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Meine Stadt Organspende: Auf der Warteliste des Lebens
Hannover Meine Stadt Organspende: Auf der Warteliste des Lebens
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00:21 16.03.2018
GEBEN DIE HOFFNUNG NICHT AUF: Monika Marks legt schützend ihren Arm um ihre schwerkranke Tochter Celina. Die 16-Jährige wartet in der MHH auf eine Niere. Quelle: Foto: Dröse
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Hannover

 Celina Marks (16) weiß, dass ein anderer Mensch sterben muss, damit sie leben darf. Einmal sagte sie vor einem Wochenende, an dem die Wetterdienste vor Glatteis warnten, zu ihrer Mutter Monika: „Vielleicht habe ich Glück und es gibt ein paar Unfälle mit Toten.“ Celina hatte kein Glück. Noch immer wartet die Schülerin auf ihren Lebensretter, der ihr eine Niere schenkt und damit neues Leben.

Die heute 16-Jährige kam mit einer Nierendysplasie, einer fehlerhaften Entwicklung der Nieren, zur Welt. Ihre Zwillingsschwester blieb von der schweren Krankheit verschont. Bereits ein Jahr nach ihrer Geburt bekam Celina eine neue Niere. 13 Jahre arbeitete das fremde Organ in ihrem Körper. „Wir konnten ihre Krankheit bis zur Abstoßungsreaktion gut ausblenden. Das war eine schöne Zeit“, erzählt Mutter Monika Marks, die selber Ärztin ist.

 Eigentlich hätte die Niere länger halten sollen, erklärt MHH-Kinder-Nierenarzt Lars Pape: „Im Schnitt gehen wir bei Kindern immer von etwa 20 Jahren aus.“ Doch im November 2016 versagte die Spenderniere. Mutter Monika erinnert sich: „Meine Tochter wäre fast gestorben. Es ging ihr sehr, sehr schlecht.“ Seitdem steht Celina wieder auf der Warteliste von Eurotransplant. Die Suche nach einem passenden Organ sei dieses Mal schwieriger, so Mediziner Pape: „Durch die erste Transplantation hat ihr Körper viele Antikörper gebildet.“ Im Schnitt warten Kinder in Deutschland zwei bis drei Jahre auf eine Spenderniere, in Spanien lediglich wenige Wochen. „In keinem anderen europäischen Land warten Kinder so lange auf ein neues Organ wie in Deutschland. Weil bei uns Kinder nicht vorrangig behandelt werden“, so Lars Pape. Das Warten bis zum rettenden Anruf ist für Celina hart und lang. Seit Jahresbeginn geht sie zwar wieder zur Schule, spielt Klavier, Tennis und reitet, echte Lebensqualität gibt es aber kaum.

Weil ihre Nieren nicht mehr arbeiten, bekommt die 16-Jährige eine Bauchfelldialyse. Der Vorteil: Sie kann die Behandlung zu Hause be­kommen. Der Nachteil: Sie muss jede Nacht zwölf Stunden an das Dialyse-Gerät angeschlossen sein. „Das macht jedes Sozialleben eines Teenagers kaputt“, sagt ihre Mutter. Es sei eine gute Alternative, sagt der Mediziner. „Ohne neue Niere wird mein Kind sterben“, weiß die Mutter. Die Dialyse mache Celina immer infektanfälliger. Fast wäre sie in der vergangenen Woche bereits an einer Grippe gestorben. Seitdem liegt sie wieder in der MHH. Sieben Tabletten morgens und genauso viele abends nimmt Celina täglich ein. Alle vier Wochen gibt es zusätzlich eine Dopingspritze, um die Blutbildung anzuregen. „Und wenn sie mal Pommes isst oder Cola trinkt, muss sie Phosphatbinder nehmen“, berichtet ihre Mutter. Eine Tortur. Und doch ist da fast immer dieses Lächeln auf Celinas Lippen. „Ist doch besser, als zu weinen“, sagt sie. Es sei natürlich „sehr belastend“, aber sie ist sicher: „Irgendwann kommt der Anruf, und dann ist meine neue Niere da. Es muss einfach so kommen.“

Einmal klingelte es schon. Im vergangenen Herbst. „Das war so schön, als wir zur Klinik fuhren. Aber das Ende war nicht so toll.“ Die Spendernieren passten nicht. Celina muss weiter warten.

Warum gibt es so wenige Spenden?

Die Zahl der Organspenden in Deutschland ist weiter im Sinkflug. Im vergangenen Jahr gab es nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) nur 797 Organspender. Ein dramatischer Einbruch: 2011 hatte die DSO  noch 1200 Organspender gezählt.

Auf der anderen Seite steht diese Zahl: 7924 Menschen warteten 2017 auf eine Niere, 1086 auf eine Leber, 391 benötigten zum Überleben eine Lunge. Insgesamt stehen in Deutschland mehr als 10 000 auf der Warteliste für ein neues Organ. Was sind die Gründe für den Mangel an Spenderorganen? Professor Lars Pape, Kinder-Nierenspezialist an der MHH, sieht mehrere: „Generell ist die Spenderbereitschaft in Deutschland schlecht. Außerdem hängen wir mit der Gesetzgebung hinterher. Wir brauchen ein Gesetz, das Über-Kreuz-Spenden erlaubt“ – also einen Austausch zwischen einander unbekannten Paaren. Bruno Mei­ser (55), Prä­si­dent der Stif­tung Eu­ro­trans­plant, hält auch die Widerspruchslösung für eine Chance, die Spenderzahlen zu heben – dann gilt jeder als potenzieller Organspender, bis er dem widerspricht.

MHH-Mediziner Pape sieht ein  Hauptproblem aber bei den Krankenhäusern selbst. „Das Bewusstsein für Organspende ist in den Kliniken zu gering“, so Pape. Es gebe „zu viele Hürden und zu wenige Anreize“, sagt Meiser. So bekommt ein Kran­ken­haus von den Krankenkassen pro Or­gan­spen­der rund 5000 Euro, sofern meh­re­re Or­ga­ne ent­nom­men wer­den. Bei einem Organ sind es nur 3900 Euro. Gedeckt werden damit ausschließlich die Ent­nah­me­kos­ten, keine weiteren Ausgaben, die zwangsläufig anfallen. Kliniken dürfe „kein wirtschaftlicher Schaden durch Organentnahme entstehen“, so Pape. 

Von Britta Lüers

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