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Meine Stadt Bibliotheken machen gemeinsame Sache
Hannover Meine Stadt Bibliotheken machen gemeinsame Sache
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19:58 24.10.2013
Irina Sheps von der Jüdischen Bibliothek.
Hannover

Warum haben Verfolgte auf der Flucht Bücher in den Koffern?

Bücher kommen gleich nach Kindern. Als erstes rettest du die Familie, dann die Literatur. Brecht, der vor den Nazis floh, beschreibt das in seinen Flüchtlingsgesprächen sinngemäß so: Wenn man im sicheren Kopenhagen sitzt, geht die Debatte über das Komma bei Shakespeare weiter.

Welche Funktionen übernehmen Migrantenbibliotheken?

Sie sind für Einwanderer und Aufnahmegesellschaft ein Angebot, der Provinzialität des Kirchturmdenkens zu entgehen. Für migrantische Neubürger bedeutet es eine Selbstvergewisserung über Herkunft, Muttersprache und Bi-Kulturalität. Die Bereicherung für Hannover besteht in der Entstehung einer neuen Gesellschaft, die in der Lage ist, ihre Daten, Informationen und Publikationen weltumspannend in Echtzeit auszutauschen.

Welche Idee steckt hinter dem internationalen Bibliotheksverbund?

Mein Traum ist eine internationale Bibliothek, in der ein modernes Lektorat die Community-Sammlungen ergänzt. Der Impetus geht auf die Zeit des „Sarrazin-Skandals“ und der so genannten Integrationsdebatte 2007 zurück. Dem ist ein Prozess der Selbstaufklärung voran gegangen, der in den 80er Jahren mit der Gründung der iranischen Bibliothek im universitären Gartenhaus am Judenkirchhof einsetzte und sich in den 90ern über die Errichtung der nordafrikanischen und kurdischen Sammlungen fortsetzte. Nach und nach haben wir die übrigen Bibliotheken entdeckt, wie zum Beispiel die Chinesische Leihbücherei.

Wie entstand das Projekt?

Ich habe in einer Arbeitsgruppe des Lokalen Integrationsplans der Stadt einen Entwurf vorgelegt. Den hat das Kulturamt aufgegriffen. Gemeinsam mit der Leiterin der Stadtbibliothek, Carola Schelle-Wolff, haben wir dann einen Runden Tisch ins Leben gerufen. Leider arbeiten dort noch nicht alle Bibliotheken mit. Vom technischen Direktor Uwe Nietiedt kam der gute Vorschlag, die Bestände zusammen mit dem GBV (Gemeinsamer Bibliotheksverbund, die Red.) originalschriftlich einzupflegen – nicht nur in Transliteration. Das war für mich ein wesentlicher Bestandteil, um uns am globalen Medienaustausch beteiligen zu können.

Was beeindruckt Sie am meisten?

Die geheimste aller geheimen Bibliotheken ist die türkische Freundschaftsbibliothek in der Kornstraße. Die kennt niemand. Wenn man zum richtigen Zeitpunkt vorbei kommt, sitzen dort ältere Damen und Herren, grillen und unterhalten sich über Marxismus und die Kurdenfrage. 2500 linke Bücher aus der Türkei, vom Feinsten. Das Extrem des Ausgegrenzt seins, 500 Meter vom türkischen Konsulat entfernt – einer Staatsinstitution, die sie hier tolerieren muss. Und natürlich die Menschen, die dieses Angebot oft unbezahlt und freiwillig am Leben erhalten und jetzt in die Öffentlichkeit drängen.

Inwiefern ist Hannah Arendt dabei eine Vorreiterin?

Hannah Arendt hat sich nicht nur selbst vor den Nazis gerettet, sie hat in den 30er Jahren von Paris aus Flüchtlinge nach Palestina geschleust. Denkerisch ist entscheidend, dass sie im New Yorker Exil über die Chancen forschte, die Migration für den Verfassungsprozess im politischen Leben bedeutet. Überdeutlich ist dabei ihre Schrift „Über die Revolution“, die ich für Arendts Hauptwerk halte. Die zukünftigen Gründer der Vereinigten Staaten von Europa kommen weder an unseren hoffenden Einwanderern, noch an der Rolle, die ihnen Arendt bei der Schaffung einer selbstverwalteten, föderativen Demokratie zuweist, vorbei.

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