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Meine Stadt Aus für Traditionsfleischerei in Linden
Hannover Meine Stadt Aus für Traditionsfleischerei in Linden
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00:16 02.01.2016
DIE LETZTEN TAGE: 2016 weicht die Fleischerei, es kommt eine Bäckereifiliale von Göing. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

„Ich habe etwas für Sie, das ist genau das, was sie mögen“, sagt Yvonne Schönau (42) zu einem Stammkunden. Man spürt sofort: Die Fleischereifachverkäuferin kennt ihre Kunden ganz genau. Mit diesem Service ist jetzt Schluss. Morgen öffnet Fleischermeister Henning Gothe (58) zum letzten Mal den Laden auf der Limmerstraße. Damit ist der Weg des Fleischermeisters und seiner Frau Anke (54) hier zu Ende - nach mehr als hundert Jahren Familientradition.

„Wir müssen jetzt einfach zurückschrauben“, sagt der 58-Jährige und blickt wehmütig auf den Boden. Kein Wunder - immerhin steht er in seinem Geburtshaus. Schon sein Urgroßvater hat einst in dem Geschäft die Würstchen verkauft. Dann wurde das Familienunternehmen von Generation zu Generation weitergegeben. Aber in 112 Jahren hat sich viel getan. „Man findet kaum noch Personal. Wir standen hier früher zu acht, heute sind wir nur noch zu viert“, erzählt der Fleischer, der seit 1990 das Geschäft führt. Es mangelt an Nachwuchs. „Wir hätten dringend investieren müssen, aber ohne Kinder fragt man sich dann, wofür man das tun soll“, fährt er fort.

Der fehlende Nachwuchs sei nicht der einzige Grund für die Schließung - das Ende sei ein schleichender Tod gewesen. Mit Einführung der Fußgängerzone 2001 fiel die Kundschaft weg, die mit dem Auto durch die Limmerstraße fuhr - immerhin 30 Prozent der Kunden. Zusätzlich hätten sich auch die Essgewohnheiten der Menschen verändert. Fleisch spiele heute eine ganz andere Rolle. Plötzlich sah sich Henning Gothe mit Veganismus und Vegetarismus konfrontiert und machte seine ganz eigenen Erfahrungen: „Erst am Wochenende wurden uns wieder die Scheiben beschmiert.“ Und das sei nicht einmal das Schlimmste gewesen - er musste auch schon mal die Scherben der eingeworfenen Fensterscheiben wegfegen.

Gut, dass er während all der Höhen und Tiefen seine Frau an der Seite wusste. Anke hatte er während seiner Fleischerlehre in Asendorf (Landkreis Diepholz) kennengelernt - seit 38 Jahren sind die beiden zusammen. Ihre Beziehung sei besonders durch das Unternehmen zusammengewachsen - die Erinnerungen der letzten 25 Jahre verbinden. „Wir hatten hier immer viel zu lachen“, erinnert sich der Fleischer. Mit der Schließung habe Henning Gothe abgeschlossen, er wolle nur noch nach vorne blicken. Doch für seine Frau sei das alles ganz und gar nicht einfach - sie leide sehr.

Und auch die Kunden sind sehr traurig. „Ich habe 40 Jahre in Linden gewohnt, jetzt komme ich immer aus Hemmingen, um mein Fleisch zu holen“, sagt Rainer Prante (68). Doch das wird der Stammkunde ab morgen nicht mehr können. Denn wenn die Fleischerei morgen Mittag schließt, beginnen im neuen Jahr die Umbauarbeiten - eine Bäckereifiliale der Firma Göing zieht in die Räumlichkeiten ein. Auch wenn das sehr traurig ist, bleibt immerhin ein kleiner Trost: Henning Gothe geht den Lindenern nicht verloren - er betreibt weiterhin seine Kneipe „Lorberg“.

Von Mandy Sarti

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