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Armut im Alter: Dieses Foto gehört zu der Ausstellung der Awo im Rathaus Langenhagen. Die Fotografin Cynthia Rühmekorf aus Bonn studierte in Hildesheim Grafik und Design mit dem Schwerpunkt Fotografie.

Altersarmut

Das Alter als Armutsfalle

Die Altersarmut wächst, 16,1 Prozent der über 65-Jährigen in Niedersachsen gelten als arm. Immer mehr Senioren – auch in Hannover – sind auf staatliche Leistungen angewiesen.

Hannover. Doch häufig schämen sie sich dafür, und so kommt auf einen Bezieher der sogenannten Grundsicherung „mindestens einer, der die Leistung nicht beantragt“, obwohl er darauf angewiesen ist und sie erhalten würde, sagt Silke Oppenhausen von der Awo in Hannover.

Dass der Renteneintritt ohnehin mit Einbußen verbunden ist, darauf macht die Caritas Hannover aufmerksam. Zu Schuldnerberater Matthias Wenzel kommen immer mehr ältere Menschen. Viele seien verschuldet und könnten mit den geringeren Einkünften ihre Kredite nicht mehr abzahlen – das Alter als Armutsfalle. Zwar winkt Rentnern 2016 ein Rekordanstieg ihrer Bezüge – aber eben nicht, wenn sie arm sind.

Immer mehr Senioren
müssen ihr Einkommen
sogar mit einem 450-Euro-Job aufbessern. Vor zwölf Jahren waren es knapp 533 000, die einen Minijob hatten – im März 2015 waren es laut Bundesregierung fast 904 000.

Wenn das Leben in Armut endet ...

58 Jahre alt, alleinstehend, 3,5 Millionen Euro Schulden – dass ihr Leben kurz vor der eigentlich wohlverdienten Rente mal so aussehen würde, das hatte sich Monika S. (Name geändert) in den schlimmsten Albträumen nicht ausgemalt. Die Frau war mehr als 20 Jahre mit einem – bis dato – erfolgreichen Unternehmer verheiratet, sie hatten zwei Kinder. Monika S. war für die Kindererziehung und den Haushalt zuständig und ließ sich als Geschäftsführerin des Unternehmens eintragen. Ohnehin vertraute sie ihrem Mann blind. Im Geschäfts- wie auch im Privatleben – in beiden Fällen wurde sie schwer enttäuscht. Die Armutsfalle schloss sich um die Frau kurz vor dem Rentenalter.

„An ihrem 58. Geburtstag übergab ihr Mann ihr sein Geschenk – und die Ansage, dass er eine andere habe“, berichtet Matthias Wenzel, Schuldnerberater der Caritas in Hannover. Auf diesen harten Schlag folgte der nächste: Kurze Zeit später erfuhr sie, dass der untreue Gatte ein Insolvenzverfahren als Privatmann laufen
hatte – um sich nach sieben Jahren entschulden zu können. Monika S. aber stand eine Verbraucherinsolvenz als Geschäftsführerin nicht offen. So stand sie plötzlich mit 3,5 Millionen Euro Schulden da. „Nicht einmal die Altersvorsorge, die ihr Mann versprochen hatte, war vorhanden“, empört sich Wenzel. Die einst vermögende Unternehmersfrau wird eine Grundsicherung beantragen müssen, wenn sie in Rente geht. Grundsicherung, das heißt Hartz-IV-Niveau. Bis dahin muss sie Arbeit finden, um wenigstens einen kleinen Teil der Millionenschulden zurückzahlen zu können.

Dieser Sturz von reich zu arm mag ein besonders krasser Fall sein. Aber Armut im Alter droht vielen Menschen – „vor allem, wenn sie nicht vorgesorgt haben und wenn sie ihre Schulden noch nicht abgetragen haben“, erklärt Ralf Henneberg, zuständig für Seniorenangelegenheiten in der Gemeinde Isernhagen. Henneberg sieht täglich, was den Menschen passiert, die sich nicht auf ihre Zeit im Ruhestand vorbereitet haben: „Die Rente muss versteuert werden, man muss seine Krankenversicherung bezahlen, es gibt Dienstleistungen, die aufgrund des Alters eingekauft werden müssen, es gibt individuelle Probleme wie Scheidungen oder gesundheitliche Schicksalsschläge – alles Faktoren, die teuer werden. Wenn man dann den Kredit noch bedienen muss, den man mit seinem Lohn bezahlen konnte, schnappt die Falle zu.“

