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Meine Stadt Das Drama um Hund Chico und seine Besitzer
Hannover Meine Stadt Das Drama um Hund Chico und seine Besitzer
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16:03 09.04.2018
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Hannover

„Was geschehen ist, macht mir Gänsehaut. Niemand hätte sterben müssen!“ Hundetrainerin Wiltrud Remstedt ist fassungslos. Auf den in der NP abgedruckten Fotos hat sie den Staffordshire-Terrier-Mischling Chico wieder erkannt, der am Dienstag seine Besitzer im Roderbruch zu Tode biss. „Dieser Hund war eine Zeitbombe“, sagt die 62-Jährige. „Das habe ich selbst erlebt.“

2011 schon, als Chico gerade ein Jahr alt war, hatten die Betreuer von Mutter und Sohn (beide schwer krank) sich an die Besitzerin der Hundeschule in Oerie (Pattensen) gewendet. Sie  brachten den Terrier zu ihr. Kaum aus dem Auto geholt, soll Chico wie wild getobt und versucht haben, sich auf die Trainerin zu stürzen. Der Sohn, kleinwüchsig und schmächtig, war  kaum in der Lage, ihn von dem Angriff abzuhalten.

Remstedt schickte an Betreuer und Halter einen Brief mit der Empfehlung, „den Hund ab sofort ausschließlich mit kurzer Leine und Maulkorb zu führen“. Mangelnde Sozialisierung und eine mangelnde Prägephase, so ihr Eindruck, hätten aus dem Vertreter einer Rasse, die in Amerika zur Therapie bei Kindern eingesetzt wird, eine Kampfmaschine gemacht. Die Hundetrainerin legte Halter und Betreuer nahe, Chico dem städtischen Veterinäramt „zur Begutachtung“ vorzustellen.

Laut NP-Infos hatte sich die gesetzliche Betreuerin des Sohnes schon ein halbes Jahr zuvor an die Stelle gewandt und berichtet, die Zustände mit dem Hund in der Wohnung seien „unhaltbar“. Den Eindruck hatten auch Nachbarn. Der Hund habe keinen Besucher in die Wohnung gelassen, sagen sie. Der Sohn habe Chico zuvor in einem Stahlkäfig im Kinderzimmer sperren müssen. Meist sei er nachts mit ihm ausgegangen, oft habe das Tier seine Notdurft auf dem Balkon verrichten müssen.

„Die Haltung war nicht gut – aber es gibt Schlimmeres“, fanden die Tierschützer, die 2014 ebenfalls nach Hinweisen von Nachbarn unangemeldet Mutter, Sohn und Hund besuchten. Tierheim-Chef Heiko Schwarzfeld kennt die Aktennotiz. Chico sei in ordentlichem Zustand gewesen; die Wohnung habe weder nach Urin noch nach Kot gerochen. Dass der Hund draußen mit Maulkorb unterwegs sei, habe für die Verantwortung seines Halters gesprochen.

Aber hat diese Verantwortung wirklich jeder gezeigt? Die Stadt hatte bislang versichert – so ihr Sprecher Udo Möller – ihr sei in den vergangenen fünf Jahren kein Hinweis auf die Aggressivität Chicos bekannt geworden. Mag stimmen – die Hinweise sind schließlich sieben Jahre her. Genervt vom Gefühl, sie rennen gegen Wände, sollen die Betreuer in der Zwischenzeit gewechselt haben. Nachbarn gewöhnten sich ans Bellen und Jaulen und dass der Vierbeiner bei Spaziergängen zuweilen die Zähne fletschte.

Der Sohn Liridon war mit der Erfahrung von Gewalt groß geworden. Wiederholt hatte sein Vater die Mutter attackiert und angegriffen. Später, nach der von ihr eingereichten Scheidung, verletzte der Vater sie mit einer Axt so schwer, dass sie fortan im Rollstuhl saß und kaum sprechen konnte. Eine herzensgute Person sei sie gewesen, die den Sohn „abgöttisch“ geliebt habe, heißt es.

Wer Gewalt erlebt und nicht richtig verarbeitet hat, gibt diese laut Studien oft weiter. An die Mutter? An den Hund? Da bleiben Fragzeichen. Apathisch sei Chico im Tierheim, beobachtet Heiko Schwarzfeld. Weil man nicht wisse, was den Schlüsselreiz für die tödlichen Bisse auslöste (ein Streit, ein möglicher Tumor im Kieferraum und Schmerzen), bleiben alle auf Abstand. Im Tierheim, so der Chef, gehen inzwischen Hunderte von Petitionen ein. Chico dürfe nicht eingeschläfert werden, fordern die Unterzeichner. Aber das Ende für dieses Tier, das erst Opfer und dann Täter wurde, ist unausweichlich.

