Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Alter Blitzer-Bulli in Hannover aufgetaucht
Hannover Meine Stadt Alter Blitzer-Bulli in Hannover aufgetaucht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:08 14.02.2019
VERTRAUTER PLATZ: Der frühere Polizist Heinz Scholze (89), der sich selbst gern noch Schutzmann nennt, sitzt in dem Bulli, in dem er vor fast 60 Jahren geschult wurde, an einer alten Radaranlage aus den 50er-Jahren. Quelle: Fotos: Dröse/dpa
HANNOVER

Heinz Scholze redet nicht lange drum herum. „Ja selbstverständlich bin ich auch mal geblitzt worden“, sagt der 89-Jährige und lacht. Er war zusammen mit einem Kollegen auf dem Rückweg von einem Lehrgang in Berlin. „Ich habe den Kollegen nach Nienburg gebracht, wir quatschten so miteinander, und schon hatte ich das Ortseingangsschild übersehen“, erinnert er sich an seinen einmaligen Ausrutscher. In einer Tempo-50-Zone wurde er mit 83 Stundenkilometern erwischt: „Das bedeutete Bußgeld und vier Wochen Fahrverbot. Seitdem gucke ich sehr genau auf den Tacho.“

Dabei ist Scholze ein Mann, der schon immer besonders aufs Tempo geachtet hat: Der gebürtige Lausitzer war 40 Jahre lang Polizist, 1961 gehörte der damalige Polizeihauptwachtmeister zu den Teilnehmern des zweiten Radarlehrgangs in Niedersachsen, bei dem die ersten Polizisten für den Einsatz mit der damals neuen Radartechnik fit gemacht wurden (siehe unten). Zwei Wochen lang wurde er in Nienburg geschult, wie man das Gerät, eingebaut in den alten Bulli, bedient und korrekt eine Ge­schwindigkeitsmessung durchführt. „Das war sehr spannend, die Technik war ja noch völlig neuartig“, erinnert sich Scholze.

Heinz Scholze steht in historischer Uniform und Winkerkelle vor dem 66 Jahre alten T1 VW-Bulli in der Oldtimersammlung von VW-Nutzfahrzeuge. Der damalige Polizeihauptwachtmeister und spätere Hauptkommissar gehörte zu den Teilnehmern des "2. Radarlehrgangs" im Jahr 1961 in Niedersachsen. Quelle: dpa

Volkswagen Nutzfahrzeuge (VWN) organisierte nun das Veteranentreffen von Bulli und Bulle, passend zum 60. Jubiläum der Radarmessung in Deutschland. Denn im vergangenen Herbst erreichte Tobias Twele, Projektleiter von VWN Oldtimer, ein ganz besonderer Anruf. Ein Kfz-Meister aus Hannover wollte einen alten Bulli von 1953 im Originalzustand verkaufen. Sein Vater hatte den Wagen vor Jahrzehnten von der Polizei erworben und es nie geschafft, ihn zu restaurieren – 54 Jahre lang stand das Schmuckstück dann in Scheunen und Garagen in Lenthe, Empelde und Badenstedt herum. Das Baujahr ließ den Fachmann schon aufhorchen, dann entdeckte er auf zugesandten Fotos auch noch dieses merkwürdige Loch im Heck. Sofort habe er geahnt, dass es sich bei diesem Transporter der ersten Generation (T1) um etwas ganz Besonderes handeln könnte – und zwar nicht nur wegen der Tatsache, dass der Transporter zu den ersten 100 000 gebauten Exemplaren gehört. Der aufgeregte Twele stieg umgehend in die Recherche ein, nach ein paar Telefonaten, unter anderem mit dem niedersächsischen Polizeimuseum, war klar: Es muss ein alter Polizeibulli sein, mit dem einst Radarmessungen durchgeführt wurden.

Der Bulli ist ein echter Hannoveraner

Bei dem Transporter handelt es sich übrigens um einen echten Hannoveraner: Von 1953 bis 1961 war der Bulli – damals noch im klassischen Grün lackiert – im Streifendienst auf den Straßen der Landeshauptstadt unterwegs. Von 1961 bis 1964 dann diente er der „Ausbildungsstelle für Technik und Verkehr“ der niedersächsischen Polizei als Schulungsfahrzeug für Radarmessungen. Das Blitzgerät wurde im Heck hinter einer verstellbaren Verschlussklappe versteckt, im Laderaum des nun hellblau lackierten Wagens war auf einem Schreibtisch die Radaranlage VRG2 aufgebaut. Rund zwei Wochen dauerte damals der Einführungskurs die Radartechnik und weitere neue Technologien.

Im Innenraum des Bullis verbrachte Scholze, der in 40 Jahren bei der Polizei (unter anderem zwölf Jahre an der A 2 bei der Autobahnpolizei) bis zum Hauptkommissar aufstieg, „mutterseelenallein“ lange Stunden und notierte die geblitzten Autofahrer per Hand. Tausende Messungen habe er im Lauf der Jahre durchgeführt. Das schult natürlich: „Irgendwann habe ich das Tempo schon mit bloßem Auge sehr genau abschätzen können“, erzählt Scholze, der mit seiner Frau in Neustadt am Rübenberge wohnt. Oft habe er bei seinen Einsätzen die üblichen Ausreden von Temposündern zu hören gekriegt: Frau bekommt ein Baby, Schild übersehen. „Was die nicht alles erfunden haben“, sagt er und lacht verschmitzt.

So sah der Blitzer im Innern des Bulli aus. Quelle: Rainer_Droese

Bei VWN war die Freude über den Scheunenfund groß – zumal der Bulli (25 PS, Neupreis 6750 Mark, rund 65 000 Kilometer gelaufen) für sein Alter großartig in Schuss ist. Öl und Zündkerzen wurden gewechselt, eine neue Batterie eingebaut – und schon lief der alte Boxermotor wieder. Weiter restauriert wird der T1 (erkennt man an der getrennten Frontscheibe) nicht, der authentische Charme des Fahrzeugs soll erhalten bleiben, findet Oldtimer-Experte Twele. Die kleinen Roststellen an der Karosse und sogar der Staub der Jahrzehnte „gehören zum Bulli dazu“, betont er. Nur die originale Innenausstattung war nicht mehr dabei und wurde nun nachträglich eingebaut, die Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig (PTB) lieferte eine baugleiche VGR2-Radaranlage von Telefunken dazu. Auch diese ist immer noch in bester Verfassung – und überraschenderweise nach all den Jahrzehnten genauer als früher. Wie „ein guter Wein“ sei die Messanlage noch „besser geworden“, konstatiert Frank Märtens von der PTB. Auch heute könnte sie noch eingesetzt werden.

Der Bulli geht jetzt in die Oldtimer-Sammlung von VWN ein. Ab 10. April wird der T1 auf der Techno Classica in Essen gezeigt.

Von INKEN HÄGERMANN

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!