Gerd Lewin, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Steuerrecht, kennt vor allem jene Fallen, in die Menschen gehen, die ihr Leben lang selbstständig waren, die phasenweise gut verdienten, dann aber Einbrüche hatten, die nicht aufgefüllt wurden. Dieses Beispiel findet er besonders dramatisch: „Die Frau ist heute 75 Jahre alt, war ihr Leben lang im Gesundheitswesen selbstständig. Sie sorgte für ihr Alter vor, indem sie Immobilien kaufte.“ Doch dieser Plan funktionierte irgendwann nicht mehr. Es gab hohe Aufwendungen für die Wohnungen, es gab Mietausfälle, „ein Mietnomade brach ihr finanziell das Genick“. Aus der privaten Krankenversicherung ist sie rausgefallen, weil sie die Beiträge nicht mehr bezahlen konnte. Da sich die alte Dame nicht einmal mehr die Basisversorgung der Krankenkasse leisten kann, ist sie eben nicht mehr krankenversichert. „Und das mit 75 Jahren“, so Lewin.

Die Arbeitsmarktreformen aus der Schröder-Ära, wie Ich-AGs (wurde übrigens 2002 zum Unwort des Jahres), Hartz IV, aber auch meist nicht funktionierende Modelle wie die Riester-Rente (die beispielsweise auf die Grundsicherung angerechnet wird) hätten die Situation verschärft, sagt Lewin. Vor allem die Ich-AG, die 2006 auslief, die die Schwarzarbeit bekämpfen und Arbeitslosen helfen sollte, ein Einzelunternehmen aufzubauen, habe sich im Nachhinein für viele als Irrweg herausgestellt. „Man verlässt die Solidargemeinschaft, muss sich selbst versichern, trägt das ganze Risiko. Viele Selbstständigkeitsmodelle funktionieren nicht mehr, wenn die Zinsentwicklung sich verändert, wenn die Zahlungsfähigkeit von Kunden nachlässt oder man krank wird“, konstatiert Henneberg – oder man Steuerschulden beim Finanzamt hat, „denn der Fiskus kann einen zwingen, seinen Dispo auszureizen, um die Steuerschulden zu bezahlen. Das treibt den Schuldenberg natürlich hoch“, berichtet Wenzel.

Und es trifft eben auch normale Angestellte, die ihr Leben lang verdient, Kredite aufgenommen und auch bedient haben. Solange es eben ging. Schuldenberater Wenzel sieht hier „eine Kreditumschuldungsspirale, die oft „bis zum Rentenalter leidlich funktioniert, aber dann eben nicht mehr“. Zehn Prozent der Haushalte in Deutschland seien überschuldet, weiß Wenzel. Davon viele Haushalte, in denen die Rentner von morgen leben: „Da kommt einiges auf uns zu.“ Petra Rückerl

Ausstellung: Der Armut 
ins Gesicht schauen

Die steigende Altersarmut nimmt die Awo Region Hannover zum Anlass, mit einer Fotoausstellung unter dem Motto „Arm, Ärmer, Alt“ auf das gesellschaftliche Problem aufmerksam zu machen. Die Fotos der Fotografin Cynthia Rühmekorf werfen einen Blick auf die Lebenswirklichkeit Betroffener.
Die Ausstellung ist im Auftrag des sozialen Bündnisses Schleswig- Holstein (AWO, SoVD und DGB) entstanden.
Die Auftaktveranstaltung findet am 9. November um 11 Uhr im Rathaus Langenhagen, Markt-platz 1, statt. Die Ausstellung läuft bis zum 13. November. Interessierte Gruppen und Schulklassen können Führungen anfordern. Anmeldung bei Christiane Behrendt unter 
0511/81 14 277 oder christiane.behrendt@
 awo-hannover.de


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Hannover in Zahlen

  • Bundesland: Niedersachsen
  • Landkreis: Region Hannover
  • Fläche: 204,14 km²
  • Einwohner: ca. 550.000
  • Bevölkerungsdichte: 2552 Einwohner je km²
  • Postleitzahlen: 30159 - 30669
  • Ortsvorwahl: 0511
  • Kfz-Kennzeichen: H
  • Lage: 52° 22´ N / 9° 43´ O
  • Wirtschaft: Firmendatenbanken
  • int. Flughafenkürzel: HAJ
  • Stadtverwaltung: Trammplatz 2
     30159 Hannover
     Telefon: 0511 168-0
  • Oberbürgermeister: Stefan Schostok