„Zeitnah“ werde Chico eingeschläfert, so Stadtsprecher Udo Möller. Die Stadt, von der NP auf die Hinweise aus dem Jahr 2011 angesprochen, räumt ein, Maßnahmen zur „Feststellung der Gefährlichkeit des Hundes und Untersagung der Hundehaltung aufgrund fehlender Eignung des Halters“ seien nicht umgesetzt worden. Und : „,In dieser Untätigkeit liegt ein gravierendes Versäumnis.“

Die lange Geschichte dieses Dramas

Sie wurde nur 52 Jahre alt und hat unfassbares Leid erlebt. Schon einmal hätte Lezime K. fast ihr Leben verloren. Damals, 2005, hatte ihr Mann nach einem Gespräch über die von ihr eingereichte Scheidung eine Axt unter seiner Kleidung hervorgeholt und diese gegen ihren Kopf geschlagen. Nur ein einziger Hieb – aber fortan war die Mutter von vier Kindern gezeichnet fürs Leben.

Die Familie, damals bestehend noch aus Mutter, Vater und dem Sohn, war 1992 aus dem Kosovo nach Deutschland eingereist und hatte im Allgäu  um Asyl gebeten. Das wurde ein Jahr später anerkannt.
Der Sohn war schwer krank. Kleinwüchsig, schmächtig, unter Leukämie leidend. Eine Lunge musste transplantiert werden. „Die Ehe hatte einen unglücklichen Verlauf genommen“, stellte später das Verwaltungsgericht Augsburg fest. Die Krankheit des Sohnes sei eine zusätzliche starke Belastung gewesen.

Der Vater rastete immer häufiger aus. Lezime K., die inzwischen drei weitere Kinder geboren hatte, flüchtete nach Hannover ins Frauenhaus, erwirkte eine Verfügung, die ihrem Mann untersagte, sich ihrer Wohnung bis auf eine Entfernung von unter 150 Metern zu nähern, ein Zusammentreffen mit ihr herbeizuführen oder Verbindung zu ihr aufzunehmen. Durch Zufall sah ihr Mann sie. Vor Passanten in Kleefeld schlug der Albaner (damals 47) mit der Axt auf seine Noch-Frau ein. Er gab ihr die Schuld. „Sie hat mich psychisch verrückt gemacht und mich zu meiner Tat gezwungen.“ Das Landgericht Hannover verurteilte Musa K. zu zehn Jahren Haft. Den Axt-Angriff bewertete das Schwurgericht nicht als Mord aus Heimtücke, sondern als versuchten Totschlag.  Laut der NP vorliegenden Unterlagen erlitt Lezime K. „eine lebensbedrohliche tiefe Schädelfraktur“. Sie konnte trotz OP und langer Reha kaum sprechen, saß fortan im Rollstuhl, wurde betreut.

Ihren Ex-Mann  wies das Landratsamt Ostallgäu aus der Bundesrepublik aus. Die Asylberechtigung war ihm zuvor entzogen worden. Er soll (nach vergeblicher Klage gegen den Bescheid) in den Kosovo abgeschoben worden sein.

Ein Kommentar von NP-Redakteurin Vera König

Die Obduktion hat Klarheit gebracht. Chico, der acht Jahre alte Staffordshire-Terrier-Mischling, hat sein Herrchen (27) und dessen im Rollstuhl sitzende Mutter (52) gebissen – und damit getötet. Der acht Jahre alte Rüde, der ziemlich apathisch im Tierheim Hannover hinter Gittern hockt, wird sehr wahrscheinlich eingeschläfert. Wer will schon diesen Hund bei einer solchen Vorgeschichte?

Am Ende dieses Dramas im Roderbruch sind also alle Opfer, einschließlich des vierbeinigen Täters. Den haben erst die Umstände, unter denen er aufwuchs, zur Zeitbombe gemacht. In einen Stahlkäfig in der Wohnung gesperrt, spazieren geführt von einem Mann, der körperlich überhaupt nicht die Kraft hatte, ihn zu bändigen. Angeschafft, weil Mutter und Sohn offenbar Todesangst vor dem als Gewalttäter verurteilten Partner und Vater hatten. Der Hund, der sie schützen sollte, hat sie am Ende getötet.

Das ist bitter. Da müssen sich viele fragen und fragen lassen, ob sie genug getan haben, um dieses Drama zu verhindern. Allen voran die Mitarbeiter des Veterinäramtes, denen Hinweise auf Chicos Aggressivität angeblich bekannt waren, seit er  ein Welpe war. Sind Kontrollen unterblieben? Hätte man den Hund therapieren können und müssen? Wäre es nicht zwingend gewesen, ihn rechtzeitig anders unterzubringen?

Bei korrektem Umgang mit Hinweisen und geäußerten Sorgen hätte niemand sterben müssen. Am Ende auch Chico nicht.

Vera König

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