover die Ermittlungen aufgenommen und arbeitet mit „Hochdruck“ an dem Fall, so Polizeisprecher Thorsten Schiewe. Auch wenn Trittin selbst keine Strafanzeige erstattet hat, wird er von der Polizei befragt werden. Wann, ist noch offen. Hinweise auf den Täter gibt es bislang noch nicht. Allerdings haben Ermittler eine weiße Maske sichergestellt. Sie wird derzeit auf Fingerspuren und DNA untersucht. Der Täter könnte wegen Beleidigung oder versuchter Körperverletzung belangt werden.

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