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Meine Stadt Aufstand in Hannovers gefährlichster Kita
Hannover Meine Stadt Aufstand in Hannovers gefährlichster Kita
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00:15 28.03.2017
Besorgte Mütter: Nilüfer Tunc, Somayeh Banar und Selvane Gasi (von links). Ihre Kinder dürfen nicht mehr den Außenbereich der Kita Canarisweg benutzen. Weil von den umliegenden Balkonen Kippen, Müll, Möbel und Elektrogeräte herunterfallen. Foto: Wilde
Hannover

Der Stadtteil Mühlenberg gilt als sozialer Brennpunkt. Hier im Osten der Stadt prallen verschiedene Kulturen aufeinander, sind Arbeitslosigkeit oder prekäre Lebensumstände mehr die Regel als eine Ausnahme. Fast schlüssig, dass auch Gewalt und Kriminalität überdurchschnittlich stark in diesem seit Jahren abgehängten Viertel irgendwie dazugehören.

Der Canarisweg steht nahezu stellvertretend für all das. Mausgraue Betonburgen prägen das Bild. In eben dieser Straße, in einem dieser tristen Hochhäuser – genauer in Hausnummer 21 – befindet sich die städtische Kita Canarisweg. 32 Kinder besuchen den Kindergarten, der mit dem Markenzeichen „Bewegungskita“ ausgezeichnet ist. Bewegung und Sport haben hier einen hohen Stellenwert. Doch seit mehreren Wochen können die Drei- bis Sechsjährigen nur drinnen spielen. Das Außengelände ist aus Sicherheitsgründen Sperrgebiet für die Kleinen. Der erschreckende Grund für diese drastische Maßnahme der Stadt: Anwohner werfen immer wieder Müll, Zigaretten oder ganze Aschenbecher von ihren Balkonen.

Mutter Selvane Gasi: „Auch ganze Möbel oder Elektrogeräte sind schon runtergeflogen.“ Die Spuren sind unten zu sehen: Scherben, Zigaretten, mehrere Tacker. Vor etwa vier Wochen verfehlte ein Glasaschenbecher nur knapp den Kopf einer Erzieherin. Die Stadt, die bereits mehrfach Gespräche mit den Bewohnern geführt hatte, erstattete Anzeige gegen unbekannt. Am nächsten Tag wurden die Kita-Eltern über die Gefahr informiert. Seitdem ist das Außengelände Sperrzone für die Kinder. Bildungsdezernentin Rita Maria Rzyski hat das Budget der Kita erhöht, damit mehr Ausflüge mit den Kindern unternommen werden, bis das Problem gelöst ist. Doch die Mütter beklagen: „Jetzt ist es meistens so, dass die Kinder den ganzen Tag im Gebäude sind.“ Höchstens in kleinen Gruppen würden die Kinder auf einen benachbarten Spielplatz, der oft zum Dealen genutzt werde, gehen: „Das kann doch auf Dauer keine Lösung sein“, protestiert Karolina Wicinska. Die Mutter lebt seit ihrer Kindheit am Mühlenberg: „Ich bin hier groß geworden, Ein schöner Stadtteil war das noch nie. Aber mit den Jahren wird es immer schlimmer. Wer hier lebt, der hat keine Zukunft.“ Und keine Lobby, auch darin sind sich die Eltern einig: „Für uns interessiert sich keiner. Die Politik hält uns immer nur hin. Aber auch wir gehören zu dieser Gesellschaft. Und unsere Kinder“, sagt Nilüfer Tunc.

Der triste Betonklotz Ca­narisweg 21 gehört zum Bestand des Wohnungsbauunternehmens Vonovia. „Wir bedauern sehr, dass es zu diesem Zwischenfall gekommen ist“, so Sprecherin Bettina Benner. Nach dem jüngsten Vorfall sei man sofort auf alle 40 Mieter des Hauses zugegangen, mit der Bitte, „dafür Sorge zu tragen, dass keine Gegenstände von den Balkonen fallen können“. In der nächsten Woche sollen zudem alle Netze, die noch an den Balkonen sind, ge­prüft und, wenn nötig, repariert oder erneuert werden. Benner: „Wir sind an dem Thema dran, stimmen alle Maßnahmen mit der Stadt ab.“

CDU-Politiker Jesse Jeng, der für den Wahlkreis 27, zu dem auch Mühlenberg ge­hört, in den Landtag einziehen will, machte sich gestern vor Ort ein Bild von der Pro­blematik: „Erschreckend, wie abgehängt dieser Stadtteil ist, wie völlig unterschiedlich Kinder hier im Vergleich zu anderen Vierteln aufwachsen.“ Es sei zentral wichtig, dass die Bewohner, die hier ihren Müll unachtsam runterwerfen, endlich auch die Konsequenzen für ihr Handeln zu spüren bekommen. Jeng: „Wer Sachen auf Kinder wirft, macht sich strafbar.“ Zudem fordert er eine bessere Kinderbetreuung für Mühlenberg und ein echtes Sozialkonzept. Jeng: „Es kann doch nicht angehen, dass hier eine Betreuungsquote von unter 50 Prozent herrscht und in der List von 106 Prozent.“

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