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Meine Stadt Das Chaos hat heute Geburtstag - 30 Jahre Chaostage
Hannover Meine Stadt Das Chaos hat heute Geburtstag - 30 Jahre Chaostage
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14:20 18.12.2012
DIE SCHILDKRÖTE: Bei diesen Straßenschlachten musste sich die Staatsmacht 1995 regelrecht einigeln. Quelle: Rainer Dröse
Hannover

Computer waren so groß wie Einbauschränke. Schlagersängerinnen schämten sich noch nicht ihrer Achselbehaarung. Das waren die 70er und 80er Jahre - es war die Zeit, in der die Punk-Bewegung entstand. Und es mutet wie eine Ironie der Geschichte an, dass die Idee für die Chaostage im Kursaal von Bad Honnef (Nordrhein-Westfalen) geboren wurde - einem Ort, der auf der Skala deutscher Spießigkeit sicher weit oben gelandet wäre. Jello Biafra von der Punkband Dead Kennedy rief am 16. Dezember 1982 zu dem Chaostag auf, der zwei Tage später in Hannover stattfinden sollte - eine Aktion, die sich gegen die Punker-Datei der hannoverschen Polizei richtete. Die Behörde sammelte Informationen über die Außenseiter, auch wenn sie nicht in Straftaten verwickelt waren.

Die Idee der Chaostage war, durch eine Zusammenballung vieler Menschen, egal, ob Punk oder nicht, die Datei zu sprengen. Zwei Tage später zogen mehrere Hundert Punks durch Hannover. Das Ganze hatte operettenhafte Züge und war weit von der Randale der späteren Jahre entfernt. „Das war ganz niedlich. Wir liefen durch die Kaufhäuser und rissen ein paar Sachen aus den Auslagen“, erinnert sich Peter Ahlers, Bassist der hannoverschen Punkband Blitzkrieg. Bis auf ein paar Scharmützel mit der Polizei sei nichts passiert.

Im Juni 1983 gab es dann die ersten „offiziellen“ Chaostage. Mitinitiator Karl Nagel schwebte eine Vereinigung von Punks und Skinheads vor. Wie Karl Nagel in einem Internet-Blog schreibt, misslang diesesVorhaben: „Diesmal gehen die Nazisunter den Skins geschickter vor und schaffen es, fast alle Skins in eine Konfrontation mit den Punks zu treiben.“

Am ersten Augustwochenende 1984 kam es zu den ersten heftigen Auseinandersetzungen bei den Chaostagen. Punks und Skinheads gerieten in der City aneinander. Die Punks zogen sich in das Unabhängige Jugendzentrum (UJZ) Glocksee zurück und wurden dort von der Polizei eingekesselt. Die Polizei setzte Tränengas ein. In Panik zerlegten die Punks das Café des Jugendzentrums.

Polizei und Punks - von Anfang an war das keine harmonische Beziehung. Die Sicherheitsbehörden konnten mit der Protestkultur dieser Jugendbewegung nichts anfangen. Am deutlichsten wird das bei der Phantom-Band P 38. Das Kürzel war die Bezeichnung für den Waffentyp, den die linksextremistischen Roten Brigaden in Italien verwendeten. Der Staatsschutz vermutete terroristische Aktivitäten der „Band“. „Der Name war eine reine Provokation. Die Band ist genau einmal aufgetreten, im Sommer 1980 im Zoo“, erinnert sich Klaus Abelmann, letzter Überlebender von P 38 und heutiger Sprecher der Region Hannover. Allerdings hätte sich der Staatsschutz bei Textzeilen wie „Wir werden euch schlagen, auf den Kopf und in den Magen“, denken können, dass es nur um pure Ironie ging. Aber der Staat verstand keinen Spaß. Giovanni di Lorenzo (heutiger Chefredakteur der „Zeit“) erklärte das Phänomen „P 38“ in der NP. „Das war die größte Berichterstattung in der NP, die es je über eine Band gegeben hat. Größer als über die Rolling Stones“, sagt Abelmann.

Es wurde ruhiger um die Chaostage. Im August 1994 fanden sie wieder statt. Und die Wunden waren immer noch tief. Karl Nagel verweigerte der NP ein Interview zum 30. Jahrestag der Chaostage, weil die Zeitung ein „Schutt-und-Asche-Märchen in die Welt posaunt“ hätte. In der Tat stürzten sich die Medien auf das Phänomen Chaostage und setzten die Sicherheitsbehörden unter Druck. Am Abend des 6. August 1994 stürmte die Polizei das Sprengelgelände in der Nordstadt und nahm 400 Besucher fest.

Bundesweit in die Schlagzeilen geriet Hannover allerdings am ersten Augustwochenende 1995. Vor allem die Plünderung eines Penny-Markts in der Nordstadt am 4. August ist im kollektiven Gedächtnis der Stadt hängengeblieben. Solche Zustände kannte man vielleicht aus Südamerika, aber nicht aus Hannover. Aber hatte das noch etwas mit Punk zu tun? Für David Spoo, einen Punk der ersten Stunde in Hannover, eindeutig nicht. Er wohnte damals in der Nordstadt und hat das Geschehen „wie ein Opa am Fenster“ verfolgt. Seine Einschätzung: „Das war wie eine Facebook-Party, die aus dem Ruder gelaufen ist.“ Auch viele Leute, die mit Punk nichts am Hut hatten, plünderten den Penny-Markt.

Danach war die Staatsgewalt besser gewappnet. 1996 war Hannover mit 10000 Polizisten komplett abgeriegelt. Lediglich wenige hundert Punks waren dem Ruf nach Hannover gefolgt. Kritiker sprachen damals angesichts des massiven Polizeiaufgebots von „Ordnungstagen“.

Seitdem leben die Chaostage von ihrem legendären Ruf. Die Wirklichkeit blieb aber hinter den Erwartungen zurück. So wie in München 2002. Als Protest gegen den CSU-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber geplant, fiel der Chaostag aus, weil kaum jemand anreiste.

Laut Wikipedia will Karl Nagel 2022 noch einmal die Chaostage organisieren und zeigen, „wie das mit dem Chaos richtig funktioniert“. Es erübrigt sich zu sagen, in welcher Stadt das wohl sein wird.

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