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Meine Stadt Brennpunkt Canarisweg: Weltausstellung einmal anders
Hannover Meine Stadt Brennpunkt Canarisweg: Weltausstellung einmal anders
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11:46 29.09.2010
Am Canarisweg reiht sich Hochhaus an Hochhaus. Bis zu 170 Parteien wohnen in jedem der Gebäude. Quelle: Dröse
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Hannover. Manchmal lässt sich an einem einfachen Satz viel erkennen über Lebenswirklichkeiten. Wie die subjektive Wahrnehmung sich von dem unterscheidet, was die Gesellschaft als normal ansieht, zum Beispiel. Wenn Saman Sulaiman in seinem Kiosk am Canarisweg steht, in einem Durchgang zwischen zwei Hochhäusern, und etwa sagt: „Hier passiert nie irgendwas.“ Dann klingt das gut. Dann klingt das nach friedlichem Miteinander, keinem Stress unter den 1100 Menschen, die hier wohnen, die meisten in einem der 14-stöckigen Gebäude mit fast 170 Parteien. Spannend wird, wenn der 20-Jährige, umrahmt von Wasserpfeifen, Zigaretten und kleinen Schnapsflaschen, die Erklärung dafür nachreicht: „Wenn sich hier die Kids auf die Fresse hauen, gehen die Älteren dazwischen und stoppen das.“ Es passiert also durchaus was. Es ist nur nichts Besonderes.

Der Canarisweg gehört zwar zum Mühlenberg, ist aber durch die Bornumer Straße radikal abgetrennt vom Stadtteil. Hohe Bäume verwehren den Blick auf die Siedlung. Die Straße mit ihren Bewohnern, sie ist ein bisschen wie Weltausstellung, nur kauft keiner freiwillig Eintrittskarten. Sie fällt in den Wahlbezirk 4201, zusammen mit Teilen zweier Straßen auf der gegenüberliegenden Seite der Bornumer Straße. Im Bezirk leben knapp 1600 Menschen, mehr als zwei Drittel haben einen Migrationshintergrund, 683 keine deutsche Staatsangehörigkeit. Deutsch ist hier der kleinste gemeinsame Nenner für Menschen aus über 50 Nationen. Auf einem Balkon hängen Orienttepiche zum Trocknen, auf dem nächsten steht eine goldene Winkekatze, wie man sie aus China-Tand-Läden kennt, aus der Balkontür daneben dröhnt russische Musik. Alltag.

Alltag ist es auch, wenn täglich 30 bis 60 Leute zur Essenausgabe am Canarisweg 11 kommen. Seit fast zehn Jahren gibt es hier kostenlos eine warme Mahlzeit – Schweinefleisch kommt auf Wunsch der Mitbewohner nicht auf den Tisch. Hühnchen dafür schon, Nawal Oschnao befüllt den Teller eines kleinen Jungen, der mit seinem Vater gekommen ist. „Für dich heute auch?“, fragt die 30-Jährige, der Mann schaut zu Boden, als er „Ja“ sagt. Barbour steht auf seiner Jacke, auf den Schuhen Lacoste, auf der Jogginghose Adidas. Auf seinem Teller könnte „Die Tafeln“ stehen, die haben, neben anderen Spendern, sein Essen organisiert.

Oschnao kommt aus dem Irak, sie war sechs Jahre in Russland und kann sich in acht Sprachen verständigen. Anfangs kam sie selbst mit ihrem Kind, jetzt arbeitet sie bei der Essensausgabe, ist weggezogen. „Die meisten ziehen weg, sobald sie können“, sagt Edda Raabe, Quartiersmanagerin am Mühlenberg. Der Canarisweg ist oft die erste Adresse für Zuwanderer, entsprechend schlecht sind deren Sprachkenntnisse, Einkommen und Zukunftsaussichten. Es gibt dann zwei Möglichkeiten: sich in einem fremden Land einfinden, integrieren könnte man sagen, das klingt dann politisch korrekt. Oder sich isolieren, abwarten.

Raabe kämpft gegen diese Isolation der Anwohner, genau wie Carsten Tech, der das Projekt Nachbarschaftsarbeit verantwortet. Für die Arbeit hat die Wohnungsvermietung Gagfah, der die Hochhäuser gehören, Wohnungen zur Verfügung gestellt. Ein Internetcafé haben Tech und sein Team dort aufgemacht, Hausaufgabenhilfe, einen Kids-Club, ein Fitness-Studio. Und tatsächlich: Einige nutzen die Angebote.

Mican (22), Przemek (27) und Jakow (58) sitzen am frühen Nachmittag zwischen den Sporträumen und spielen Karten. Ein Kurde, ein Ukrainer, ein Pole. Mican passt auf, dass es keine Probleme gibt, die seien aber auch eher unüblich. „Die Leute kommen zum Trainieren und gehen dann wieder“, sagt er. Kommen alle? „Ach, das geht bei so vielen doch gar nicht.“ Aber es kommen alle zurecht? „Klar, wenn viele Leute zusammenleben, die so unterschiedlich sind, gibts mal Ärger. Aber es wissen alle, dass es nur geht, wenn man ruhig bleibt.“
Das findet Gülsüm auch, die mit einer Freundin aus der Stadt kommt. Beide tragen Kopftuch, beide sprechen gebrochenes Deutsch.

„Man muss lernen“, sagt die 21-Jährige, „sonst ist man raus.“ Wie ihre Mutter: „Die spricht kein Deutsch und will es auch nicht.“ Verstehen kann Gülsüm das schon: „Sie hätte keine Chance, es bringt ihr nichts.“ Gülsüm reicht, sich verständigen zu können. „Meine Freunde sind ja auch Türken“, sagt sie.

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