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Meine Stadt Bernd Strauch: Auf Wiedersehen im Joyland
Hannover Meine Stadt Bernd Strauch: Auf Wiedersehen im Joyland
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00:20 18.10.2015
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Hannover

Ein Strauß mit weißen und roten Rosen steht neben dem Hochaltar mit den vergoldeten Flügeln. Davor ein Bild Bernd Strauchs. In der Marktkirche haben gestern hunderte von Menschen Abschied von dem ehemaligen Bürgermeister genommen. Nach schwerer Krankheit war der SPD-Politiker am 28. September verstorben.

Vielen war der frühere Sonderschullehrer aus Anderten ein Freund. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, Bundestagsvizepräsidentin Edelgard Bulmahn und Erbprinz Ernst August von Hannover sind gekommen, ebenso wie Ratskollegen oder der eine oder andere Senior, der sich wahrscheinlich fragt, warum der geschätzte Mann so früh, viel zu früh sterben musste.

Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann spricht es offen aus. Eine „unerbittliche Krankheit“ habe Strauch die Lebenskraft genommen. Am Bürgermeister der Herzen sei geschehen, „was Menschenleben auch ist: Zerbrechlichkeit, Kränkung, Abschied nehmen zu müssen mitten in der Zeit, wenn es doch eigentlich nicht vorgesehen ist“.

Eben noch habe er uns bezaubert, sagt Heinemann: „Und dann muss so einer krank werden. Da fängt man an zu ahnen, dass er auf Barmherzigkeit angewiesen sein wird - wie wir alle. Dass ihm die Kraft verloren gehen könnte - wie uns allen. Und weiter will man gar nicht denken.“

In der ersten Reihe des linken Kirchenschiffs sitzt die Familie: Frau Ulrike mit den Söhnen und der Tochter und Enkel Otto. In der ersten Reihe rechts haben drei Oberbürgermeister Platz genommen. Herbert Schmalstieg, Stephan Weil und Stefan Schostok.

Der amtierende, Schostok, spricht als Erster. Als die Nachricht von Strauchs Tod im Rathaus eingetroffen sei, „war es so, als würde der Puls der Stadt kurz innehalten“. Der Mann, der 28 Jahre lang dem Rat angehörte und 18 Jahre lang Bürgermeister war, sei ein Vorbild gewesen: leise, unaufgeregt, souverän, klar und gradlinig, authentisch.

„Wo Bernd war, sind ihm die Herzen zugeflogen“, ruft Ministerpräsident Stephan Weil danach in Erinnerung. Diese einzigartige Gabe sei ihm, dem freundlichen, bescheidenen, sozialen Menschen, reich beantwortet worden. Weil: „Er hat viel gegeben - der Stadt und seinen Freunden.“

Auch Ex-OB Herbert Schmalstieg, der noch eine halbe Stunde vor Strauchs Tod an seinem Bett in der Diakonieeinrichtung St. Aegidien saß, trauert um mehr als einen Wegbegleiter: „Im Festhalten unserer Hände hielten wir unsere Freundschaft fest.“

Zwischen den Reden spielt das Bernd-Strauch-Trio, aus dem jetzt ein Duo geworden ist. Wolfgang Müller am Keyboard, Fritz Wrzecziono am Saxofon und an der Klarinette erfüllen ihrem Freund einen letzten Wunsch mit „Stranger on the Shore“. Das Lied, hatte Strauch gebeten, möge doch auf seiner Beerdigung angestimmt werden.

Als die Krankheit, ein Hirntumor, den Bürgermeister „aufs Sterben zuführte“, habe er mit seinen Kindern gern Erinnerungen ausgetauscht, erzählt Heinemann. Wie alle ins Disneyland aufbrachen, in die Abenteuerwelt. So habe er sich eine spätere Begegnung in einem Sehnsuchtsland vorgestellt. „Joyland“, Land des Vergnügens, war das Wort für den heiteren Platz.

„Der Swing darf bleiben, und nicht nur der Blues“, sagt der Stadtsuperintendent, bevor die Stadt alle Trauernden zum Empfang ins Rathaus bittet. Auch dort steht ein Foto des Verstorbenen auf der großen Treppe, und trotz aller Gespräche ringsrum ist es so, als höre man noch einmal seine Stimme - wie zuletzt im St. Aegidien. „So, wir haben jetzt genug über mich geredet“, hatte Bernd Strauch entschieden, „erzähl jetzt mal lieber: Wie geht es dir?“ Und bevor die Stimme erstickte und Tränen in die Augen stiegen, schaffte man es gerade noch zu sagen: „Gut, sehr gut.“ Und zu denken: „Auf Wiedersehen im Joyland, mein Lieber!“

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