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Meine Stadt Das Leben der Obdachlosen bei klirrender Kälte in Hannover
Hannover Meine Stadt Das Leben der Obdachlosen bei klirrender Kälte in Hannover
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09:53 01.03.2018
In der Kälte:Martin und Michael (vorne) leben auf der Straße.   Quelle: Foto: Wilde
Hannover

 Georg Rinke, Geschäftsführer des Wohnungslosen-Magazins „Asphalt“ schlägt Alarm: „Wir haben in Hannover einen enormen Mangel an echten Unterkünften für Wohnungslose. Zudem gibt es keinen Kältebus, lediglich eine fahrende Suppenküche, die zweimal pro Woche auf einer festen Route unterwegs ist. Die Situation ist denkbar schlecht!“ Rinke fordert daher für die Stadt einen „echten Kältebus“, den Bürger anrufen können und der kurzzeitig Menschen aufnehmen kann, damit diese sich aufwärmen können. „Aber natürlich löst ein Kältebus allein nicht die grundsätzliche Probleme“, so Rinke weiter. Denn: „Hannover hat ein klares Wohnungsproblem. Ohne mehr Wohnungen werden wir das Problem nicht lösen können.“ Auch in den temporär geöffneten Flüchtlingsunterkünfte für Wohnungslose sieht Rinke nur „einen Tropfen auf dem heißen Stein“. Für den Moment und die aktuellen Minusgrade plädiert er dafür: „Alle verfügbaren freien Räume müssen in dieser kritischen Phase geöffnet werden. Sonst wird es über kurz oder lang den nächsten Kältetoten geben.“

Martin (40) und Michael (50) leben auf der Straße. Oft liegen die beiden Brüder, die aus Polen stammen, in der Bahnhofsstraße. Das Leben auf der Straße setzt beiden stark zu: „Tagsüber werden wir oft vertrieben. Das ist fast schlimmer als die Kälte in den Nächten. Da werden wir zumindest in Ruhe gelassen.“

„Kapazitäten sind genug da“, sagt Lars Kelich, SPD-Bauexperte. Jeder Mensch, der eine Notunterkunft will, bekomme diese auch, betont der Sozialdemokrat. „Die Stadt ist sogar dazu verpflichtet, eine Unterkunft zur Verfügung zu stellen – zur Not ein Hotelzimmer.“ Und derzeit gebe es davon auch genug in Hannover. „Kurzfristig kommt ein sogenanntes ’Sleep In’ in Frage“, erklärt Kelich. Etwa im ehemaligen Möbelmarkt Möbel Boss können Wohnungs- und Obdachlose spontan übernachten, um der Kälte zu entgehen.

Längerfristig gesehen, wird es aber eng. 1250 Wohnungslose bringt die Stadt derzeit unter. Allerdings steigt die Zahl der Bedürftigen – zuletzt durch einen starken Zuzug von Menschen aus Osteuropa. „Sie haben Arbeit gesucht, aber keine gefunden“, erklärt Rainer Müller- Brandes, Leiter des Diakonischen Werks Hannover. „Bei einigen führen Alkoholmissbrauch und fehlende Perspektiven zu einer Verelendung, die nur schwer auszuhalten ist.“

Die Stadt will deshalb weitere 550 Unterkunftsplätze schaffen – zum Teil in Flüchtlingswohnheimen. Gleichzeitig hat sich die Flüchtlingssituation mit Nichten entspannt. Bis zum Sommer erwartet Hannover etwa 160 Flüchtlinge monatlich. Inzwischen wird sogar ein Unterbringungsengpass befürchtet. Verstärkt wird dieser durch die im Sommer anstehende Räumung der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Maritim-Hotel. Das Gebäude soll dann ausgebaut und wieder als Hotel genutzt werden. Offenbar verhandelt die Stadt aber mit dem Eigentümer jetzt über eine Verlängerung der derzeitigen Nutzung als Unterkunft.

Zudem denken Verwaltung und Politik darüber nach, den Deutschen Pavillon als Notunterkunft für Flüchtlinge zu reaktivieren (NP berichtete). „Allerdings nur zur Überbrückung“, betont Bauexperte Lars Kelich. „Konkret geht es um etwa 360 Menschen, die im Sommer anders als geplant untergebracht werden müssen.“ Der Grund: Die für sie in Auftrag gegebenen Modulbauten – das sind hochwertige Containerunterkünfte für bis zu 120 Personen – werden nicht rechtzeitig fertig. „Etwa fünf Stück werden bis Mai unter anderem an der Dorotheenstraße aufgestellt. Für drei weitere, unter anderem an der Mecklenheidestraße, haben wir noch keinen Termin“, so Kelich.

Für Obdach- und Wohnungslose sind das alles aber keine Dauerlösungen. Das weiß auch die Stadt. Sie will durch die Schaffung von 2000 Wohnungen mit Belegrecht für Wohnungslose bis 2020 Menschen von der Straße zurück ins Leben helfen. Zum Vergleich: 2016 gab es noch 19  174 solcher Wohnungen. Ende 2017 waren es nur noch 18 915. Reicht das? „Der soziale Wohnungsbau ist in den vergangenen Jahren zu wenig berücksichtigt worden“, kritisiert Diakonie-Chef Müller-Brandes. Hannover brauche dringend kostengünstige kleine Wohnungen. „Wohnungslose stellen sich bei einer freien Wohnung hinten in der Schlange an und haben so gut wie keine Chance, die Wohnung zu bekommen.“

Von Britta Lüers und Simon Polreich

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