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Meine Stadt Betriebsratsvorsitzender verlässt nach 40 Jahren Kaufhof
Hannover Meine Stadt Betriebsratsvorsitzender verlässt nach 40 Jahren Kaufhof
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00:20 02.04.2018
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Hannover

Die Chefs der hannoverschen Kaufhäuser wechseln fast so schnell wie die Modetrends. Vorbei die Zeiten fester Größen – wie einst Peter Schuppe für die Galeria Kaufhof am Ernst-August-Platz oder Oskar Marhoffer für Horten. Ein einziger Name im Einzelhandel hatte 40 Jahre Konstanz. Bis heute. Werner Preissner, Betriebsratsvorsitzender der Galeria Kaufhof an der Marktkirche, verabschiedet sich jetzt in den Vorruhestand.

Vom DeFaKa über Horten zu Kaufhof

„Irgendwann muss man mal jungen Leuten und neuen Ideen Platz machen“, findet der 61-Jährige. Als Bürokaufmann hatte er 1972 seine Ausbildung an der Ecke Schmiedestraße/Seilwinder Straße begonnen – damals noch bein Deutschen Familien-Kaufhaus, kurz DeFaKa genannt. Vier Jahre später war Preissner, geboren in Uelzen und aufgewachsen in Linden, Mitglied des Betriebsrats, und seit 1978 dessen Chef. Horten hieß das Unternehmen inzwischen.

„Unser Haus war das Flaggschiff in Deutschland“, erinnert sich Preissner. Damals gehörten zum Angebot noch Teppiche, Gardinen und Elektrogroßgeräte. 1200 Mitarbeiter zählte die Filiale, in der es zu der Zeit noch keine Selbstbedienung gab. Beratungsintensiv sei der Einzelhandel gewesen, findet Preissner. Das wünscht er sich zurück und meint, so könnten auch Kaufhäuser auf Dauer überleben.

Warenhäuser in der Krise

„Sich ein Stück neu erfinden“, rät  der Profi auch dem Kaufhof, der gerade in einer großen Krise steckt. Unter dem neuen kanadischen Eigentümer, dem Warenhauskonzern Hudson’s Bay Company, ist der Ertrag der Kette eingebrochen. „Ohne Gegenmaßnahmen droht die Zahlungsunfähigkeit“, zitiert das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ Einschätzungen des Managements.

Ob die düstere Prognose richtig ist? Preissner mag darüber nicht reden. Zu oft sei der Einzelhandel Illusionen aufgesessen, meint er. Beispielsweise der, dass eine Verlängerung der Ladenöffnungszeiten deutschlandweit 50 000 neue Arbeitsplätze bringen werde. Ein Irrtum; immer mehr Jobs gingen verloren.

Zu austauschbar seien die Innenstädte geworden, beobachtet der Experte. „Wenn man irgendwo aus dem Zug steigt und in der nächsten Straße shoppen geht, lässt sich das Angebot in München kaum von Essen oder Hannover unterscheiden.“ Man müsse die Innenstadt wertvoller für Kunden machen, ihr ein eigenes Gesicht geben.

Freizeit und Familie genießen

Jetzt aber will er aufhören mit guten Ratschlägen. Mit Frau Liselotte („Wir haben uns im Laden kennengelernt“) reisen, wandern, Sohn Jan-Philip in Bayern besuchen. Häufiger zur Gitarre greifen und für die nächsten Auftritte seiner Gruppe „Spätlese“ mit „Shanties, Seasongs, Salty Dogs“ proben. Das ist nicht nur Hobby, sondern ambitioniert. Als Preissner noch in Linden lebte und als Sozialdemokrat regelmäßig Gast beim damaligen Ortsvereinsvorsitzenden Egon Kuhn war, brachte ihn ein Abend mit Franz-Josef Degenhardt, Hannes Wader und Helmut Debus zum eigenen Gitarrespiel zurück.

Das muss in den 70er Jahren gewesen sein. 1972 trat Preissner in die SPD ein. „Willy wählen“, war damals das Motto und Willy Brandt der Vermittler für Aufbruchstimmung, Frieden, Versöhnung. Der Partei ist Preissner treu geblieben – noch heute als Ortsvereinsvorsitzender in Algermissen. Noch mehr aber hat ihn dann die gewerkschaftliche Arbeit interessiert, zuerst bei der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen HBV, später bei Verdi. „Seit 1974 war ich beteiligt an Tarifverhandlungen“, sagt er. Jetzt müssen andere die Kämpfe führen, den Mitarbeitern der  Galeria Kaufhof eine Zukunft möglichst ohne Sanierungstarifvertrag und damit erheblichen Gehaltseinbußen sichern.

Weiterhin im DGB

Nur dem DGB, dessen ehrenamtlicher Kreisvorsitzender er ist, bleibt Preissner erhalten. Heißt: Der geplante Urlaub in Irland darf auf keinen Fall kollidieren mit den Vorbereitungen für die Kundgebung zum 1. Mai. Preissner wird in der ersten Reihe marschieren und hoffen, dass die Teilnehmerzahl beim 1. Mai in Hannover wieder mal die anderer Städte toppt. „Natürlich ist es schade, dass wir  uns nicht mehr auf dem Klagesmarkt treffen können“, sagt er. „Aber bald hat auch der Trammplatz für uns Gewerkschafter eine gute Tradition.“

Vera König

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